Horex VR6 Roadster

Horex VR6 Roadster


WOW-R-6

Was lange währt – wird tatsächlich endlich gut. Eine gefühlte Ewigkeit ist seit der ersten Ankündigung der neuen Horex vergangen. Damals kam man tatsächlich BMW zuvor – allerdings ist deren Sixpack schon mehr als ein Jahr am Markt. Egal – die ersten Exemplare der VR6 Roadster sind fertig und die Presse durfte diese auf den kurvigen Straßen im Donautal fahren. Auch wenn es lange gedauert hat – alles wird gut.

Die Horex VR6 Roadster kommt als klassisches Naked Bike daher. Dabei macht die VR6 nicht auf Retrobike, sondern kombiniert geschickt klassische mit modernen Elementen. Für die Klassik stehen der große Rundscheinwerfer und die wohltuend analogen Instrumente. Lediglich ein kleines Display sorgt über zusätzliche Information wie Tripzähler und Ganganzeige. Für die Moderne stehen Einarmschwinge, Upside-Down-Gabel, ABS, Graphit-Feststoffschmierung der Kette und so weiter. Sehr gefallen haben uns neben den Instrumenten der eng am Motorrad anliegende Auspuff und der Übergang von Rahmen zum Tank. Das Horex-Emblem ist wunderschön in den Rahmen eingelassen und liegt mit dem oberen Teil auf dem Tank. Da hat jemand Liebe zum Detail bewiesen. Dagegen wirkt die Anbringung des Schutzblechs am Vorderrad irgendwie provisorisch und will nicht so recht zum Rest passen.

Horex VR6 Roadster 09

Genug geschaut, erst mal Platz nehmen. Die Sitzhöhe geht mit 820mm in Ordnung. Dabei wurde sowohl an Kurz- als auch Langbeinige gedacht, denn die Höhe der Sitzbank ist nach oben und unten jeweils um 20mm variabel. Die Fußrasten sind nicht zu hoch platziert, der Kniewinkel ist entspannt, der Knieschluss angenehm. Der Lenker ist ebenfalls in angenehmer Höhe montiert, die Kröpfung passt, alles liegt gut in der Hand. Der Autor hätte sich die Lenkstange gerne etwas breiter gewünscht, Horex denkt aber ohnehin darüber nach verschiedene Lenker zur Auswahl anzubieten. Damit sitzt der Fahrer entspannt mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper. Passt. Ob dies auch auf Dauer und für den Sozius gilt, muss ein späterer ausführlicher Test klären.

Schauen wir uns mal die Kraftquelle genauer an. Sechs Zylinder sind natürlich ein Wort in der Motorradwelt. Aktuell lediglich bei den Tourenschlachtschiffen Goldwing und K 1600 zu finden. Die Bauart VR ist ein von Firmengründer Clemens Neese gehaltenes Patent. Im Grunde genommen kombiniert es die Vorteile eines V- und Reihenmotors und kommt trotz seiner 6 Zylinder sehr kompakt daher. Gerade einmal 429mm ist der Motor auf Höhe der Zylinderköpfe breit. Kein Vergleich zu den extrem breit bauenden 6-Zylinder-Dinosauriern aus den 80ern vom Schlage einer CBX 1000 oder Z1300. Die Eckdaten des VR6 sind vielversprechend. Der Sixpack bringt es auf ein Volumen von 1.218 Kubik. Die Spitzenleistung von 161 PS liegt bei moderaten 8.800 Umdrehungen an, das beeindruckende Drehmoment von 137 NM schon 2.000 Umdrehungen früher. Den einfach nur geilen Sechser-Sound gibt es dagegen schon ab Standgas. Das akustische Gebaren ist aktuell tatsächlich einzigartig. Knurrend, heiser und bellend mit einem ordentlichen Anteil Bass. Mit jedem Dreh am Gasgriff stellt sich dem geneigten Motorradfahrer die Körperbehaarung auf hab Acht. Einfach herrlich!

Horex VR6 Roadster 08

Wie zu erwarten geht der 6er schon ab Leerlaufdrehzahl gut zur Sache. Das Sextett geht aus niedrigsten Drehzahlen manierlich ans Werk. Kein Geruckel, Gehacke oder ähnliche Unmutsäußerungen. Wirklich brachialen Schub aus dem Drehzahlkeller liefert die Horex allerdings nicht. Sie schiebt ordentlich an, legt dann bei 6.000 Umdrehungen nochmal einige Schaufeln Kohlen nach. Bis zum endgültigen Serienstart verspricht Horex ein nochmals verbessertes Mapping welches die Performance bei niedrigen Drehzahlen nach vorne bringt. Den Schub einer K 1600 wird die VR6 allerdings nicht erreichen. Aber die hat ja auch immerhin ein Drittel mehr Hubraum als die Horex. Damit kein falscher Eindruck entsteht: der Durchzug liegt absolut im akzeptablen Rahmen, wahrscheinlich sind einfach die Erwartungen etwas zu hoch gesteckt.

Horex VR6 Roadster 10

Auf der Straße zeigt die Horex dann was in ihr steckt. Genauer gesagt auf der Landstraße, denn dort fühlt sich sowohl Zweirad als auch Fahrer am wohlsten. Erstaunlich wie einfach sich ein Motorrad mit solchen Leistungsdaten und einem Gewicht von immerhin 249 kg (ohne Sprit) bewegen lässt. Für die VR6 gilt: draufsetzen und wohlfühlen. Auf Anhieb findet man sich auf der Horex zurecht, ultrastabil trifft auf handlich. In Punkto Stabilität gibt sich die VR6 keine Blöße. Kein Wunder, soll das Chassis doch auch die Kompressor-Variante mit nochmal mehr Leistung aushalten. In Zusammenarbeit mit dem sehr gut abgestimmten Fahrwerk ergibt sich so ein überraschend spielerisches Handling.

Horex VR6 Roadster 01

Dabei spielt es keine Rolle ob es durch schnelle Bögen oder verwinkelte Kurvenkombinationen geht. Immer folgt die Horex präzise der eingeschlagenen Linie und setzt Kurskorrekturen ohne Murren um. Die WP-Federelemente nehmen schlechten Strecken den Schrecken und erweisen sich als gute Kombination zwischen Sport und Komfort. Erst bei ganz engen Radien kann die Horex ihr Gewicht nicht ganz verleugnen. Von um-die-Kurve-wuchten kann aber auch hier nicht die Rede sein. Ruck-zuck fegt man über die Landstraße, genießt den Sound und grinst den nächsten Kurven entgegen. Der schrägen Art der Fortbewegung stehen Fußrasten und Konsorten erst sehr spät im Weg. Der durchweg positive Eindruck setzt sich auch bei den Bremsen fort. Auf unserer Landstraßenhatz waren sowohl Bedienkräfte als auch Verzögerung im grünen Bereich.

Horex VR6 Roadster 02

Wo liegen dann die Schattenseiten der VR6 Roadster? Für die meisten wahrscheinlich im Preis. 21.700 Euro muss man zahlen, will man die Horex sein Eigen nennen. Einerseits viel Geld für ein Motorrad. Andererseits schwingt bei dem Namen Horex schon eine ordentliche Portion Kult und Emotion mit. Und solche Werte sind schwer zu beziffern – siehe Harley.