Indian 1999 Chief

Indian 1999 Chief


Kriegstanz um den Holzkohlegrill?

Brandscombe Richmond, Bikern und Fernsehzuschauern hierzulande als "Bobby Sixkiller" aus der TV-Serie "Renegade" bekannt, ist sich sicher: Auch diesen Fall wird er knacken! Der TV-Held mit indianischem Stammbaum fühlt sich wohl in seinem neuen Job als Pressesprecher der neugegründeten Firma Indian Motorcycles und präsentierte in Daytona die erste Indian des neuen Jahrtausends.

Namen machen Leute - eine Weisheit, die sich so auch übergangslos auf Motorräder übertragen läßt. Während es in Europa zahlreiche klingende Motorradmarken mit Geschichte gibt, liebt es der amerikanische Käufer unkompliziert: Bis 1953 gab es in der neuen Welt nur zwei - rechnet man noch Excelsior-Henderson, Anfang der dreißiger in der Depressionszeit aus dem Rennen geworfen, dazu - drei Motorradmarken mit mehr als regionaler Bedeutung: Indian und Harley-Davidson. 1953 schloss Indian in Springfield/Massachussettes endgültig die Tore - zu Recht, wie viele meinten, hatte man doch für den modernen Markt weder brauchbare Ideen noch moderne Konzepte. Die Ursprünge der seitengesteuerten "Big Chief", mit 80 Cubic Inch (1340 ccm) das Top Modell von Indian, reichten zurück in die Zwanziger Jahre.

Mehrere Jahrzehnte blieb das Interesse an dem Markennamen gering. Veteranen-Enthusiasten organisierten ihre Ersatzteil-Versorgung und polierten den verbleichenden Glanz ihrer Messing- und Chrombeschläge, hier und da druckte mal einer ein T-Shirt für den Club oder den eigenen Laden. Das änderte sich schlagartig mit dem Harley-Boom der frühen neunziger Jahre: Mit amerikanischen Motorradnamen war plötzlich wieder Geld zu verdienen - viel Geld. Nicht nur mit Motorrädern sondern - Harley machte es vor - mit Accessoires, Bekleidung, Kitsch und allem, was zum Lifestyle dazugehört. Was folgte, war ein beispielloses Gerangel um den Namen "Indian": Zahlreiche Investoren überboten sich darin, "Indian" Prototypen auf zwei Räder zu stellen. Mal mit Motoren aus Holz, mal mit dem Schweißbrenner angeglühten Krümmern - zumeist aber mit wenig greifbaren Resultaten, sieht man vom Boom der Rechtspfleger in dieser Zeit ab...

Der gordische Knoten der Rechtsstreitigkeiten wurde Ende 1998 durchschlagen und machte den Weg frei zur Gründung der Indian Motorcycle Company in Gilroy/California, die sich wiederum aus mehreren Firmen zusammensetzt. Die California Motorcycle Company (CMC) ist das Kernstück der neuen Marke und produzierte bisher Harley-ähnliche "Klone" aus eigenen Rahmen, S&S-Motoren und dem Griff in diverse Zubehör-Kataloge: Replicas der Bikes aus dem Film "Easy Rider" gehören ebenso zum Programm wie exakte Nachbauten von Lorenzo Lamas "Renegade"-Chopper und dem "Sixkiller-Bike". Kein Wunder, dass auch die "1999 Limited Edition Indian Chief" wie ein Lego-Modell aus vorgefertigten Norm-Bausteinen aussieht - wichtig war vor allem, überhaupt ein Motorrad mit dem Schriftzug "Indian" auf dem Tank vorweisen zu können. Die Hersteller haben keine Zweifel daran, dass das, was sie produzieren, die "Indian für die Zukunft" ist: "Wir haben uns gefragt: Würden heute noch Indian-Motorräder produziert, wie würden sie aussehen?, erläutert Murray Smith, Präsident von Indian Motorcycles, "wir wollten keine Replica bauen, sondern ein Motorrad für das nächste Jahrtausend!". Dies ist - zumindest teilweise in diesem Sinn - gelungen: Schließlich sieht die neue Indian aus, als hätte Hauptkonkurrent Harley Davidson 1953 die Geschäfte in Springfield übernommen.

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Neben den typischen "Indian" Designfeatures wie großen geschwungenen Fendern vorne und hinten und dem eingeprägten Indianerkopf auf dem Teardrop-Luftfilter erinnern nur die Schriftzüge auf Bremsen und Tank daran, was dieses Motorrad darstellen soll. Motor von S&S, Showa Gabel, Custom Chrome Beleuchtung, Corbin Sitzbank, Auspuff von Vance & Hines, Progressive Suspention Federung - nichts, was man nicht im Datenblatt eines beliebigen Custombikes finden könnte. Mit 88 Cubic Inch (1.440 ccm) steht der Cruiser gut im Futter, hat aber auch reichlich Gewicht zu bewegen. Von der "1999 Chief" soll eine limitierte Serie von ca. 2.000 Exemplaren gebaut werden, von denen bis Ende Februar ´99 sechzig fertig gestellt waren. Inzwischen plant man die Produktion von weiteren Modellen und arbeitet auch an einem eigenständigen Motor. Die weit gesteckten Pläne sprechen von 11.000 Motorrädern im Jahr 2.000 und gar 25.000 Bikes in 2001, dem 100. Geburtstag der Gründung von Indian. Neben dem Ausbau des Händler-Netzwerks schielt man schon über den Ozean nach Europa - wahrscheinlich werden die ersten "Indianer" schon im Laufe dieses Jahres in der alten Welt gesichtet werden. Damit die Wartezeit auf die neuen Modelle nicht zu lang wird, kann sich der geneigte zukünftige Indian-Fan und -Fahrer schon jetzt mit dem passenden Merchandise eindecken. T-Shirts, Jacken, Kappen, Aufnäher - you name it, they´ve got it! Das erste "Indian Café" öffnete im Januar 1999 in Toronto seine Pforten - und es wird nicht das letzte bleiben. Die Indianer sind wieder auf dem Kriegspfad…

Text & Fotos: Horst Rösler