Suzuki GSX-R 1000 2009

Suzuki GSX-R 1000 2009


Ruck-Zuki

Was passiert wenn ein eingefleischter V2-Fan und bekennender Tourensportler mit Hang zu aufrechter Haltung dem reinrassigen Supersportler Suzuki GSX-R 1000 begegnet? Klärung brint dieser Test. Einmal mehr werden Vorurteile ausgeräumt und Sichtweisen geändert.

Die Suzukis GSX-R-Reihe blickt auf eine lange Tradition zurück. Der Autor erinnert sich noch lebhaft an die Präsentation der ersten GSX-R 750, gefühlte 100 Jahre her. Schon damals legte er für sich fest: Nee, nix für mich. Zu unbequem, zu kompromisslos, zu extrem, nur was für Raser. Galt natürlich für alle Supersportler. Jemals eine gefahren? Natürlich nicht, wieso auch? Als echter Theoretiker reicht es ja sich lesend fortzubilden. Aber mittlerweile siegt dann doch die Neugier. „Muß man mal ausprobieren“, zumindest um die eigenen Vorurteile zu bestätigen. Jetzt steht der Fahrer einer Honda Varadero und einer Moto Guzzi California vor seinem ersten Supersportler. Und dann gleich noch die Suzuki GSX-R 1000, also der Ur-was-auch-immer-Enkel der damals abgestempelten GSX-R 750. Kann ja heiter werden.

Da steh’ ich nun vor der Gixxer. Farblich ganz der Urahn, eine Kombination aus den Farben Blau und Weiß. Tradition scheint zu verpflichten, die GSX-R verbucht den ersten Pluspunkt. Sehr geduckt steht sie da, fast klein. Da kommen fast Zweifel auf ob es wirklich eine 1000er ist. Aber dennoch, schick sieht sie aus. Der Auspuff ist (für den Autor) eine Augenweide, die Rückansicht gewährt hervorragende Aussicht auf den 190er Schlappen. Das Heck kommt sehr hoch. Schwarze Streifen durch die Schuhsohlen beim Auf- und Absteigen sind vorprogrammiert. Erste Sitzprobe, wie gesagt man ist eine Varadero und eine California gewohnt. Die Fußrasten sind sehr hoch und weit hinten montiert, der Lenker scheint direkt an den Lenkkopf geschraubt. Der Beinwinkel ist entsprechend spitz, der Oberkörper geht weit nach unten. Auweia, kann für die Handgelenke ja heiter werden. Wer breite Lenkstangen gewohnt ist, erschrickt im ersten Moment ebenfalls. Der Lenker fällt im Vergleich schmal aus. Noch ein Blick nach hinten: scheidungswillige Biker sollten den Partner hinten auf die GSX-R 1000 setzen. Wer sich davon nicht aus der Ehe treiben lässt, hat masochistische Neigungen. Das Testmotorrad wurde gleich mit ohne Soziussitz geliefert. Stattdessen ziert eine Abdeckung das Heck.

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Insgesamt 12.890 Euro ruft der Händler für die Suzuki GSX-R 1000 aus. Im Preis enthalten sind insgesamt 185 Pferdestärken bei einer Nenndrehzahl von 12.000 U/Min. Das Drehmoment liegt bei 117 NM und 10.000 U/Min an. Das Gewicht: fahrfertig gerade mal 205 kg. Zum Vergleich: meine Moto Guzzi hat 75 PS und wiegt 283 kg. Der Motor kann per Schalter am linken Stummel auf 3 unterschiedliche Charakteristika eingestellt werden. Einen tieferen Sinn hierfür hat sich im Test nicht ergeben.  Für die notwendige Negativbeschleunigung sorgt eine Bremsanlage mit jeweils 4 Kolben je Scheibe vorne und 1 Kolben auf der hinteren Bremsscheibe. ABS ist leider nicht erhältlich, hier sollte Suzuki Motorrad spätestens seit dem formidablen Blockierverhinderer der Honda Fireblade nachziehen. Im Cockpit vereinen sich anlaloge und digitale Welt. Der Drehzahlmesser ist analog, Geschwindigkeit und alle weiteren Infos werden im digitalen Display angezeigt. Der Bordcomputer beinhaltet neben 2 Tripzählern auch Uhrzeit und einen Laptimer. Eine Ganganzeige komplettiert die gut ablesbaren Instrumente. Auch die Bedienung ist narrensicher. Alle Schalter sind da wo man sie vermutet und liegen gut zur Hand. Die Spiegel sehen gut aus und bieten auch einiges an Verstellbereich. Leider variiert die Rücksicht nur den Anblick der eigenen Schultern und Oberarme.

Jetzt aber rauf auf die GSX-R und ab auf die Straße. Erste Erfahrung: jetzt weiß ich wieso meine Jacke und meine Hose einen Verbindungsreissverschluß haben. Durch die stark nach vorn geneigte Sitzposition rutscht die Jacke automatisch nach oben. Gleiches gilt für den Rückenprotektor. Also erst nochmal runter und alles richten. Das Zündschloß ist leider etwas hakelig, hier hilft ab und an nur den Schlüssel wieder abzuziehen. Zündung an und Motor starten. Seidenweich nimmt der 1000er seine Arbeit auf, der Sound ist im Stand noch verhalten. Dies ändert sich mit steigender Drehzahl rapide, dann trompetet der 4-Zylinder und röchelt die Ansaugbox daß es eine wahre Wonne ist. Aber erstmal piano, ist ja schließlich meine erste Begegnung mit einem Supersportler. Die ersten Meter sind dann auch schonmal überraschend. Von wegen extrem und kompromisslos. Die Sitzposition ist natürlich sportlich, aber doch bequemer als erwartet. Der Motor läuft wie die berühmte Nähmaschine, benimmt sich lammfromm. Irgendwie hatte ich was anderes erwartet. Dann lasse ich das Ortsschild hinter mir und drehe mal beherzt am Gashahn. In gefühlten Sekundenbruchteilen katapultiert mich die GSX-R dem Horizont entgegen. Der Sound wechselt von Chillen auf Gänsehaut, die Sinne von Standby auf hellwach und die Mundwinkel schlagen bei den Augenbrauen an. Der Schub ist brutal. Wer es ganz doll will, schaltet vor dem Ortsschild in den 2. Gang. Ist nicht wirklich nötig, aber man hat das Gefühl es reisst einen noch mehr mit. Begleitet wird dies von einem fulminanten Klangteppich. Habe ich nicht immer gesagt 4-Zylinder klingen nicht gut? Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Die Kombination aus der gebotenen Beschleunigung, Auspuff- und Ansauggeräusch ist extrem suchtfördernd. Ständig ist man versucht diese Beschleunigung auf jedem verfügbaren Meter auszukosten. Dabei kann die GSX viel mehr als nur über die Drehzahl ausgepresst werden. Im 6. Gang durch die Ortschaft rollen? Funktioniert völlig problemlos. Kein Hacken auf der Kette, kein Ruckeln, kein Verschlucken. Auch nicht wenn die Gashand am Ortsschild wieder auf Anschlag geht. Ruckfrei und seidenweich zieht dieser Traum von Verbrennungsmaschine durch.

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Noch kurz eine Beschreibung dessen was es bedeutet der GSX-R 1000 die Sporen zu geben. Der rote Bereich im Drehzahlmesser beginnt bei 13.500 U/Min. Ich fahre im 2. Gang die Autobahnauffahrt hoch, diese ist 3-spurig und herrlich frei. Also die GSX-R mal ausdrehen. Die Beschleunigung ist (fast) unbeschreiblich. Wie mit der Kanone abgeschossen sprintet die GSX-R nach vorne. Bei 11.500 U/min schalte ich in den 3. Gang. Der Tacho steht da bei über 170 km/h. Und zum roten Bereich hatte ich noch 2.000 Umdrehungen Luft! Egal, 3. Gang, 4. Gang, 5. Gang, der Schub lässt scheinbar nie nach. Bei 240 km/h lasse ich es gut sein. Die Suzuki war hier noch lange nicht am Ende, sie hätte noch einiges nachlegen können. Die Leistung der GSX-R 1000 auf öffentlichen Straßen auszuloten ist nahezu unmöglich. Zumindest wenn man sich einigermaßen gesetzeskonform fortbewegt. Bei aller Kraft und Beschleunigungsvermögen läuft der Motor stets seidenweich, kennt kaum Vibrationen und lenkt damit auch nicht von seiner Faszination ab. Ebenfalls gut: bei wirklich zügiger Fahrweise über Autobahn und Landstraße genehmigte sich die Suzuki GSX-R1000 im Schnitt 6,3 Liter Super auf 100 Kilometer. Bei der Leistung  und dem damit verbundenen Spaß ein  erfreulicher Wert.

Aber Autobahn ist langweilig, also runter und ab auf die Hausstrecke im Pfälzer Wald. Die perfekt ausgebaute B48 Richtung Johanniskreuz ist die optimale Spielwiese. Die tiefe Sitzposition ergibt ein hervorragendes Gefühl für das Vorderrad. Schräglagen ergeben sich wie von selbst, nach jeder Kurve hat man den Eindruck da wäre mehr gegangen. Die Suzuki folgt stur dem eingeschlagenen Kurs. In der nächsten Kurve dann mit dem Oberkörper noch etwas mehr gearbeitet und schon legt sich die GSX-R noch mehr in die Kurve. Die Reserven scheinen endlos zu sein. Nie hat man das Gefühl es wird „eng“. Falls doch, legt man halt sich noch einen Tick mehr rein. Zu diesem Gefühl der Sicherheit trägt die Abstimmung der Gabel einen Großteil bei. Das Ansprechverhalten ist ein Gedicht. Auch weniger gute Straßenbeläge bringen die GSX-R nicht aus der Ruhe. Das hintere Federbein kommt an die Leistung der Gabel nicht ganz ran. Es ist eine Spur zu hart abgestimmt. Hier kommt es schonmal vor daß die Hinterhand bockig reagiert. Allerdings sprechen wir hier von Elend auf allerhöchstem Niveau. Die Summe von Motor und Fahrwerk ergibt fast immer und zwangsläufig eine zügige, oft sogar sehr zügige Fahrweise. Kurve anbremsen, die GSX-R umlegen und dann in satter Schräglage sauber rausbeschleunigen. Auf der Geraden mal kurz die Beschleunigung geniessen und dann geht der Spaß von vorne los. All daß absolut souverän und unaufgeregt. Und genau hier ist auch mein Haken: die GSX-R 1000 vermittelt in allen Lagen ein absolut sicheres und souveränes Gefühl. In der Regel bewegt man sich dabei allerdings in hohen Geschwindigkeitsbereichen. Die eigene Wahrnehmung sagt einem aber man ist deutlich langsamer. Will sagen: man hat nicht das Gefühl soooo schnell unterwegs zu sein, da ja alles so einfach geht. Die Bremsen tragen ein Übriges zu diesem Eindruck bei. Auch ohne ABS verzögert die Bremsanlage wie Rettungsanker und Bremsfallschirm gleichzeit. Dafür genügt die berühmte 2-Finger-Bremse vollkommen.

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Wo hat die Suzuki GSR-R 1000 denn überhaupt Schwächen. Gibt es auch etwas was sie nicht gut kann? Wie oben schon gesagt, ist sie kein Fall für Zweisamkeit. Die Rücksicht in den Spiegeln taugt nichts. Durch die hohe Belastung auf den Handgelenken können Bergab-Strecken mit hohem Bremsanteil zur Folter werden. Enge und engste Serpentinen sind  auch bergauf nicht immer ein Vergnügen. Bei kalter Witterung gilt es bei der Leistung auch die Reifen erstmal auf Temperatur zu bringen, da ist anfangs Zurückhaltung in der rechten Hand gefragt. Eventuelles Gepäck kommt am besten ins Begleitfahrzeug, auf der GSX-R ist ohnehin kein Platz dafür.