MZ 1000 S

MZ 1000 S


Emme mit Kanten

Rückschläge lassen sich nicht planen. Wenn sie kommen, muss man mit ihnen fertig werden. Die 1000S von MZ hat es den Leuten des Hohndorfer Motorradwerkes als erstes Projekt mit einem eigenen großen Zweizylindermotor in dieser Beziehung nicht gerade leicht gemacht.

Jahrelang wurde der Serienstart immer wieder verschoben, und weil der 750 ccm-Motor in den ersten Prototypen nicht so funktionierte, wie man es sich vorgestellt hatte, konstruierte die Truppe aus dem Erzgebirge kurzerhand einen neuen Zweizylinder mit jetzt 999 ccm Hubraum. Japanische Motorradfabriken greifen in diesen Fällen ins Regal und verwenden bewährte Komponenten, die MZ-ler mussten jedes Teil neu entwickeln, erproben und abstimmen. Was hier nicht vergessen werden darf: Die gesamte Belegschaft einschließlich Putzfrau und Hausmeister umfasst ungefähr halb so viele Personen, wie sie in einer japanischen Entwicklungsabteilung ausschließlich mit der Konstruktion und Erprobung neuer Fahrzeuge beschäftigt sind. Und das rückt die Leistung der Ostdeutschen in ein ganz anderes Licht. Mitte November war die Zeit reif: Im spanischen Cartagena standen die ersten Vorserienmotorräder bereit, rund zwei Dutzend Journalisten hatten die Möglichkeit zum ausgiebigen Test. Wobei der erste Crash bereits gegen 2.30 Uhr in der Hotelhalle stattfand, als ein Kollege nach der ersten Sitzprobe am dort ausgestellten Exemplar vergaß, wieder den Seitenständer auszuklappen. Kann vorkommen - vor allem um diese Zeit.

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Kein Bonsai

Bereits beim regulären Aufsteigen am nächsten Tag fällt auf: Die 1000 S ist kein kleines Motorrad geworden. Selbst bei 180 cm Körpermaß erreichen die Fußspitzen gerade den Boden, mit den heutigen Bonsai-Sportlern japanischer Herkunft hat die MZ schon rein von den Proportionen wenig gemeinsam. Der erste Blick aus der Fahrerposition zeigt nichts Ungewöhnliches. Klassische Bedienhebel, Tacho und Drehzahlmesser konventionell, einzig der Zündschlüssel sollte in der Kneipe nie lässig auf den Tresen geworfen werden. Ein billig wirkender Mofaschlüssel, der zu Lästereien der Kumpels bestens taugt - und die hat das Motorrad nicht verdient. Denn seine Verarbeitung ist tadellos. Obwohl es sich um 15 Vorserienmotorräder handelte, gab es keine schlampigen Übergänge an den Kunststoffteilen oder technische "Das-wird-später-noch-anders"-Lösungen. Das Motorrad wirkt fertig und serienreif.

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Feintuning nötig

Relativ fertig bin ich auch nach den ersten Testrunden auf einer kleinen Rennstrecke in der Nähe von Cartagena. Keine Kurve will so recht gelingen, obwohl sich das Bike recht handlich einlenken lässt und auch sonst keine fahrwerksseitigen Ausfallerscheinungen zeigt. Der Motor ist's, der mir auf diesem doch recht eckigen Kurs Probleme macht. Wo andere großvolumige Zweizylindertriebwerke beim Schließen des Gasgriffes mit brachialer Verzögerung kontern, hat man hier den Eindruck, als würde sich das wassergekühlte Triebwerk mit dem Drehzahlabbau extrem viel Zeit lassen. Das ist anfänglich ungewohnt und lässt mich öfter als sonst in die Bremse greifen. Später auf der Straße stört dies nicht mehr so stark, dafür begeistert die Leistung, die allerdings erst ab 5.500 Umdrehungen nachdrücklich die Fuhre vorwärts schiebt. Untertouriges Fahren quittiert das Triebwerk mit mangelndem Vortrieb und unwilligem Getöse, der Schaltfuß wird bei zügigem Vorwärtskommen nicht faul. Diese Parameter im Kennfeld der Einspritzanlage, für komfortables ruckfreies Fahren gedacht, müssten noch einmal überarbeitet werden. Das Sechsganggetriebe lässt sich butterweich schalten, nur der erste Gang ist meiner Meinung nach etwas zu lang geraten. Die Kupplung lässt sich wohl dosieren und erfordert keine übermäßigen Handhebelkräfte. Einmal in Fahrt, kommt schnell Freude auf. Schräglagenwechsel gelingen bei flüssiger Fahrweise auf den südspanischen Straßen mühelos, das Fahrwerk mit einer Marzocchi-Gabel und einem Zentralfederbein von Sachs lässt sich vielfach verstellen, liegt aber bereits in der Grundabstimmung auf der komfortablen Seite. Die Vierkolbenzange im Vorderrad von Nissin könnte einen Tick besser zupacken, wobei sie an den nagelneuen Testbikes sicher noch nicht ihre optimale Leistung erreicht hatte. Der stellt sich bekanntermaßen erst nach ein paar hundert Kilometern "Einfahrzeit" ein. Eine Hinterradbremse besitzt das Motorrad auch. Doch ich gestehe: Ich habe sie nicht probiert, weil ich sie nicht gebraucht habe. Dass die 1000 S einen geregelten Kat zusammen mit der Einspritzung besitzt, ist löblich. Warum das Motorrad nicht auch mit ABS angeboten wird, dagegen nicht ganz nachvollziehbar. Moderne ABS-Systeme sind heute sehr leicht. Am Zusatzgewicht kann es also nicht liegen.

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Die Sitzposition ist sportlich, der Lenker für Menschen mit kurzen Armen etwas weit weg. Die Fußrasten liegen in akzeptabler Höhe. Dem Heizer wird es wegen der Schräglagenfreiheit so taugen, dem Tourer dürfte die Sitzposition aber immer noch bequem genug sein. Was nervt, sind die Vibrationen des Twins. Wobei sich die zwei gefahrenen Maschinen unterschiedlich verhielten: Eine schüttelte so sehr, dass die Rückspiegel bei keiner Drehzahl ein auswertbares Bild abgaben, die andere dagegen glänzte mit dezentem Kribbeln in Füßen und Handgelenken. Ihre Schlechtwetterqualitäten bewies die 1000 S beim abendlichen Ritt über 150 km Autobahn und Landstraße im strömenden Regen. Dabei glänzte auch der Scheinwerfer mit anständiger Ausleuchtung, konnte jedoch nicht verhindern, dass sich der Autor samt Motorrad ein paar hundert Meter vor dem Ziel in die größte Pfütze Spaniens schmiss und so auch noch eindrucksvoll die U-Bootfähigkeit erprobte.

Schlussstrich

Die MZ 1000 S ist endlich serienreif. Mit den Schwächen am Motor kann man leben, das Fahrwerk hält internationalen Vergleichen stand, und die Optik hebt sich wohltuend vom japanischen Einheitslook ab, der bei den aktuellen Jahrgängen markenübergreifend angeboten wird. Schließlich können die MZ-Händler aufatmen: Mussten sie jahrelang Hohn und Spott ertragen und sich immer wieder fragen lassen, ob die Luftschloss-1000er denn jemals zur Probefahrt bereit stehen würde. Das Bike wird Anfang nächsten Jahres in den Läden und zur Probefahrt bereit stehen. Der Preis ohne Nebenkosten beträgt 11.990,- Euro, im ersten Jahr wollen die Erzgebirgler 500 - 700 Motorräder in Deutschland absetzen.

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Text: Mathias Thomaschek
Fotos: Thomaschek, MZ