MTT Y2K Superbike Gasturbinenmotorrad

MTT Y2K Superbike Gasturbinenmotorrad


Leeeaving on a Jetbike...

Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine perfekt funktionierende Gasturbine aus einem Helikopter, deren einziges Manko ihre gesetzlich erlaubten Flugstunden sind. Also fliegen dürften Sie damit nicht mehr, was würden Sie tun? Genau, zwei Räder dran und draufsetzen!

Auf diese Idee kam Ted McIntyre von Marine Turbine Technologies (MTT), nachdem er zuvor schon einen Pickup und einen halben Hafen voller Schnellboote mit Turbinenmotoren versehen hatte. Zwar dürfte es eine Handvoll Drag-Bikes mit ähnlichen Antrieben geben, MTTs Y2K Superbike ist jedoch ein straßenzugelassenes und frei käufliches Fahrzeug. Frei käuflich für 185.000 US-Dollar, wohlgemerkt.

More money than brains

Für uns Topverdiener mit Einspurfaible stellt sich hier natürlich die Frage: Warum ein Y2K und nicht, sagen wir: eine Ducati für jeden Wochentag? Die Antworten heißen Exklusivität und brachiale Geschwindigkeit. Exklusivität deshalb, weil mehr Menschen im Weltall als auf diesem Geschoss unterwegs waren. Und Geschwindigkeit, weil MTT eine 250-mph-Geld-zurück-Garantie gibt. Wenn das Ding quasi nicht über 400 km/h rennt, gibts die Kohle anstandslos wieder. Bisher gabs noch keinen Umtausch. Getriebeuntersetzung und Leistung sind gar für berechnete 260 mph gut (fast 420 km/h). In diesen Sphären ist eine Ducati ein stehendes Objekt. Bis eine Kurve kommt. Länge läuft eben vor allem geradeaus, und bei einem Radstand wie ein Dragster (1.727 mm) muss die Kurve eben gefälligst ein bisschen aufmachen, wenn das Jetbike angeflogen kommt. Oder wie es ein Besitzer ausdrückte: "Du kannst den Hinterreifen aufrauchen, kein Problem, aber sie wird keinen Wheelie machen." Trotz großzügiger Außenmaße ist die Y2K nicht so schwer, wie das Raumgleiteräußere vermuten lässt: 227 kg bringt sie ohne Sprit auf die Waage. Zum einen liegt das an Rahmen und Fahrwerk aus Alu-Kastenprofilen, zum anderen ist der Motor mit 60 kg für seine Leistung von 320 PS konkurrenzlos leicht. Oh, und die Maschine steht auf Kohlefaserfelgen, das aber hauptsächlich, um die wahnsinnigen Kreiselkräfte zu reduzieren.

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Dreht wie eine Turbine

Na und wie geht das Ding nu ab? Am Anfang langsam, dann aber gewaltig. Nachdem der Starter den Motor auf seinen Leerlauf von 26.000 U/min gebracht hat, geht erstmal ziemlich wenig. Wer so losfährt, kann das Gas voll aufmachen, ohne zu sterben, ja ohne überhaupt nachhaltig beeindruckende Beschleunigung zu erleben. Kenner fahren unter 40.000 Umdrehungen gar nicht von der Ampel weg. Die Gasturbine baut ihr Drehmoment nämlich exponentiell mit der Drehzahl auf. Während also da unten im (zugegebenermaßen recht hoch liegenden) Drehzahlkeller eine 125er schneller wegkommt, brechen bei standesgemäßen Drehzahlen Himmel und Hölle auf Erden los. Bei 52.000 von den etwa 60K auf der Turbinenhauptwelle N1 steht auf der untersetzten Motorausgangswelle N2 ein Drehmoment von brutalen 576,3 Nm bereit, eine australische Motorradzeitschrift gibt sogar 588 Nm bei 54K N1 an. Das schiebt gegen so ziemlich jeden Winddruck an. Die Schwachstelle bildet der Fahrer, dem es irgendwann die Knie wegbläst. Oh, und die Kupplung, die bei den ersten Modellen angesichts solcher Naturgewalten regelmäßig qualmend ins Nirvana überwechselte. Der nutzbare Drehmomentbereich ist so hoch, der Kraftverlauf so weich, dass der Prototyp auf jegliche Gangschaltung verzichtete. Die Verkaufsversion hat der besseren Fahrbarkeit halber zwei Gänge. Weitere Verkaufsargumente: Schall und Rauch. Man sagt ja manchen Vier- oder Sechszylindern gern nach, sie klängen wie eine Turbine, nur das hier *ist* eine Turbine, an deren Jagdbomberklang selbst ein Wankelmotor nicht annähernd rankommt. "Die Leute gucken meistens erst nach oben, weil sie glauben, gleich landet ein Heli auf ihnen", sagt Y2K-Fahrer Mark Brooks.

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Trotz der recht sauberen Verbrennung stinkt es hinten derbe nach Jet aus zwei Auslässen, in denen man je einen Dackel verstecken könnte. MTT hat Sekundärlufteinlässe eingeplant, um die Gefahren der heißen Abgase zu mildern, doch bei Temperaturen bis über 700° C sieht man hinten raus immer noch eine wirbelnde Hitzelinse. US-Talkschowhost Jay Leno musste an der Ampel mitansehen, wie sein Y2K den Plastikstoßdämper eines allzu nahen, weil neugierigen Hintermannes zu moderner Kunst verschnurpselte. Da gibts nur eins: schnell Land gewinnen. Das empfiehlt sich auch deshalb, weil das Motorrad derart kräftig atmet, dass binnen kurzer Zeit der Sauerstoff knapp werden kann, wenn die Verhältnisse beengt sind. Dementsprechend der Verbrauch. Grob über den Daumen kann man sagen, dass der dicke 34-Liter-Tank für etwa eine Stunde Fahrt ausreicht, weil schon der Leerlauf so kräftig schluckt. Muss man halt sehen, wie weit man kommt. Immerhin ist das Aggregat nicht wählerisch. Außer Kerosin und normalem (Bio-)Diesel säuft es auch hochprozentigen Alk, wenn es den kriegt. Bei deutschen Treibstoffpreisen durchaus eine Überlegung wert.

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Hallo Deutschland!

Überhaupt würde ein Y2K gut auf unsere Autobahnen passen. Gasturbinen sind dazu gebaut, endlos mit hohen Drehzahlen zu laufen, Leistung und Fahrgeometrie des Bikes sind ebenfalls nicht für Landstraßen gemacht. Dazu kommt, dass der Motor ein wenig braucht, bis er hoch- oder runterdreht. Es ist daher der wohl einzige Motorradantrieb mit einer echten Motorbremse: An der Hauptwelle sitzt eine Scheibenbremse. Statt Spiegeln gibts eine Kamera im Heck und einen LCD-Schirm vorne; für die gelegentliche Geschwindigkeitskontrolle einen Radarwarner und einen Laserscrambler. Sicher ist sicher. Wem das alles noch zu wenig ist, kann auf MTT hoffen, wo man sich schon die nächste Stufe mit 420 PS überlegt. Bin im übrigen auch sehr zuversichtlich, dass die deutschen Zulassungsstellen mir so ein Teil anstandslos abnehmen, wenn ich wie ein Tornado im Tiefflug vorfahre und ihre Fensterscheiben akustisch pulverisiere. Oder mir abnehmen und mich wegschließen, das kann auch sein.

Text: Clemens Gleich
Bilder: Steve Comeaux