Buell XB12STT

Buell XB12STT


Streckentier

Amerikaner sind Verkaufstalente. Also geschah es und die Buell streift heuer den weißen Handwerker-Overall über

Was die Deutschen mit ihrer BMW HP2 können, das packen die Amis erst recht mit dieser Buell-Erfindung. Groß, breit, stark. Abenteuerlustig. Mit dem obligatorischen Dreckfänger hoch erhaben überm Vorderrad. Mit ritterlichem Gitterwerk vor dem schützenswerten Glasverhau am Lampenmast. Und sowieso nur im Solo-Flug. Da gibt’s gleich mal ein Piktogramm auf der dennoch ultralangen Sitzbank der blütenweißen XB12STT. Mit durchgestrichenem Sozius. Also entfallen auch die Beifahrerfußrasten. Andreas Binner als Chef von Harley Davidson und BUELL Bonn/Köln, der seine Holde trotzdem hinten drauf mit durch die Lande schippert: „Der Heckrahmen ist keineswegs mit einem weiteren Fahrgast überfordert. Das Zeichen auf der Sitzbank ist eher irreführend. Du brauchst nur im Zubehör die Fußraster zu ordern und schon verwandelt sich die hemdsärmelige Lightning SuperTT zum schmusetüchtigen Tourenbike. No problem!“ Wer Größeres im Schilde führt, ist mit der westenrein-weißen Nummernschildtafel bestens bedient. Wer will, wird das unbefleckte Teil nach seinem Gusto gestalterisch in Mitleidenschaft ziehen. Und wer glaubt, mit dem Pistentier also gleich in den urbanen Dschungel oder gar in die echte Natur einbiegen zu können, der hat sicherlich Recht. Das gilt nicht so für meine Person. Die geringe persönliche Federbeinrate erlaubt bekanntlich keine großen Sprünge. Also wird die hoch-stämmige STT brav auf den Hänger geschoben und simpel bis hin nach Südfrankreich und der Rennstrecke „Circuit de Ledenon“ vollkommen von meinem Angriff verschont.

Die Bergwertung

Dann kommt die Stunde der Wahrheit. In sechs Turns über den Trainingstag verteilt muss sich das zum Streckentier mutierte Kraftwerk bewähren. Ledenon liegt auf einem Hochplateau und bietet in aufregend verschlungenem Pfad ein ständiges Bergauf- Bergabstürmen, blinde Kurven über harsche Kuppen hinweg, harte Beschleunigungsphasen bergan nach kritischen Einlenkmanövern bergab. Also alles vorhanden wie im wirklichen Leben. Nur, wie startet man, wenn die Beine nicht auf den Boden gelangen? Sichtlichen Unterhaltungswert darf ich dem versammelten Publikum bei Start und Landung in der Boxengasse bieten. Hinten halten die Aprilia-anwesenden Jungs das schmale Sitzpolster, während ich frei schwebend den Seitenständer einklappe, den Gang einlege und anfahre. Oben am Vorstart gilt es gruppenweise auf den Einlass auf die Strecke zu warten. Bedeutet: Im Anrollen auf den Haltepunkt den ersten Gang einlegen, mit gezogener Kupplung anhalten, seitlich runter rutschen von der ergiebig gepolsterten Sitzbank (gefühlte 89 cm Sitzhöhe -angegeben 800mm, haha), das Gewicht der Maschine (gefühlte 250 kg – mit 216 kg tatsächlich nicht gerade leicht) auf dem linken Bein abfangen, beim Licht der Ampel auf grün die Kupplung einrasten lassen und bloß nicht den Motor abwürgen beim Anfahren. Ankommen in der Boxengasse? Ausrollen lassen und hoffen, dass einer den Baumstamm nach dem Anhalten festhält, bis ich den Seitenständer ausklappen kann. Wohlgemerkt: Für kräftige, hoch gewachsene und auch geschmeidigere Zeitgenossen als ich es bin… sicherlich alles kein Ding;-)

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Hardcore Urban Street Machine

Für solche klugen Mannen und starke Frauen scheint die STT auch gemeint zu sein. Denn: Breite Lenkstange, aufrechte Sitzposition, Muskelprotz als V-Twin mit 101 BS (Bärenstärke :-), hammerharten 110 Newtonmetern bei 6.000 U/min, und die üblichen Verdächtigen mit Zahnriemen-Antrieb, Sprit im Rahmen, Öl in der Schwinge und dem fetten Abzugsrohr unterm Motorraum – da geht was auf der Strecke, die wie das komprimierte Sauerland anmutet. Die Perimeter-Bremse hinterlässt vergleichsweise zu den anderen XB-lern zwar einen eher zahmen, aber immer noch zupackenden Eindruck. Dabei vermitteln die optischen Komponenten wie Handprotektoren, Gabelschützer, Lampengitter und die besagte hohe Vorderradabdeckung doch Angriff pur. Archaische Elemente des Abenteuer—Motorrad-Sports as its best, archetypisch für alle XB-Modelle des Eric Buell, Mastermind des Ablegers von Harley Davidson. Die neuerdings montierten Pirelli Scorpion Sync hingegen vermitteln Haftungsgefühl bis an die fast nicht erfahrbare Obergrenze. Sogar bei rennstreckenmäßig geneigten Schräglagenwinkeln völlig grip-erhaben! Hier auf dem schnellen Asphalt bringst du diese Buell in ihrem Fahrwerk und dem knackig-kurzen Radstand eh nicht an irgendwelche Grenzen. Weite Radien, fiese Spitzkehren, kein Problem. Und der großvolumige luftgekühlte Vau-Twin reißt dich aus jeder Tiefdrehzahlphase nahezu orgiastisch rauf in elysische Freudenstürme, prügelt dir ekstatisch erregt hemmungslos um die Ohren, dass den anwesenden italienischen V2-Triebwerken glatt die Gehörgänge bluten. Wobei der Ami, wie immer, im Stand noch ewig von sich hören lässt… Einschlägig vorbestrafte Buellen-Treiber wissen, was gemeint ist: das ungehörige Lüfter-Gebrülle nach engagierter Hatz. Aber wenn’s Charakter-Stärke ausdrücken soll, lasst es halt so, wie es ist. Andere greifen sich die Zubehör-Hutze für den hinteren Zylinder ab. Über allem erhaben prallen die räudigen Stimmen der Lästermäuler vom überzeugten Ami-Treiber back-to-back eh lässig ab. Die einschlägigen Verteidigungs-Merkmale machen es, mit unschuldigem Weiß geschickt verbrämt, locker möglich.

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Text: Sabine Welte