Ducati S 750 ie NudaCarenata

Ducati S 750 ie NudaCarenata


Eine Super-Flitz-Karre, die wo total schnell ist

Für Biker ist größerer Frust kaum denkbar, als sich nach MV zu sehnen, aber nur MZ bezahlen zu können. Ähnlich ist es bei den Desmo-Bikes aus Bologna: eine 996 Replica ist das Objekt der Begierde, doch das Geld reicht gerade für eine 600er Monster - und die Idee des Sportmotorrads bleibt ganz auf der Strecke.

Das wird jetzt anders. Für den Anfänger, der endlich den Führerschein für die offene Klasse in der Tasche hat, stellte Ducati auf der Intermot die 750 Sport vor. Sie soll den Erfolg der Monster 600, die in Italien auf Platz 1 der Zulassungsstatistik liegt, im Sportsektor wiederholen. Die 750 Sport entspricht dem Konzept der Monster Dark - für Desmo-Verhältnisse billig, mit rudimentärer Ausstattung und jeder Farbe erhältlich, solange sie mattschwarz heißt. Und der Name erinnert an das erste Ducati-V2-Sportmotorrad von 1971, also bevor die Zielgruppe der neuen 750 Sport überhaupt geboren war. In der modernen 750 Sport steckt die auf 750 ccm verkleinerte Version des 900-Motors, der vor drei Jahren überarbeitet wurde. Soll heißen, der 750er-Einspritzermotor ist luftgekühlt und hat ein Fünfganggetriebe im Gegensatz zur luft-/ölgekühlten aktuellen 900er. In dieser Version leistet der neoklassische OHC-Desmo-Zweiventiler 62 PS bei 8250 U/min. Wie alle Ducati-Motoren ist jetzt auch dieser in einem gefälligen Silber-metallic lackiert - sogar die Zahnriemendeckel, was mit dem bronze-metallicfarbenen Stahlrohrrahmen und der mattschwarzen Halbverkleidung einen schönen Kontrast bildet. In dieser Form kostet die 750 Sport 7.309,43 Euro, mit Vollverkleidung 7.609,56 Euro - viel Motorrad fürs Geld, was sicher eine ganz neue Generation von Sportfahrern an Ducati und die Desmo-Welt binden wird. Doch leider gilt auch hier: Man bekommt, wofür man bezahlt.

Soll heißen, an Ducati-Standards gemessen ist die neue kaum mehr als ein schwacher Schimmer von dem, was man sich verprochen hat, und weit davon entfernt, das Paradies zu repräsentieren. Obwohl die Maschine zweifellos klassisch und zu ihrem Preis gut ausgestattet wirkt, fehlt das gewisse Etwas. Fühlt sich beim Aufsteigen noch gut an, obwohl die 815 Millimeter Sitzhöhe für Novizen unter den Sportbikern, Leute mit etwas weniger Körpergröße oder Frauen nicht sehr entgegenkommend sind. Doch die über der oberen, ärmlich aussehenden Gabelbrücke montierten Stahl-Lenkerstummel sind ziemlich weit von dem hohen Sitz entfernt, so dass viel Gewicht auf den Handgelenken lastet - und das kann schnell ermüdend wirken. Aber die Instrumente sehen ganz gut aus, obwohl es eine Schande ist, dass man heutzutage an keiner Ducati mehr Veglia-Uhren mit weißen Zifferblättern bekommt. Der Sitz ist recht komfortabel, auch für den Passagier, der aber unter den zu hoch angebrachten Soziusrasten zu leiden hat. So weit, so gut.

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Bologneser Schönheit

Nach dem Druck auf den Starter und kurzer Warmlaufphase, wenn also der Motor seine typischen V2-Äußerungen aus den beiden Schalldämpfern entlässt, kommt die Sonderangebots-Natur der 750 Sport ganz zum Vorschein. Der Einspritzer reagiert exakt auf die Gashand und baut bei steigenden Drehzahlen sanft Leistung auf - aber in der 750er-Version wirkt das alles etwas verschlafen und nicht so markig, wie bei der 900er, was durch den fehlenden sechsten Gang noch unterstrichen wird. Das wäre okay, wenn man über eine Monster sprechen würde, doch ein Sportmotorrad will anders gefahren werden. Dem 750er-Motor scheint es tatsächlich an Drehmoment zu fehlen, was ich von einem Desmo-V-Twin nie erwartet hätte. Die 61 Nm liegen bei vergleichsweise hohen 6000 Touren an. Man muss die 750 Sport tatsächlich ziemlich ausdrehen, um brauchbare Leistung zu bekommen, und wer unter 3000 Umdrehungen den Hahn aufreißt, wird mit Ruckeln im Antriebsstrang bestraft. Zwischen 4- und 7000 ist die Antwort besser, unterstrichen von einem großartigen Auspuffton - allein die Beschleunigung verdient den Namen nicht. Eine 600er Bandit, ja sogar eine CB 500 scheinen schneller zu sein. Dreht man den Motor noch näher am Zenit bei 8250 U/min, nimmt auch die Leistung zu, begleitet von ein paar Vibrationen. Und genau hierfür bräuchte man den sechsten Gang: Das Getriebe wäre enger gestuft und man könnte die Maschine besser ausquetschen.

Immerhin lässt sich das Getriebe ganz präzise schalten, doch die Kupplung geht so schwer wie immer. Man muss schon arbeiten, um aus der Maschine Leistung herauszuholen, aber das Ergebnis macht im Vergleich nicht so viel Spaß wie auf anderen Ducatis. Doch das Handling hat die 750 Sport von den anderen Bologneser Schönheiten geerbt, verfügt sie doch über das selbe, bewährte Stahlgitter-Rahmenkonzept, was zusammen mit den serienmäßigen Dunlop-Reifen für stabiles, aber sensibles Fahrgefühl steht. Die Bereifung ist für Anfänger im Sportbereich weit besser geeignet als die Michelins, die man normalerweise an Ducatis findet, weil die Dunlops einen breiteren Grenzbereich haben: sie verzeihen mehr. Dies ist umso wichtiger, als die vordere Showa-Gabel nicht einstellbar ist, Fahrstil und dem Körpergewicht des Piloten also nicht angepasst werden kann.

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Kostenrechnung war hier offensichtlich ausschlaggebend, genauso wie bei der Entscheidung, nur eine einzelne 320-mm-Bremsscheibe am Vorderrad zu verbauen. Die allerdings liefert das Feedback und die Bremsleistung eines Holzklotzes: Man muss schon sehr fest zugreifen, um das Bike zum Anhalten zu bewegen. Wenn man mit zwei Fingern am Hebel zieht, um ein wenig überschüssige Geschwindigkeit vor einer Kurve zu vernichten, passiert nichts, es braucht die ganze Faust - und das Gefühl geht verloren. So eine Bremse hat an einem Sportmotorrad nichts zu suchen! Immerhin arbeitet die hintere Bremse recht gut, doch hier wird der 160er-Reifen schnell überfordert, denn auch die Motorbremse ist deftig. Eine Kurve mit zu viel Geschwindigkeit anzugehen, ist zweifellos die Nagelprobe für das Handling eines Motorrades. Doch hier gibt es nichts zu meckern, außer vielleicht, dass die Gabel nicht einstellbar ist. Für meinen Geschmack hätte es vorn und hinten ein wenig mehr Zugstufendämpfung sein dürfen - die 750 Sport schwingt ganz kurz nach - aber wirklich notwendig war es nicht, am hinteren, voll einstellbaren Federbein herumzudrehen. Die Höchstgeschwindigkeit liegt nach Tacho bei knapp 200 km/h, aber das ist weder für den Motor noch den Fahrer ein Vergnügen. Beide fühlen sich wohler bei 7000 U/min bzw. 140 km/h, wo der Fahrtwind am Oberkörper beginnt, die Handgelenke zu entlasten. Noch ein positives Detail ist zu erwähnen: Ducati hat endlich den selbstmörderisch einschnappenden Seitenständer abgeschafft und durch ein Standbein ersetzt, das aktiv eingeklappt werden muss. Seltsamerweise ist der Sicherheitsschalter am Ständer so verdrahtet, dass man den Motor noch nicht mal im Leerlauf tuckern lassen kann, wenn der Ständer ausgeklappt ist. Warum nur?