Triumph Bonneville

Triumph Bonneville


Back to basics

Triumph Bonneville - ein Bike, so klassisch britisch und zeitlos wie Fish & Chips mit frischem Guinness. Very british, indeed!

Sanfte Rundungen

Es regnet im herbstlichen Oxford in England. Ein fast widerlich böiger Oktoberwind wirbelt die gelbgoldenen Blätter der Parkbäume über den grau-verschlammten Asphalt der traditionsreichen Universitätsstadt im Nordwesten Londons. Fußgänger, die Köpfe eingezogen oder unter Kapuzen versteckt, hasten, von Schirmen geschützt, durch die mit bunten Schaufenstern lustig gesprenkelten Gassen, gegenüber reckt sich drohend-mächtig ein alter, reich verzierter Kirchturm in den wolkenverhangenen Himmel, Tauben flattern hektisch durchs Gezinne. Ein Radfahrer kämpft mit einer abgesprungenen Kette, ein doppelstöckiger Omnibus bespritzt eine Passantin mit dem braunen Inhalt einer Pfütze, der Stummel meiner Guten-Morgen-Zigarette glimmt noch einmal kurz auf, ehe ihn ein Regentropfen endgültig zum Erlöschen bringt. Mich fröstelt. Ich stülpe den mit einem Anti-Fog-Visier auf das britische Inselwetter abgestimmten Helm über den vom üppigen Guinness-Genuss des Vorabends noch etwas dicken Kopf, wurschtle die Ärmelränder der dick wattierten Jacke über die Stulpen der klammen Handschuhe. Dabei schweift mein Blick über die sanften Rundungen der neuen Triumph Bonneville, derentwegen ich hierher gereist bin.

Das klassisch-schöne Motorrad passt in die Umgebung - die ganze Szene erinnert an die Motive alter englischer Stiche. Mir wird warm ums Herz. Meine Augen streicheln über die wohlgerundeten, aus echtem Blech gedengelten Kotflügel über die mit Reifen im klassischen Format versehenen, schmucken Stahlspeichenräder, streifen den Rundscheinwerfer, die schwarze Gabel, den breiten Lenker vor dem schlanken, zweifarbigen Tank mit den schönen, gegossenen Triumph-Emblemen, gleiten über die runden Ventildeckel hinunter zu den üppig verchromten, dreieckigen Motordeckeln, wieder hinauf zum einladend bequem aussehenden Sattel und bleiben schließlich an einem wie eine schwarze Perle glitzernden Wassertropfen hängen, der träge über das hintere Schutzblech rollt und zu Boden stürzt. Dieses Bike sieht aus, als stünde es schon mehr als 40 Jahre unverändert an diesem Ort. Ein Triumph-Mitarbeiter stört die Idylle, weckt mich aus meinem Tagtraum, drückt mir zwei Schlüssel in die Hand.

Wadenmuskeln überflüssig

Wie in der guten alten Zeit hat auch die neue Triumph Bonneville ein Steckschloss rechts am Lenkkopf. Eigentlich ein Anachronismus, aber zu diesem Bike passt es. Der zweite Schlüssel passt in das links an der Lampe angebrachte, nicht sehr diebstahlsichere Zündschloss. Aber Triumph bietet eine Alarmanlage mit Kurzschluss-Sicherung an. Gravierender Unterschied zur alten Bonneville: die Wadenmuskeln werden geschont. Ein elektrischer Anlasser erweckt den luftgekühlten 790-ccm-Twin, in dessen Bohrungen die beiden dicken Kolben im Parallelschwung auf- und niedersausen, zum Leben. Vorausgesetzt, man hat vor dem Druck aufs rote Knöpfchen den links am, mit einem Drosselklappensensor ausgerüsteten, Doppelvergaser sitzenden Choke gezogen. Schön gemacht: die Designer versteckten den Ölkühler dezent hinter den Rahmenzügen, oberhalb der beiden Krümmer, welche in mit ungeregelten Katalysatoren bestückten "Peashooter"-Schalldämpfern enden, denen leider nur unwesentlich mehr als ein heiseres Röcheln entfleucht. Ich bin zutiefst enttäuscht! Zwar bietet Triumph für die Bonneville auch ein Zoll kürzere Sportauspuffe an, welche nicht nur entscheidend besser tönen, sondern auch, so ein Triumph-Techniker, bis zu zehn PS Mehrleistung bringen sollen. Diese sind allerdings selbst in England illegal und daher nur eine diskutable Variante für all jene, die gerne Geld-bussen zahlen oder mit ihrer Bonneville auf gesperrten Rennstrecken fahren möchten.

Locker im Sattel

Der Motor ist nun warm, ich nehme auf der gestreckten, äußerst bequemen Sitzbank Platz, die Hände finden von selbst die Griffe am breiten, sanft geschwungenen Lenker. Alle Knöpfe und Hebel sind am richtigen Ort angebracht, der Blinkerschalter allerdings wirkt billig. Dafür bieten die Rückspiegel gute Sicht nach hinten. Nett: Der Sattel ist so niedrig, dass auch kleine Menschen locker den Boden erreichen. Die Maschine ist gut ausbalanciert, wirkt deutlich leichter als die 205 Kilogramm Trockengewicht, welche Triumph im Datenblatt angibt. Mit einem sanften Klick rastet der erste der fünf Gänge ein. Wie sich auf der folgenden Testfahrt herausstellen sollte, funktioniert das Getriebe mustergültig, die Kupplung ist leichtgängig und gut dosierbar. Hurra, ich rolle. Hoch über dem Motorrad thronend, mehr auf als im Bike platziert, tuckere ich durch den Verkehr in Oxfords Innenstadt, drehe am Ortsende angesichts einer vierspurigen, schnurgeraden Straße entschlossen das Gas auf. Die Ventile schnattern, die Auspuffe röhren beim Beschleunigen glücklicherweise etwas lauter, der Motor vibriert dank zweier Ausgleichswellen nur minimal, in gewissen Drehzahlbereichen aber nervig fein. Es kommt Motorrad-Feeling auf. Locker und beschwingt lässt sich die neue Bonneville dirigieren, jede Bewegung am Gasgriff wird vom Motor sofort in Vortrieb umgesetzt. Allerdings: Wer angesichts der versprochenen 60 PS Leistung und eines Drehmoments von 62 Nm bei moderaten 3500/min ein Leistungsfeuerwerk erwartet, wird ernüchtert feststellen, dass Drehfreude für den Langhuber eher ein Fremdwort ist. Nur zäh klettert die Drehzahl, schon bei 80 km/h im fünften Gang wirkt der Motor gar allzu lustlos. Doch nach einer gewissen Eingewöhnungszeit finde ich Gefallen am ruhigen Charakter der Bonneville.