Honda XL 1000 V Varadero

Honda XL 1000 V Varadero


Fastenkur

Nach vier Jahren gönnt Honda der mächtigen Reiseenduro XL 1000V Varadero eine grundlegende Erneuerung. Neben Einspritzung, Sechsgang-Getriebe und Katalysator gab es auch eine gehörige Portion mehr Sportlichkeit. Dafür verdonnerte Honda das Dickschiff zu einer lohnenden Fastenkur.

Die Honda XL 1000 Varadero kam 1999 als wahrhaft dickes Kind zur Welt. Mächtig, schwer, kraftvoll und mit ausladenden Rubensformen gesegnet, begeisterte sie vor allem groß gewachsene Tourenfans. Andererseits enttäuschte die neue Reiseenduro all jene Honda-Fans, die sich seit Jahren eine Africa Twin mit der Power des vollen Liters Hubraum gewünscht hatten. 

Gutes ist geblieben

Zwar präsentiert sich die zweite Generation des Honda-Adventure-Tourers nun deutlich schlanker und mit aggressiveren, kantigeren Formen – aber nach Wüstenspaß gelüstet es der, nach wie vor auf Gussrädern daher rollenden, Enduro noch immer nicht so recht. Geblieben sind alle wichtigen Features wie uneingeschränkte Soziustauglichkeit, guter Wind- und Wetterschutz und ordentlich Power in allen Drehzahl-Lagen. Verbessert wurden, neben dem Styling, die Alltags-Werte: So soll der neu mit Einspritzung und einem sechsten Gang mit Overdrive-Charakter ausgerüstete V2-Motor wesentlich weniger Sprit verbrauchen als der, nicht zu Unrecht, als hemmungsloser Säufer zu unrühmlicher Bekanntheit gelangte, Vergaser-Motor der alten Varadero.

    

Wesentlich sparsamer

465 Kilometer Reichweite verspricht Honda, soll die neue Varadero mit einer Füllung des 25-Liter-Tanks schaffen – das entspräche einem Verbrauch von etwa 5,4 Litern auf 100 Kilometer. Und in der Tat zeigte die ins neue, übersichtliche Instrumentarium integrierte Verbrauchsanzeige selten mehr als sieben Liter/100 km an. Leider gibt diese Anzeige aber, alle paar Sekunden aktualisiert, nur den momentanen Spritverbrauch an. Eine Durchschnittsverbrauchsanzeige fehlt. Daher tankten wir nach Absolvierung der gut 250 Kilometer langen Testtour einfach ungefragt nach. Und siehe da: Trotz spritraubender Fotofahrten und einem nicht gerade zimperlichen Tempo auf einer langen Autobahnetappe, begnügte sich die Honda mit knapp über sechs Litern auf 100 Kilometer. Es geht also doch!  

Kavalierstart alt vs. neu

Dass ein geregelter Dreiwege-Kat samt Lamdasonde und Sekundärluftsystem die weniger gewordenen Abgase noch effektiver reinigt, freut uns ebenso, wie die Tatsache, dass der 94 PS starke Motor trotz der Sprit-Diät nichts von seiner Kraft eingebüßt hat. Vergleichsfahrten mit einer alten Varadero, die während des gesamten Tests zur Verfügung stand, bestätigten diesen Eindruck. Zwar zieht die alte Varadero im fünften Gang der neuen im sechsten Gang davon – doch das liegt, wie beschrieben, am Drehzahl senkenden Overdrive-Charakter des zusätzlichen Zahnradpaares. Beim Ampelspurt und bei Durchzugstests im dritten und vierten Gang jedenfalls schenkten sich die alte und die neue Varadero faktisch nichts. Was triebwerksseitig sonst noch zu erwähnen ist: Vibrationen gibt es nur angenehme. Und das, obwohl die bisherigen, flexiblen Motorlager neuen, fixen Lagern weichen mussten, die den Motor als tragendes Bauteil ins Chassis integrieren. Die mechanisch betätigte Kupplung ist leichtgängig und gut dosierbar, die Getriebebox mit oder ohne Kupplungshilfe sicher und mit kurzen Schaltwegen bedienbar. Fällt das Bike einmal um, sorgt ein Sensor dafür, dass der Motor stoppt, sobald 60 Grad Schräglage überschritten werden. Und wenn man nachtanken muss, freut man sich, dass der Tankdeckel nun endlich mit einem Scharnier am Tank befestigt ist. 

Leichter und sportlicher

Im Fahrbetrieb wirkt die neue Honda Varadero wesentlich sportlicher, agiler, direkter als das bisherige Modell. Auf den Landstraßen rund um Estoril in Portugal gab sich das Fahrwerk des Adventure-Tourers jedenfalls nur ganz kleine Blößen. Unbekümmert und mit wenig Kraft lässt sich die Großenduro über die Landstraße scheuchen, erfreut mit neutralem Kurvenverhalten und sattem Punch aus dem Drehzahlkeller. Ab gut 3.000 U/min läuft der V2 auch in den oberen Gängen rund genug, ab 4.500 U/min brennt das Leistungsfeuer richtig schön hell. In den ersten beiden Gängen sind Wheelies keine Kunst, passieren aber eigentlich niemals unfreiwillig. Dazu ist die Gabel mit zu viel Negativfederweg ausgerüstet. Die Sitzposition hinter dem breiten, jetzt mit einer Mittelstrebe ausgerüsteten Lenker ist aufrecht und entspannt. Der Sitz lässt genügend Raum für Bewegung und betonten Körpereinsatz. Dieser ist, angesichts der hohen Fahrzeugmasse, beim engagierten Kurvenräubern von nachhaltiger Wirkung: Wer etwas mit dem Gesäß in die Schräglage hineinrutscht, wird mit deutlich mehr Stabilität im Radius und einem spontaneren Einlenkverhalten für seinen Einsatz belohnt. Extremes Hanging-Off hingegen quittiert die Enduro mit nervösem Tänzeln. Ruhige Piloten dürfen sich aber auch freuen. Selbst wenn der Pilot ultra-passiv, wie ein in den Sitz gebundener Zementsack klassisch-aufrecht im Sattel thronend, eine Kurve umrundet, liegt die Varadero ruhig und fährt genau dorthin, wohin der Fahrer blickt.

Die schlankere Verkleidungsfront beherbergt, wie gehabt, zwei große Multireflektor-Scheinwerfer, welche, wie die alten Bauteile, wunderbares Licht spenden, dabei aber entgegenkommende und vorausfahrende Fahrzeuglenker nicht mehr so stark blenden wie bisher. Die Blinker, vorne neu in die Verschalung integriert, haben nun eine Warnblink-Funktion. Praktisch: Das Handrad zur Verstellung der Federvorspannung am Zentralfederbein. Gut gemeint: Die zweifach verstellbare Windschutzscheibe. Dass allerdings Werkzeug vonnöten ist, um die Scheibe zu verschieben und in beiden Positionen, große wie kleine Fahrer, über arg laute Turbulenzen am Helm klagen, darf nicht als Lob verstanden werden.

Nur ohne Koffer schlank

Und wenn wir schon beim Kritisieren sind: Der fummelige Schließ- und Verriegelungsmechanismus, mit dem noch immer nicht mit dem Zündschlüssel bedienbaren Koffer, ist ein Ärgernis. Die von der Honda VFR übernommenen Koffer sorgen wiederholt für eingeklemmte Finger. Einem Tester fielen die Koffer samt Kamera-Ausrüstung beim Öffnungsversuch einfach vor die Füße. Zudem stehen die Koffer seitlich unnötig weit ab und auch das Top-Case steht recht weit nach hinten über das Fahrzeugheck hinaus. Voll bepackt spürt man den Einfluss des Top-Case auf die Fahrzeug-Balance und aufs Handling deutlich mehr, als jenen, eines ungleich schwereren Beifahrers! Daher, liebe Honda-Ingenieure: Schaut mal bei BMW nach, wie nahezu perfekt ins Fahrzeugdesign integrierte, schmal bauende und einhändig bedienbare Koffersysteme konstruiert werden! Oder nehmt euch ein Beispiel an eurer eigenen Pan European, die, obwohl beileibe keine spindeldürre Gestalt, doch deutlich schmaler baut als eine mit Koffern bestückte Varadero.

Perfekte Ergonomie

Lob hingegen gibt es für den einfach gut geformten Tank. Nicht nur, dass auf dem unverändert vom alten Modell übernommenen Blechfass fast jeder handelsübliche Tankrucksack sicheren Halt findet. Nein, auch die weit eingezogenen Flanken, die guten Knieschluss bieten und an denen man sich beim harten Bremsen prima abstützen kann, sind gelungen. Denn sie ermöglichen auch längeres, stehendes Fahren auf Schotterwegen, auf denen die neue Varadero mehr Spaß bereitet als bisher. Denn erstens macht das geringere Gewicht das Surfen auf Schotter einfacher und zweitens sind sowohl die Gabel als auch das Zentralfederbein wesentlich straffer und dabei keineswegs unkomfortabler gedämpft als bisher. So gerüstet schwankt die Varadero nicht mehr gleich wie ein besoffenes Kamel, wenn die Straße uneben wird und der Teer mehr oder weniger feinem Kies weicht. Ich jedenfalls bin, obwohl keinesfalls ein Offroad-Fanatiker, die im Testtourverlauf eingeplante Schotterpiste gleich zwei Mal abgefahren – es war einfach zu unterhaltsam.

Leicht getrübter Offroad-Spaß

Einziger Wermutstropfen beim Schotterpisten-Spaß ist das im Straßenbetrieb noch überzeugend agierende Dual-CBS-Verbundbremssystem, welches es allerdings nach wie vor nicht mit ABS-Option gibt. Denn offroad sollte man doch des Öfteren nur mit der hinteren Bremse arbeiten, was mit dem Kombi-Bremssystem einfach nicht geht. Immer wieder rutscht beim sanften Druck aufs Fußpedal der Vorderreifen aus der Spur. Ein normales, mit getrennten Kreisläufen für Vorder- und Hinterradbremse arbeitendes System, dafür mit ABS-Option (abschaltbar!), wäre für ein Motorrad wie die Varadero nützlicher. Zumal auch auf der Straße die Bremswirkung nicht immer optimal verteilt wird und die Vorderbremse alleine einen etwas zahnlosen Eindruck hinterlässt. Die alte Varadero, obwohl auch mit CBS-Bremse ausgestattet, bremst vehementer, wenn via Handhebel nur die Vorderradbremse betätigt wird.

Guter Kompromiss

Am Ende des Testtages waren trotzdem alle einig: Die Varadero hat an Sportlichkeit zugelegt, ohne an Alltagstauglichkeit zu verlieren. Der geringere Spritkonsum ist allein schon Grund genug, sich für die Neue zu erwärmen. Hinzu kommt die nochmals bequemere Sitzposition, das direktere Handling, das neutralere Kurvenverhalten und der – bis auf die Turbulenzen – sehr gute Wind- und Wetterschutz, der durch Handschützer und das neue, breitere Verschalungsunterteil ebenfalls nochmals verbessert wurde. Nur das Koffersystem bedarf gründlicher Nachbesserung. Wir sind jedenfalls gespannt auf die erste Möglichkeit, die neue Honda Varadero der etablierten Konkurrenz gegenüber stellen zu können. Dann nämlich wird sich zeigen, wie gut ihr die Fastenkur wirklich bekommen ist.

Text: Jörg Wissmann
Fotos: Till Kohlmey

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