Triumph Thunderbird

Triumph Thunderbird


Neue Horizonte für die Cruiser-Welt

Der neue Cruiser von Triumph bricht mit bekannten Traditionen des Genres wie dem scheinbar unvermeidlichen V-Motorenantrieb. Stattdessen lockt die Thunderbird mit dem weltgrößten Reihenzweizylinder, einer ABS-Option und erfrischender Agilität

Man hätte es sich ja denken können, bei dem Namen! Thunderbird heißt die neue Triumph, die Bezeichnung geht auf die originale Triumph Thunderbird von 1950 zurück, und die hatte ihren Namen aus der Mythologie der amerikanischen Ureinwohner: Als Thunderbird war ein großer Flugvogel mit übernatürlichen Kräften bekannt, der es auf Menschen abgesehen hatte. Menschen kamen dann doch nicht zu Schaden, aber der Thunderstorm, der über dem Präsentationsort Barcelona wütete, war nicht von schlechten Eltern: Es blitzte, donnerte und prasselte so unbarmherzig vom Himmel nieder, dass alle coolen Cruiserfahrer ihre höchst uncoolen Gummipelerinen überstreiften mussten – zumindest diejenigen, die vorgesorgt hatten...

Kein Menschenfresser

Genau wie beim Vorläufer aus den Fünfzigern heißt es bei der Neuen auch „Go West!“ – die Thunderbird hat es auf den amerikanischen Markt abgesehen. Das machen schon die optischen Ingredienzien klar, die die Triumph eindeutig in die Ecke der großen Cruiser steckt: Die nach vorn gereckte, verchromte Gabel und der niedrige Sitz schaffen eine Silhouette, die dem amerikanischen Ideal des „long-and-low“ entspricht. In Tiefflughöhe von schlappen 700 Millimetern nimmt das ausladende Polster Fahrerhintern bis zur Größe XXXL auf, der gehörnte Lenker verlangt durchschnittsgroßen Fahrern indes leicht nach vorn gestreckte Arme ab. Insgesamt ergibt sich ein sehr bequemes Ambiente, das den Fahrer erstaunlicherweise als aktiven Teil integriert. Allein damit hebt sich die Triumph von vielen anderen Modellen der Gattung ab, die ihren Piloten keine innige Verbindung mit dem Fahrzeug gewähren.

Triumph Thunderbird Bild 1

17 Kilo Kurbelwelle

Ihre unvergleichliche Eigenständigkeit demonstriert die US-orientierte Britin aber in erster Linie durch das Antriebsaggregat, das seine Zylinder nicht arttypisch im Victory-Zeichen spreizt sondern mit klassischer Triumph-Bauweise glänzt: Die Thunderbird verfügt über den größten Reihenzweizylinder der Welt. Der komplett neu entwickelte, drehmomentstarke T-16-Motor bringt es bei einem Bohrung-Hubverhältnis von 103,8 zu 94,3 mm auf einen gigantischen Hubraum von 1597 Kubikzentimetern. Zwei obenliegende Nockenwellen, Vierventiltechnik, Doppelzündung und Einspritzanlage sowie ein automatisches Dekompressionssystem für problemloses Starten verraten Hightech. Für eine gelungene Optik des Motors wird die Steuerkette von einem Zwischenrad angetrieben, damit die Zahnräder der Nockenwellen kleiner ausfallen können. Das reduziert die Bauhöhe und sorgt für perfekte Proportionen des Zylinderkopfes in Relation zum Kurbelgehäuse. Die unglaubliche 17 Kilo wiegende Kurbelwelle weist einen Hubzapfenversatz von 270° auf, was für einen satten Klangteppich aus den beiden klassisch gestylten Schalldämpfern sorgt. Und obwohl im Motorinneren handtellergroße Kolben auf und abgehen zeichnet sich der große Twin durch eine sanfte Kraftentfaltung bei bester Laufruhe aus. Dafür sorgen zwei Ausgleichswellen, vor und hinter den Zylindern lokalisiert, und ein Ruckdämpfer am Ende der Kurbelwelle. Auf dem Datenblatt stehen bärige 146,1 Newtonmeter Drehmoment und eine Leistung von 85 PS, die die Triumph als erste im aktuellen englischen Modellprogramm via Zahnriemen ans dicke Hinterrad liefert. Wen es nach Mehr gelüstet, der findet im offiziellen Zubehörangebot einen 1700-Kubik-Big Bore-Kit. Das straßenzugelassene Extra umfasst größere Kolben, neue Laufbuchsen und modifizierte Nockenwellen, mit denen die Höchstleistung auf 97 PS, das Drehmoment auf fette 156 Newtonmeter steigt. Damit düst die Thunderbird ziemlich nachhaltig ab und begeistert mit sattem Mitten-Punch, bei dem es im Stammhirn kribbelt.

Triumph Thunderbird Bild 14

Noch mehr Leistung

Perfekt wird der Genuss durch den Anbau des – leider nicht zugelassenen – Leistungs-Kits, bestehend aus High-performance Luftfilter, Zubehörschalldämpfern, stärkeren Kupplungsfedern und einem speziell entwickelten Einspritz-Kennfeld. Dann protzt die Triumph mit sattem Beat und tieffrequentem Sound schon ab Standgasdrehzahl, doch im Gegensatz zu mancher Krawalltüte schmeichelt das akustische Erlebnis dem Gehörgang. Dass nebenher die Leistung sogar auf beeindruckende 101 PS und das maximale Drehmoment auf bärenstarke 165 Newtonmeter gepusht werden, nimmt man gerne mit. Doch auch das Serientriebwerk kann schon sehr gefallen, wenngleich nicht gerade mit einem allumfassenden Sound. Am liebsten im gemütlichen Drehzahlbereich zwischen 2000 und 3500 Umdrehungen gefahren, reagiert der Riesen-Reihenmotor mit herzhaftem Antritt und beeindruckend lebendiger Geräuschkulisse auf jeden Dreh am Gasgriff. Angesichts dieser Charakteristik mag man den Motor kaum über 4000 Kurbelwellenumdrehungen quälen, zumal ab dann sein Engagement etwas nachlässt. Den Drehzahlgipfel bei 6500 U/min sieht die T-Bird mithin extrem selten. Ungewöhnlich ist die Getriebeausstattung mit sechs Gangstufen. Die letzte soll als Overdrive fungieren, doch dafür unterscheiden sich Drehzahlniveau wie Antritt zu geringfügig gegenüber dem fünften Gang.

Ein weiterer auffälliger Unterschied zu herkömmlichen Cruisern ist die außerordentliche Agilität und Wendigkeit der Britin – ungeachtet des ellenlangen Radstands von mehr als 1,60 Meter und des beachtlichen Gewichts von 339 Kilogramm. Selbst der fette, aus Optikgründen aufgezogene 200er Hinterreifen kann die guten Fahreigenschaften nicht beeinträchtigen, selbst die berühmt-berüchtigte Aufstellneigung beim Bremsen in Schräglage geht dem Briten-Twin ab. Dieser Cruiser biegt richtig neutral in die Kurven und lässt sich dank der ausgewogenen Gewichtsverteilung und guten Fahrerintegration richtig dynamisch über winklige Landstraßen bewegen. Von der typisch cruisermäßigen Behäbigkeit ist dieses Modell meilenweit entfernt. Einzig die wie bei allen Motorrädern dieses Genres viel zu früh aufsetzenden Fußrasten bereiten dem Spaß ein – viel zu – frühes Ende. Da ginge noch viel mehr Fahrdynamik, hätten die Verantwortlichen nicht Panik, feststehende Bauteile könnten sich auf unangenehme Weise mit dem Asphalt verzahnen.

Triumph Thunderbird Bild 12

europäisch bremsen

Sicherheitshalber haben die Entwickler ihre T-Bird mit genre-untypisch guten Stoppern versehen. Die Doppelscheibenanlage mit den mächtigen Vierkolben-Festsätteln vorn bremst wirklich und fängt die zentnerschwere Fuhre sicher und jederzeit verlässlich wieder ein. Von hinten unterstützt der Doppelkolben-Schwimmsattel mit etwas weniger Wirkung als üblich, dieses Motorrad stoppt europäisch und nicht in US-Manier mit hyperaktivem Heckstopper. Für Sicherheitsfreaks steht sogar eine Version mit ABS des japanischen Bremsenspezialisten Nissin bereit, Aufpreis: 600 Euro. Diese Variante kommt erst im September in die Showrooms, dann holt die hiesige Niederlassung ausschließlich Modelle mit Blockierverhinderer nach Deutschland. Während Technik, Dynamik und Fahrverhalten dieses untypischen Straßenkreuzers eher dem sportlichen Anspruch der Briten von Triumph gerecht werden, haben sich die Designer um Tim Prentice nicht so ganz vom typischen Cruiser-Image lösen mögen – als Kalifornier ist er wahrscheinlich den US-amerikanischen Traditionen verpflichtet. Neben der typischen gedrungenen Statur, dem klassischen Rundscheinwerfer und jeder Menge funkelndem Chrom prangt das Info-Instrument wie üblich auf dem großen 22-Liter-Tropfentank. Mithin muss der Fahrer zum Ablesen der diversen Anzeigen den Blick vom Horizont lösen und den Kopf neigen. Zudem lassen sich die Ziffern des Tachometers und die digitale Anzeige der Drehzahl nicht sonderlich gut ablesen, dafür lassen sich der kleinen LCD-Anzeige auf praktischen Knopfdruck vom rechten Lenkerende aus Zusatzinformationen wie Gesamtkilometerstand, Trip, Uhrzeit oder Restreichweite entlocken. Unter den großen Cruisern nimmt die Triumph zweifellos eine Ausnahmestellung ein, die sie ihrem bärigen Antrieb und der erfrischenden Agilität verdankt. Ab Ende Juni ist die neue Triumph Thunderbird ohne ABS für 13.740 Euro zu haben, die ABS-Version gibt’s dann ab September zum Kurs von 14.340 Euro.