V Rod

V Rod


auf Mallorca

Sie ist das Motorrad im Programm von Harley-Davidson, das die Moderne des amerikanischen Traditionskonzerns repräsentiert. Sowohl locker zu cruisen als auch zügig mit ihr um die Ecken zu fliegen sind ihre Stärken.

Um die V-Rod einmal so richtig ausgiebig zu testen, setze ich mich in einen Flieger von Air Berlin und jettete in den 17th State of BRD. Auf Mallorca lässt es sich bei „blue sky and warm sun“ viel besser cruisen als im verregneten Deutschland.

Mrs. Robinson

Glück habe ich, dass es auf Mallorca in Cala Serena die Harley-Davidson-Robinson-Station gibt. Dort stehen vier verschiedene Modelle für alle Robinsons, sprich für die Gäste des gleichnamigen Clubs zur Verfügung. Ole Möhle leitet die Station, die nach seiner Idee aufgebaut wurde. Vor drei Jahren errichtete Ole seine erste Harley-Davidson-Robinson-Station auf Fuerteventura, nachdem er schon viele Jahre für den Robinson Club gearbeitet hatte. Harley-Davidson Deutschland war damals sofort von seiner Idee begeistert und stellte ihm einen adäquaten Fuhrpark auf die Insel. Das Konzept ging auf, Ole sah sich nach einem weiteren geeigneten Standort um und fand diesen auf Mallorca. Seit einem Jahr bietet er dort lohnenswerte Motorradtouren auf dem Rücken der amerikanischen Bikes an, und kümmert sich als Instruktor um Wiedereinsteiger, die er im Einzeltraining unterweist. Viele Gäste nutzen dieses einmalige Angebot, auf einer Harley nach langer Zweiradabstinenz wieder Selbstvertrauen zum sicheren Fahren zu bekommen. Sogar eine abschließende Motorradtour ist im exklusiven Fahrtraining inklusive.

V-Rod

Für mich eine sehr gute Gelegenheit die V-Rod mehrere Tage intensiv, sowohl bei gemeinsamen Motorradtouren als auch auf eigene Faust, über die Insel zu scheuchen. In Deutschland hatte ich sie direkt im Erscheinungsjahr einen Tag lang gefahren, damals hinterließ die V-Rod einen guten Eindruck bei mir. Nun, auf Mallorca, wollte ich ihr mal so richtig auf den V2 fühlen.

Spagat

Um den Spagat zwischen Tradition und Moderne erfolgreich schaffen zu können, gab es für die Entwicklungsphase der V-Rod keinen besseren Partner als das innovative Team von Porsche. Der deutsche Sportwagenhersteller stand ja nach dem Erfolg des luftgekühlten Boxermotors selber vor dieser Gratwanderung. Die Geräusch- und Abgasvorschriften zwangen die Entwicklungsabteilung in Weissach dazu, auf wassergekühlte Motoren umzustellen. Harley-Davidson setzte auf die Erfahrung der Porsche Ingenieure, und traf damit ins Schwarze. Der Power-Cruiser war geboren. Ein bärenstarker V2-Motor mit dem Flair von Exklusivität. Hieß die vorangegangene Motorgeneration noch Evolution - die war übrigens auch schon mit der Unterstützung von Porsche zur Serienreife gebracht worden - wurde der flüssigkeitsgekühlte 60° V2 mit U-Kat auf den Namen Revolution getauft.

Nomen est omen

Eine Revolution ist die V-Rod verglichen mit allen anderen Modellen aus dem amerikanischen Motorradhaus allemal. Das 117 PS Triebwerk lädt zum Gasaufreißen ein, zum Glück sind auch die Bremsen revolutioniert worden. Wer hitzköpfig in knapp 11 Sekunden auf über 180 km/h beschleunigt, wird die bremsende Revolution schnell lieb gewinnen. Besonders auf den Mallorkinischen Aspahltbändern, die gern von Sand und Staub heimgesucht werden ein gutes Gefühl und beim Sturm auf die Ballermann-Promenade kann früh genug der Notanker gezogen werden, damit das fröhliche Angasen nicht gleich im Sangria gefüllten Schlauchbot endet.

Gebürstet und poliert

Sie macht eine sehr gute Figur, auch ohne speedige Performance. Stahl und Chrom zieren ja auch die anderen Baureihen von Harley-Davidson. Die V-Rod kommt dazu noch oberedel in viel gebürstetem und poliertem Aluminium daher. Da kann sie auf Schminke verzichten, pur and simple steht sie unter Mallorcas Sonne. Die Passanten, gleich welchen Alters, bleiben stehen und lassen sich von ihr zum Träumen verführen. Wer würde nicht gern mit solch einem Prachtexemplar von Motorrad über die vielen reizvollen Straßen der wunderschönen Insel ballern?

Da ich auf meinem Mallorca-Trip auch einige Tage eine Heritage Softail Classic fuhr, hatte ich den direkten Vergleich zwischen Tradition und Moderne. Mit beiden Bikes hatte ich sehr viel Spaß. Beide Bikes jagte ich Serpentinenstraßen rauf und runter, und Mallorca offeriert deren unzählige. Meine Sozia Edith war auch von beiden begeistert, aber eines Abends gab sie das treffende Statement ab: „Die V-Rod ist aufregender!“ Aufregender? Na klar! Weil die Revolution eben einen Zwitter gebar. Sind die nicht immer aufregender? Nicht mehr länger festgelegt auf eine Erfahrungssparte, hier das Cruisen, dort das Sportliche. Hat man sich erst an das etwas kippelige Kurvenverhalten gewöhnt – der schmale 120er 19-Zöller an der Front offenbart ein ganz anderes Einlenkpotential als der hintere 180er Schlappen – werden die Schräglagen immer tiefer. Da die Fußrastenanlage sehr weit vorne verschraubt ist, muss man auch nicht ständig in der Angst leben, sich gleich aus der Kurve zu hebeln. Auspuffanlage und Kühlerhutzen sind die ersten Leidtragenden dieser Performance.

Porsche V2

Sound and vision

Zwar haben sich die erfahrenen Klangtüftler in Weissach mit der Vision eines harleytypischen Sounds an die geräuschvolle Arbeit gemacht, doch die vom deutschen Gesetzgeber erlaubte  Geräuschemission fällt weit hinter die Vision zurück. Eingehaucht wurde der V-Rod immerhin das schlummernde Potenzial zum Poltern. Wie gut, dass es den Zubehörmarkt gibt. Im Vergleich zur traditionellen Harley fehlte mir besonders das dumpfe Bollern beim Gaswegnehmen. Der Motor der Revolution ist geschmeidiger, liebt die hohen Drehzahlen. Allerdings mag er nicht so gerne unterhalb von 2.000 U/min gefahren werden, das ist nach wie vor das Privileg der älteren Familienmitglieder. „The new kid on the block“ ist nämlich ein Kurzhuber und drückt sein maximales Drehmoment von 105 Nm erst bei 6.600 U/min raus. Der klassische Langhuber von Harley braucht im Schnitt nur 2.700 U/min für seinen Drehmoment-Max. Ansonsten gibt es nichts zu meckern an dem Vierventiler im Vollmetall-Dress. Der Einspritzer ohne manuelle Leerlaufanhebung startet auch kalt, falls man auf Malle von kalt sprechen kann, ganz spontan mit moderat erhöhter Drehzahl. Die Gasannahme ist sofort einwandfrei, zudem sind die mechanischen Laufgeräusche sehr gering, da macht sich der Wassermantel dämpfend bemerkbar. Auch der Durst auf 100 Kilometer von im Schnitt sechs Litern geht als okay durch. Wer allerdings die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,9 Sekunden öfter antestet, der muss zwei Liter mehr einplanen. Der Topspeed von 230 km/h wird dagegen wohl seltener abgerufen werden, und das nicht nur, weil die Streckenperformance ab 180 km/h an die Yamaha Vmax erinnert. Der Wind bläst einem dann doch zu heftig unter die Arme.

Kleine Schwächen

Die Alu-Scheibenräder sehen mega-edel aus, nur bei heftigem Seitenwind sind sie nicht optimal, weil sie dann eine extrem große Angriffsfläche bieten. Richtig nervig fand ich das Zündschloss, das rechts unterhalb des Sitzes angebracht ist und vom rechten Oberschenkel verdeckt wird. Um den Schwerpunkt der V-Rod möglichst tief nach unten zu bringen, verlegte man den Tank unter den Sitz. Also heißt es absitzen vor der Tanksäule. Das Gewicht von 282 Kilogramm lässt sich dafür dank des niedrigen Schwerpunkts souverän händeln.

Fazit

Geometrie

Bei sportlicher Gangart, auch auf Straßen zweiter und dritter Ordnung, bietet das straff abgestimmte Fahrwerk genug Komfort. Die Sitzposition ist für meine 1,73 Meter optimal. Für Menschen unter 1,70 Meter sind die weit vorne liegenden Fußrasten schlecht zu erreichen, da würde nur eine andere Rastenanlage Abhilfe schaffen. Da die Sitzbank für den Fahrer wie eine Mulde mit Halt für das verlängerte Rückgrat geformt ist, dürften Menschen über 1,90 Meter nicht mehr so kommod sitzen wie ich es kann. Der hintere Teil ist auch eher als Sitzbrötchen konzipiert, wer oft zu zweit fährt, sollte die originale gegen eine soziataugliche Variante tauschen. Meine V-Rod war mit einem „Fun-for-two-seat“ ausgerüstet. On y soit qui mal y pense! Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt!

The difference

Was nun macht die Harley im Vergleich zu anderen Power-Cruisern sportlicher? Es kann doch nicht nur an der PS-Zahl des Motors liegen, schließlich gibt es auch japanische Cruiser mit einer Menge Power. Schaut man sich einmal die Datenblätter der Honda VTX 1800 oder der Kawasaki VN 1500 an, findet sich, mit einem Radstand von 1715 mm bei der Honda respektive 1705 mm bei der Kawa, die Harley mit 1713 mm zwischen ihnen. Doch Obacht auf den Nachlauf, der ist der unterscheidende Faktor. Mit der V-Rod lässt es sich so sportlich um Mallorcas Haarnadelkurven düsen, weil sie einen Nachlauf von nur 99 mm hat, im Vergleich die Honda mit 146 mm, die Kawa mit 144 mm. Auch hier setzt sich der Hang zum Zwitterwesen fort, ein Radstand wie ein Cruiser, ein Nachlauf wie ein Sportler.