Moto Guzzi California 2006

Moto Guzzi California 2006


Die perfekte Welle

Wer in den Siebzigern ein cooler Rocker oder ein hartgesottener Tourenfahrer sein wollte, der schwang seinen belederten Hintern entweder auf eine Harley-Davidson, oder auf eine Moto Guzzi California. Beide bedienten das Windgesichter-Lonesome-Rider-Image nicht nur, sondern prägten es erst. Denn wer eine Guzzi fuhr, der war hart im Nehmen und kannte sich mit der Schrauberei bestens aus. Es blieb ihm ja auch gar nichts andere übrig, wollte er von A ins weit entfernte B gelangen!

Heute sieht die Sache ganz anders aus. Naja, genau genommen sieht die Moto Guzzi California gar nicht viel anders aus als ihre Ahnen. Da gibt es Speichenräder in Dimensionen, die im Vergleich zur Konkurrenz wohl eher als Trennscheiben durchgehen würden und einen geschwungenen Lenker, der mit dem gängigen Breitgeweihstil nicht das Geringste zu tun hat. Hoch wölbt sich der Tank über die seitlich herausstehenden hochglänzenden Ventildeckel auf den massiven Zylinderköpfen. Dafür ist die Sitzbankmulde schön tief ausgeformt. Der Beifahrer thront weit darüber und kann sich an der klappbaren Rückenlehne entspannen. Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, das Hinterrad würde viel zu weit vorne im weit herunter gezogenen Radlauf stecken. Irgendwie passt die neue California gar nicht mehr ins heute übliche Cruiseroutfit, das eher lang, flach und gestreckt daher kommen soll. Oder muss? Ich bin skeptisch, was den Auftritt am Bikertreff angeht. Andererseits schaut das Teil verdammt sympathisch, nostalgisch und vor allem ehrlich aus.

Der Tank ist ein Tank und keine plastifizierte Luftfilterabdeckung. Die Lafranconi-Tröten sind nicht wirsch von Sammler zu Sammler mit diversen Abschirmblechen versteckt verlegt, sondern blasen den bellenden V-2 Sound direkt nach hinten weg. Das feuerrote Spielmobil lebt. Und wie wir es von einer Italienerin nicht anders erwartet haben, tut sie das auch lautstark kund.

Rotes Dampfkatapult

Direkt ist auch die Antriebseinheit gestaltet. Längsliegende Kurbelwelle, hinten angeflanschtes Getriebe, das in der gleichen Richtung die Kraft an die Kardanwelle zum Hinterrad weiterleitet. Gekuppelt wird trocken, mit einer Scheibe. Entsprechend direkt fällt auch der Vortrieb aus. Die California ballert nach einlegen des ersten von fünf Gängen, das sie mit einem lauten Klonk quittiert, ab Standgas los, wie vom Dampfkatapult abgeschossen. Pro Zylinder und Arbeitstakt werden knapp 540 ccm Gemisch vernascht. Die Leistungsausbeute fällt nominell gesehen mit 54 kW bei 6.400 Umdrehungen nicht gerade Schwindel erregend aus. Doch die gefühlte Power entscheidet. Und die ist da. Zudem gibt sich die Guzzi trotzt Stösselstangen Ventiltrieb ziemlich drehfreudig und legt obenrum nochmal richtig Feuer nach. Zwar hört man deutlich die Stangen schäppern, wenn die Drosselklappen auf Durchzug gestellt werden, doch das muss der Apparat ab können. „Tut er auch!“, versichert uns der Moto Guzzi Techniker. Schließlich ist das Triebwerk in dieser Bauart schon seit zig Jahren unterwegs. Und außerdem haben gerade zur Modellgeneration 2006 die Ingenieure nochmals an den thermischen Belastbarkeit von Ventilen, Kolben und Zylindern gearbeitet. Kinderkrankheiten oder Überlastungserscheinungen sind daher nicht zu erwarten. Dafür umso mehr Cruiser-Feeling. Eigentlich egal, welcher Gang bei welcher Geschwindigkeit anliegt. Ein Dreh am Gasgriff reicht, um die Fuhre auf Trab zu bringen. Ein beeindruckendes Durchzugserlebnis. Adäquat intoniert und begleitet von den Lafranconi-Blech-Bläsern.

Moto Guzzi California 2006 04

Auch den Eisdielenfaktor hatte ich deutlich unterschätzt. Unser 1.000 Kilometer-Run zum MOGO nach Hamburg förderte Erstaunliches zu Tage. Als wir mit etwa 110 km/h auf der rechten Spur im Fünfer auf der perfekten Drehmomentwelle der California dem Elbestrand entgegen surften, die Sonne wärmend von der Seite im Schlepptau, fingen mich nach einiger Zeit die extra langsam an uns vorbei fahrenden PKW an zu nerven. Mama und Papa mit dem Kleinen auf der Rückbank schienen sich sehnsüchtig an ihre Jugendträume erinnert und versuchten uns freundlich das Eisen zwischen den Schenkeln weg zu starren. Zum Glück ohne Erfolg! Doch nicht nur das Mittelalter steht auf Guzzi. Nein, auch der freundliche Reggae-Rastafari, zweifellos ein direkter Nachkomme Bob Marleys, gestand uns beim Halt an einer roten Ampel mitten auf der Hafenstraße aus einem verrosteten 207 in bestem Pigeon-English seine Bewunderung: „Ya gatta verrrry, nice bike, brotha!“. Nicht nur aus reiner Freundlichkeit erwiderte ich sein Kompliment aufrichtig. Schließlich steh ich tatsächlich auf verrostete Lieferwagen.

Moto Guzzi California 2006 05

Edel-Stahl

Apropos Rost: Die Verarbeitung der Moto Guzzi California lässt nichts zu wünschen übrig. Selbst die kleinsten Schräubchen sind aus Edelstahl. Das Bremssystem von Brembo bringt den Apparat jederzeit sicher zum Stehen. Ein Schock für Sportpiloten ist dabei allerdings, dass mit der Vorderbremse allein kein Stoppie zu machen ist. Fußpedal rules! Einfach mit der Hacke vom Trittbrett auf das große Bremspedal latschen und die Fuhre verzögert beispielhaft. Das liegt am modernen Integralbremssystem, welches bei Betätigung des Fußbremspedals vorn mit einem der zwei Vierkolben Brembo-Oro Sätteln auf eine der 320er Scheiben beißt und hinten mit einem Zweikolbensattel die 282er Scheibe maltraitiert. Allerdings ist, wie erwähnt, der 13mm Kolben der Handpumpe allein nicht ganz in der Lage, für vehemente Verzögerung der trocken 251 Kilo schweren, oder besser gesagt leichten, Cruiser-Fuhre zu sorgen. Also merken: Der californische Fuß bremst besser immer mit!

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