Honda Crosstourer Fahrbericht

Honda Crosstourer Fahrbericht


Leicht und Cross?

Lange hat es gedauert. Aber jetzt ist ja endlich soweit. Honda präsentiert mit der Crosstourer nach einer gefühlten Ewigkeit die hauseigene Antwort auf den Dauerbrenner BMW R 1200 GS. Die Zeiten in denen eine Varadero der Bayerin Paroli bieten konnte, liegen ja nun schon ein paar Jährchen zurück. Den ersten Ausblick gewährten uns die Kollegen aus Japan bereits auf der EICMA 2010. Der fertige Crosstourer stand dann auf der EICMA 2011 und Anfang 2012 darf die Presse die ersten Crosstourer teste. Ob was lange währt auch letztendlich gut wird – wir werden sehen.

Mit dem neuen Modell will Honda an alte Erfolge anknüpfen. Die Zeiten in denen die Marke mit einer Africa Twin und einer Transalp das Genre dominierte, sind bekanntermaßen längst vorüber. Die Varadero als Nachfolger enttäuschte viele Fans, der Rest ist Geschichte. Jetzt also die Crosstourer. Ein legitimer Erbe der Twin will sie gar nicht sein. Für das Abenteuer in der Sahara ist sie eher nicht gedacht. Aber ob tatsächlich viele Africa Twin den namensgebenden Kontinent unter die Räder genommen haben, darf auch bezweifelt werden. Erklärtes Ziel von Honda ist es die Nummer 2 im Segment der Reiseenduros zu werden. Die Möglichkeit den Platzhirsch R 1200 GS vom Thron zu stoßen, schließt Honda vom Start weg aus. Dies ist zum einen eine sicher realistische und zum anderen – in Zeiten von oft markigen Marketingversprechungen –eine sympathische Einschätzung der Lage. Aber auch die Silbermedaille will erst einmal erreicht werden. Das gesteckte Ziel von 1.500 Einheiten für 2012 ist angesichts der ebenfalls neuen Konkurrenz vom Schlage einer Kawasaki Versys und Triumph Explorer ambitioniert.

Honda Crosstourer 08

Eindruck Honda Crosstourer

Die Crosstourer ist gleich in zweierlei Hinsicht eine Speerspitze im Modellprogramm von Honda. Zum einen ist sie das Topmodell der Crossoverfamilie mit den Schwestermodellen NC700X und Crossrunner. Zum anderen nimmt sie eine gewichtige Rolle im V4-Konzept von Honda ein. All dies spiegelt sich auch in der Optik wieder. Entenschnabel sowie Verkleidung und Tankdesign sind klar den kleinen Schwestern zuzuordnen, der Blick in die Scheinwerferaugen erinnert an die VFR1200. Typisch Honda vermittelt die Crosstourer auf den ersten Blick einen sehr wertigen Eindruck. Der auch einem zweiten Blick Stand hält. Die Verarbeitung und Lackqualität ist hervorragend, von billig wirkendem Kunststoff keine Spur. Gattungsbedingt steht da natürlich ein ordentlicher Brocken Motorrad vor einem, der wuchtige V4 trägt sicher einiges dazu bei. Allerdings wirkt die Honda nicht so schwer wie sie tatsächlich ist. Satte 275 kg bringt sie vollgetankt auf die Waage. Wählt man das optionale Doppelkupplungsgetriebe DCT, kommen nochmal 10 Kilo drauf.

Honda Crosstourer 15

Drahtig ist anders. Da ist ein sicherer Stand gefragt. Die Sitzhöhe liegt mit 850 mm auf einem erträglichen Niveau, ist aber unverständlicherweise nicht änderbar. Eine niedrigere Alternative oder gar eine Verstellung bietet Honda nicht an. Oben angekommen, findet der Pilot ein sehr kommodes Plätzchen vor. Die Sitzbank ist breit und bequem, der Kniewinkel entspannt. Der breite Lenker ist auf hohen Risern montiert und kommt dem Fahrer weit entgegen. Die Instrumente sind komplett digital und bieten von der Ganganzeige über Tankanzeige bis hin zum Bordcomputer mit Spritverbrauch und Restanzeige alles was man so braucht. Die Bedienung ist intuitiv, alles ist da wo man es vermutet. Lediglich die Handhabung des optionalen DCT verlangt etwas Einarbeitung. In Puncto Sicherheit hat die Crosstourer das Combined ABS und eine abschaltbare Traktionskontrolle an Bord. Das Gesamtpaket kostet 13.490 Euro, DCT ist für 1.000 Euro Aufpreis zu haben.

Motor Crosstourer

Den Antrieb übernimmt der aus der VFR1200 übernommen 1200er V4. Natürlich wurde das Triebwerk auf den Einsatz im Crosstourer neu abgestimmt. Weniger Spitzenleistung bei mehr Power in unteren Drehzahlbereich stand im Lastenheft. So bringt es die 1.237 Kubik auf 129 PS bei 7.750 Umdrehungen. Für das maximale Drehmoment von 126 NM braucht die Crosstourer gerade mal 6.500 U/Min. Geschaltet wird über ein 6-Gang-Getriebe, optional übernimmt das DCT genannte Doppelkupplungsgetriebe die Schaltarbeit. Der Hinterradantrieb wird per Kardan erledigt. Die Überarbeitung hat dem V4 gut getan. In der VFR enttäuschte das Triebwerk in Sachen Durchzug und Antritt aus niedrigen Drehzahlen. Erst bei höheren Drehzahlen ließ der V4 seine Muskeln spielen. Mit solchen Problemen hat die Crosstourer nicht zu kämpfen. Schon aus niedrigen Drehzahlen zieht der Motor sauber und vor allem kraftvoll durch, gibt seine Leistung fast linear ab. Ausdrehen der Gänge bringt keinen Zusatzschub. Dabei legt der V4 angenehme Manieren an den Tag: Vibrationen sind kein Thema. Das Getriebe lässt sich auch ohne DCT einfach schalten, der Kardan funktioniert absolut unauffällig und lässt sich auch durch provozierte Lastwechsel nicht aus der Ruhe bringen. Ein extra Lob geht an den Sound der Crosstourer. Dumpf und voluminös gibt er seine Lebensäußerung an die Umwelt ab. Jedes einzelne der 1.237 Kubik scheint Schalldruck zu erzeugen ohne deshalb den Nachbarn aus dem Bett zu bollern.

Honda Crosstourer 04

Fahreindruck

Angesichts des hohen Gewichts sind die Erwartungen etwas gedämpft. Schwer und komfortabel waren die Attribute der Varadero. Da schleichen sich schon erste Bedenken ein. Nimmt man dann Platz und bugsiert die Honda vom Seitenständer und aus der Parklücke, lassen sich diese auch nicht zerstreuen. 275 kg ohne Motor fordern hier einfach ihren Preis. Sobald die Fuhre dann aus eigenem Antrieb rollt, wandelt sich jedoch das Bild. Die Crosstourer lässt sich vom ersten Meter an erstaunlich leicht und einfach bewegen. Einmal in Bewegung vergisst man einen Großteil der vielen Kilos. Der Fahrer sitzt sauber integriert „in“ der Maschine, hat Instrumente und das gesamte Motorrad gut im Blick. Das Handling übertrifft die gedämpften Erwartungen. Die Honda geht willig Schräglage und hält zuverlässig die eingeschlagene Linie. Auch Wechselkurven stellen weder Fahrer noch Maschine vor Probleme, die Crosstourer lässt sich sicher dirigieren und sich von einer Schräglage in die andere wechseln ohne dem Fahrer Schweißperlen auf die Stirn zu teilen. Sie vermittelt dabei stets ein hohes Maß an Stabilität, gerade auch in schnell gefahrenen, langgezogenen Kurven. Gleiches gilt für die Schnellstraße. Tempo deutlich jenseits der Richtgeschwindigkeit nimmt die Crosstourer lässig unter die Räder und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Das bei Honda übliche Combined ABS tut zuverlässig seinen Dienst. Bei den ersten Testrunden erfüllte die Bremse alle Anforderungen. Ob der positive Eindruck sich auch auf Passfahrten mit voller Beladung fortsetzt, muss ein späterer Test noch zeigen.

Honda Crosstourer 01