BMW C 600 Sport vs Honda Integra

BMW C 600 Sport vs Honda Integra


Das Beste aus 2 Welten - bajuwarisches Spielmobil oder Hondas Großrad-Express?

„Mein Gott, wie tief sind die gesunken, jetzt müssen sie schon mit so Rollerschüsseln rumfahren“ In der Tat gingen uns bei den Testrunden mit den beiden Kraft-Scootern schon öfters solche virtuellen Statements durch den Kopf – immerhin heißt diese Webseite eben so wie sie heißt und nicht „Zweiradforum“ oder „Der fröhliche Einspurbote“. Bevor sich jetzt der eine oder andere aus Protest weiterklickt, lasst Euch gesagt sein: Für eingefleischte Biker gibt es zur Wahrung des Inkognitos beim Fremdgehen mit einem Roller ja dunkle Visiere und die Kisten können zudem richtig Spaß machen, Ehrenwort!

Genug der Vorrede, nur noch ein kurzes Wort zur Marktlage: „XXL-Scooter“ sind auch hierzulande eindeutig im Trend: Es scheint sich nun auch jenseits der Stadtgrenzen von Dauerstau-Hauptstädten wie Mailand oder Paris herumgesprochen zu haben, dass es kaum einen praktischeren Pendler-Shuttle wie einen Roller gibt. Wohl dem, der bei der Fahrt ins Büro dann auch noch dem Komfort von Gimmicks wie Sitzheizung (BMW) oder Doppelkupplungsgetriebe (Honda) genießen kann. Und der Spaß reicht weit über die flotte Fahrt ins Büro hinaus, denn nach ausgiebigen Testrunden in der Pfalz und im Odenwald steht fest: Diese beiden Roller können problemlos auch in jeder zügig gefahrenen Motorrad-Tourengruppe mithalten – sogar auf der Autobahn, denn in Sachen Topspeed schwächeln die beiden Testkandidaten erst bei Geschwindigkeiten oberhalb von 160 km/h. Und in Sachen Duell mit gestandenen Bikes geht auch noch mehr: Wenn die beiden Kraft-Scooter beherzt gefahren werden, muss man mit einem „richtigen“ Motorrad schon gut am Gas bleiben, um nicht in Roller-Rücklichter schauen zu müssen!

BMW C 600 Sport 02

Dieser Spaßzuschlag im Roller-Universum hat einen einfachen Grund: Eigentlich handelt es sich bei den zwei Testgefährten – zumindest was die verbaute Technik angeht – zu 90 Prozent um waschechte Motorräder. So besitzt „der“ bzw. „die“ Honda die gleiche Baukasten-Basis in Sachen Fahrwerk und Motor wie die erfolgreichen Einsteiger-Bikes NC 700 S bzw. X. Ähnliches gilt für den BMW C 600 Sport: Das Gefährt sieht zwar noch etwas mehr nach Roller aus, aber auch hier stößt das Auge in Sachen Dimensionierung von Telegabel, Bremsen oder Schwinge auf Technik in lupenreinen Motorrad-Dimensionen. Die ist hier natürlich auch nicht fehl am Platz, denn die rund 650cm³ großen Paralleltwins in den beiden Kraftrollern leisten souveräne 60 (BMW) respektive 52 (Honda) PS – garniert mit satten Drehmomentkurven.

Honda Integra 01

Einfach nur Gas geben

Wenn diese Newtonmeter dann auch noch vollautomatisch übertragen werden ist das Wohlfühl-Antriebspaket für Stadt und Land perfekt. Beim BMW übernimmt diesen Part eine klassische Variomatic, während der Integra serienmäßig mit dem Honda-Doppelkupplungsgetriebe der zweiten Generation daherkommt. Nach der Anlaufphase mit der ersten VFR 1200 tut der Schaltautomat nun genau dass, was er soll: Die Gänge werden entweder ganz komfortabel (im „D“-Modus), beziehungsweise (bei „S“) sportiv und superschnell gewechselt, auf Wunsch kann der Pilot zudem manuell per Knopfdruck eingreifen. Wer je einen Golf GTI mit DSG gefahren ist, kennt das Extra-Plus an Fahrspaß, das diese Technik bringt: man ist einfach sehr easy sehr schnell, Punkt.

BMW C 600 Sport 05

So weit, so gut – wenn nicht die BMW-Ingenieure einen Extra-Kurs in Sachen „wie baue ich die beste Variomatic auf dem Markt“ belegt hätten. Der C 600 Sport erledigt die „Übersetzungs-Frage“ dermaßen perfekt, dass der Fahrer sich an jedem Kurvenscheitelpunkt beim Gasanlegen fragt, wie viele Testkilometer wohl nur in die Abstimmung der Automatik geflossen sein mögen. In jedem Fall liefert das Sportgerät aus Bayern einfach immer den perfekten Vortrieb. Ohne Ruckeln und mit sehr geringen Lastwechseln macht es einem der BMW-Antrieb extrem einfach, sich nur auf die Kurvenlinie konzentrieren zu können und ist damit ein echter Schlüsselfaktor für: a) lockeres Rollerfeeling oder b) die fröhliche – und oft erfolgreiche – Jagd auf vermeintlich überlegene Motorräder auf winkeligen Landstraßen.

Honda Integra 05

Bayern-Express – allerdings im Stimmbruch

Diese Power-Option verpacken die Bayern zudem in ein Fahrwerk, dass in diesem Segment wohl seinesgleichen sucht: Der „Sport“ besitzt eine große Schräglagenfreiheit und bügelt so handlich, zielsicher und stabil um die Ecken, dass man gar nicht mehr absteigen möchte, ehrlich. Gegenüber einer solchen Sportskanone unter den Scootern (Achtung: das Schwestermodell C 650 GT ist deutlich touristischer ausgelegt) zieht der als komfortabler Allrounder ausgelegte Honda bei forscher Fahrweise und speziell auf unebener Fahrweise eindeutig den kürzeren. Gleichwohl gilt: Da das NC-Fahrwerk mit seinen 17-Zoll-Rädern dem Integra ja prinzipiell eine solide Basis beschert, sollte hier etwas Dämpfungs-Tuning Wunder wirken. In der Serienabstimmung geht die Kurvenräuber-Ehrenmedaille jedoch eindeutig nach München.

01 BMW C 600 Sport

Bei aller Anerkennung für die BMW-Entwickler: Eines geht absolut gar nicht und das ist die Geräuschentwicklung (nein, es ist kein „Sound“!) des Motors. Gefühlt bietet so ziemlich jedes halbwegs anständige 125er-Mopped eine angenehmere Klangentwicklung als dieses nervtötend unharmonische Geschepper, das der C 600 Sport von sich gibt. Damit geht die Soundwertung ganz klar an den Integra, der mit seiner 270-Grad-Kurbelwelle einen sehr angenehmen – und vom Zündabstand Ducati-ähnlichen – Klangteppich an den Tag legt. 

Bad Boy mit bösem Blick

Genug Spaß auf der Landstraße eingefahren, bei der ersten Pause im Odenwald kommen wir zur Standwertung. Bei den zweifelsohne breitbandig vorhandenen Anlagen zum Scooter-Platzhirsch steht dem blau-weißen Speedmobil natürlich auch ein cooles Outfit zu. Hier haben die Designer ganze Arbeit geleistet: Mit „bösem Blick“, ergänzendem Tagfahrlicht und kantig aggressivem Design ist schon im Stand klar, dass mit dem „Sport“ ein ernstzunehmender Gegner auftaucht. Ganz anders der Integra, der eher der Gute Freund der Familie sein möchte und dementsprechend unaufgeregt in die Welt hinaus schaut. Schade nur, dass dieser gute Freund erst mit dem eleganten Topcase rollertypischen Stauraum bieten kann, dieses Schicksal teilt sich der Honda allerdings mit allen „Großrad“-Rollern gleich welchen Hubraums. Kurioserweise ermöglicht es das pfiffige Baukastenkonzept von Honda, dass ausgerechnet die Motorräder im NC-Trio mit einem zusätzlichen Helmfach im „Tank“ aufwarten können, dass dem Integra mit seinem rollertypischen Durchstieg fehlt, dafür besitzen diese natürlich keinen so guten Wetterschutz. Apropos Stauraum: Beim C 600 Sport lässt sich das auch nicht üppige Fach unter der Sitzbank mit einem schlau gemachten Klappmechanismus spürbar vergrößern, der Trick mit dem doppelten Boden funktioniert allerdings nur im Stand.

03 Honda Integra

Überhaupt finden sich bei näherem Hinsehen einige Ecken, an denen der blau-weiß gefärbte Rotstift der BMW-Controller zugeschlagen hat: Schade, dass der C 600 Sport an mehreren Ecken in Sachen Verarbeitungsgüte (Stickworte: Tankdeckel oder Ablagefächer in der Frontverkleidung) nicht mit den Qualitäten der Technik mithalten kann. Der Honda dagegen wirkt hier stimmiger und leistet sich in den Details kaum einen Lapsus.