Moto Guzzi California 1400

Moto Guzzi California 1400


Hinterm Horizont ...

Die italienische Traditionsmarke Moto Guzzi legt eine Legende neu auf: Die California 1400 führt eine mehr als vierzigjährige Geschichte fort. Dass sie kommt, war schon lange bekannt, selbst erste Fotos gab es schon längst. Doch ihre Weltpremiere feierte die neue Moto Guzzi California 1400 erst auf der Mailänder Messe im November 2012 unweit ihres Entstehungsorts Mandello del Lario am Comer See.

Geschichte Moto Guzzi California

Die Geschichte der California reicht zurück bis ins Jahr 1968, als Moto Guzzi sich mit einer V7 für den Einsatzdienst des Los Angeles Police Departement LAPD bewarb. Im Jahre 1970 erhielt das Modell V7 750 den offiziellen Zuschlag, ein Jahr später verliehen ihr die Guzzi-Verantwortlichen den Zusatz „California“. Seitdem ist sie zu Guzzis erfolgreichstem Modell mit der längsten Modellhistorie geworden, mehr als 100.000 Einheiten konnten Guzzi verkaufen, was dem Unternehmen in Mandello del Lario das Überleben in schwierigen Zeiten sicherte .Jetzt erreicht das traditionsreiche Chopper-Flaggschiff der Marke mit dem Adler nach sage und schreibe sieben Generationen und drei Hubraumerweiterungen eine neue Evolutionsstufe: Die California 1400 wird es künftig in einer Touring-Ausführung mit Koffern, Windschild und wuchtigen Zusatzscheinwerfern sowie als Custom-Version geben.

Moto Guzzi California 1400 Touring 15

Obwohl kein einziges Bauteil von den Vorgängern übernommen wurde, haben die Designer um den genialen Miguel Angel Galluzzi (der unter anderem auch Ducatis Monster und die Aprilia RSV4 zeichnete)elegant die klassische Linie beibehalten – auch die Touringversion der 2013er Cali ist mit ihren ausladenden Formen sofort als solche auszumachen. Markante Stylingmerkmale aus den Siebziger Jahren wie die Chromreling, der bauchige Tank, die Mehrspeichenräder und fest montierte Koffer erinnern an früher, moderne Stilelemente wie die doppelte LED-Rücklichtleiste oder der poligonale Scheinwerfer mit integriertem randlichem LED-Tagfahrlicht transportieren den Entwurf in die Neuzeit. Selbst die angebotenen Farben haben eine Geschichte: das Ambassador Schwarz wie das alternativ angebotene Eldorado Weiß beziehen sich auf gleichnamige US-Sondermodelle aus den Siebzigern. Insgesamt wirkt die California wie ein äußerst gelungener Mix aus Tradition und Innovation, altbacken aber auch nicht zu abgehoben.

Kraftvoller Drehmomentbulle

Trotz der Länge, mit der die Guzzi von der Seite betrachtet beeindruckt, ergibt sich beim Aufsitzen auch für Durchschnittsgroße ein sehr lässiges Ambiente: Die kommode Sitzbank bietet dem Hinterteil guten Halt, die Füße ruhen bei entspannten Kniewinkeln auf den Trittbrettern und der Geweihlenker liegt in erstaunlicher Erreichbarkeit. Beim Druck aufs Knöpfchen schüttelt sich der mächtige Motor wie eh und je – die California kommt mit einem komplett neuen, aber selbstverständlich weiterhin luft-/ölgekühlten V2-Motor, der als Längsläufer seine beiden Zylinder im 90-Grad-Winkel markant rechts und links in den Fahrtwind streckt – die Italiener verbauen als einziger Hersteller weltweit dieses seit Jahrzehnten charakteristische Aggregat. Mit handtellergroßen Kolben im 104-mm-Format erreicht der Cali-Twin 1380 Kubikzentimeter, was ihn zum größten Guzzi-Motor aller Zeiten macht. Doppelzündung, zwei Lambdasonden und eine einzige, riesige Drosselklappe mit 52 Millimeter Durchmesser für beide Zylinder sind die neuen Konstruktionsmerkmale. Allerdings ist dieser Vau kein auf Höchstleistung gezüchtetes Rennpferd sondern ein braver Ackergaul: Der mächtige Motor mobilisiert 96 PS und stellt bereits bei 2750 Umdrehungen gewaltige 120 Newtonmeter Drehmoment parat. Gasbefehle erfolgen elektronisch mittels Drive-by-Wire-System, das ermöglicht drei Fahrmodi und eine dreistufige Traktionskontrolle. Die Fahrmodi sind übrigens Veloce, Turismo and Pioggia genannt anstatt Sport, Touring und Regen und werden zentral im riesigen digitalen Rundinstrument angezeigt.

Moto Guzzi California 1400 Touring 13

Ein neues, per Schaltwippe betätigtes Sechsgang-Getriebe mit Overdrive – zuvor haben der Cali noch fünf Gänge genügt - samt leichtgängiger Kupplung sorgen für standesgemäßes Vorankommen: Nach dem mit lautem Klonk eingelegten ersten Gang schiebt die Cali sanft, aber nachdrücklich voran. Frühes Hochschalten macht jedwede Hektik überflüssig. Ambitioniertes Hochdrehen erzielt kaum einen Effekt, sieht man von der zunehmenden Geräuschkulisse einmal ab. Diese Guzzi – und ihr Fahrer - fühlen sich zwischen 2500 und 4000 Touren am wohlsten, wenn der Riese sein Drehmoment nutzbringend anwenden kann. Deshalb ist genussvolles Cruisen angesagt, zumal der neue Kardanantrieb seine Arbeit zuverlässig, aber nicht immer ganz unauffällig verrichtet. Da wäre zum einen das laute Mahlgeräusch aus dem Antriebsstrang, zum anderen lästige Lastwechselreaktionen, die insbesondere im Veloce-Modus nicht zu vermeiden sind.

Moto Guzzi California 1400 Touring 12

Dafür eliminiert eine innovative Motorlagerung in Silentblöcken im neuen Doppelschleifenrahmen sämtliche Vibrationen während der Fahrt. Der Rahmen umgibt den Motor nun komplett und nutzt ihn nicht mehr mittragend. Übrig bleibt lediglich ein feines Pulsieren, das weder in Händen noch Hinterteil nervt. Im Stand dagegen lässt diese Konstruktion mechanische Lebensäußerungen zu – das Aggregat schüttelt sich und wackelt, jeder Gasstoß lässt die Fuhre durch die längslaufende Kurbelwelle ein wenig nach rechts kippen, das vermittelt ein Gefühl von urwüchsigem Potenzial. 

Fahrerlebnis mit der California 1400

Die gewaltige Erscheinung mit 2445 mm Länge und einem Radstand von 1665 mm ist kein Fake, sondern Fakt: Vollausgestattet bringt die Touring 337 Kilogramm auf die Waage. Dank niedriger Sitzhöhe von 740 Millimeter lassen sich diese an der Ampel gut kontrollieren, und schon nach dem Anrollen verliert das Gewicht seinen Schrecken. Ungeachtet der dicken Reifen (18 Zoll vorn, 16 Zoll hinten), des ellenlangen Radstands und der chopperartigen Lenkgeometrie mit 58 Grad Lenkkopfwinkel und unglaublichen 155 mm Nachlauf braucht es keine Bodybuilderfigur, um die Cali um die Ecke zu bewegen. Im Gegenteil, das Flaggschiff fährt sich recht präzise und neutral, selbst bei niedrigem Stadttempo bleibt der Maxitourer vergleichsweise handlich. Geht's vor die Stadttore auf sanft gewundenen Asphalt, biegt die Guzzi freudig in die Radien und überrascht mit einer Wendigkeit, die man ihr nicht zugetraut hätte. Der positive Eindruck hält auch noch bei deutlich engagierterer Fahrweise an, zumindest bis zu einem bestimmten Punkt: Zwar lässt sich die California für eine solche Art Motorrad sehr leicht durch die Kurven zirkeln, was nebenbei an die Ur-Cali erinnert, die vielmehr ein Allrounder als ein amerikanischer Cruiser war. Doch recht früh setzen die Trittbretter mit austauschbaren Schleifern auf, soll's noch etwas schräger gehen, bekommen feste Teile wie die Trittbretthalterungen Bodenkontakt. Das Gripniveau der aufgezogenen Dunlop D251-Paarung wird jedenfalls nicht ansatzweise ausgekostet. Wahrscheinlich wäre das mit Erhöhung der Federvorspannung an den beiden Federbeinen besser gewesen, doch um mit einem Hakenschlüssel an die Federbasis zu gelangen, muss man die fest installierten Koffer abschrauben.

Moto Guzzi California 1400 Touring 02

Erst in engen Kehren machen sich die Pfunde bemerkbar und der Fahrer muss mit nachdrücklichem Körpereinsatz die Linie halten. Wird's zu flott, schafft die kräftige Brembo-Bremsanlage Abhilfe, die von einem Bosch-ABS der jüngsten Generation veredelt wird. Beim Verzögern übernehmen die brachialen Vierkolben-Radialzangen der beiden Bremsscheiben vorn die Hauptarbeit, während der hintere Stopper nicht richtig zum Zuge kommt und nur eine durchschnittliche Bremswirkung aufweist. Komisch, dass Guzzi hier kein Integralbremssystem verbaut, schließlich haben sie selbst vor vierzig Jahren damit angefangen.

Über alle Zweifel erhaben ist der hohe Fahrkomfort, der die Guzzi zu einem echten Tourer adelt. Fahrbahnunebenheiten schlucken die sensiblen Federelemente sauber weg, in der nicht einstellbaren Telegabel und den beiden Federbeinen bleibt viel des Straßenunbill hängen. Einzig harte Stöße landen trocken bei der Besatzung.

Moto Guzzi California 1400 Touring 06

Neben dem ausgezeichneten Fahr- und Sitzkomfort bietet die California weitere Reisequalitäten in Form der fest angebrachten und gut von oben beladbaren Seitenkoffer. Mit jeweils 35 Liter Volumen bieten sie ein ausreichendes Volumen und mehr als viele Konkurrenten. Sehr gut fällt zudem der Windschutz hinter der hohen Scheibe aus, der zwei seitliche Deflektoren assistieren. Allerdings liegt je nach Körperlänge – in diesem Falle 174 cm – der obere Rand des durchsichtigen Kunststoffs voll im Blickfeld und verzerrt den Blick nach vorn. Größere schauen einfach darüber hinweg. 

Die ab März erhältliche puristische Moto Guzzi California 1400 Custom kommt ohne Scheibe, Koffer, Scheinwerfer und Chromzierrat aus, technisch ist das optische Musclebike aber identisch mit der Custom.