Vergleichstest Kawasaki Versys 1000 und Triumph Tiger Sport

Vergleichstest Kawasaki Versys 1000 und Triumph Tiger Sport


Ein Fall für „die Zwei“: wenn Japan auf England trifft

Beide Bikes stehen auf der spaßigen Seite des Lebens. Als neudeutsch „Fun-Enduros“ mit Power-Zuschlag ist die Spielwiese der Kawa Versys 1000 und der neuen bzw. umfangreich upgedateten Triumph Tiger Sport ganz klar die Landstraße. Off-Road muss mit den beiden 17-zöllig bereiften Hochbeinern wirklich nicht sein, daher haben sich unsere zwei Testfahrer die Bikes auch für einen intensiven Schlagabtausch auf heimischen Landstraßen zur Brust genommen!

VORWORT: Die Beiden einen nur ihre Sehkraftverstärker auf der Nase. Ansonsten verkörpern sie eher Gegensätze. Der eine lang und schmal, der andere kurz und gedrungen. Der eine fast Motorrad-lebenslang Vierzylinder-verstrahlt, der andere fest in der Hand britischer Motorbaukunst. Und jetzt sollen sie auch noch zusammen Kawasakis große Versys mit der neuen Triumph Tiger Sport vergleichen. Ein Zwiegespräch zwischen Kawa-Jens und Triumph-Norman über die zügige Gangart mit großen Funbikes und persönliche Vorlieben im Detail.

Motoren Versys und Tiger Sport

Kawa-Jens: Du und deine anglophile Vorliebe für alles, was drei Zylinder hat und dieser unbedeutenden Insel im Nordwesten entsprungen ist. Dabei ist entsprungen an sich ganz gut: Haben deine Briten doch der alten Tiger jetzt einfach das Wort Sport angehängt, dem Motor ein Plus von zehn PS anerzogen und hieven das alte Dickschiff damit in die Moderne. Netter Versuch! Wirf' da lieber mal einen Blick auf die große Kawasaki Versys – und die Sprüche zum Design kannst du dir gleich sparen. Der Motor folgt der ruhmreichen Ahnengalerie der ersten Z-Modelle der Neuzeit, bis er in der aktuellen, großen „Z“ seinen Dienst tun durfte – und damit auch in der Versys. Das Ding ist also ausgereift bis hin zur letzten Schraube. Und dann mal kurz für dich zum Mitschreiben: Aus lässig mit 10,3 zu 1 verdichteten Motortakten schiebt der Reihenvierer 118 PS bei 9.000/min an den Start.

Kawasaki Versys 1000 06

Und was noch viel wichtiger ist: Er drückt 102 Nm bei 7.700 Umdrehungen auf die Rolle und schickt fast immer mehr als 90 der Drehmomentbrüder von Herrn Newton ans Hinterrad. Über das gesamte Drehzahlband, wohlgemerkt. Dazu lastwechselt der Kawa-Vierer kaum, presst bei Bedarf Traktionskontrollen-unterstützt die Leistung auch gierig Richtung Straße oder massiert dich im höchsten Gang und ohne Messer zwischen den Zähnen mit sämigster Leistungsentfaltung, die dich immer und überall mit genug Power verwöhnt. Ohne allzu viel zu verbrauchen. Schließlich fließen im Schnitt auf 100 Kilometern etwa 5,2 Liter in 1043 ccm großen Reihenmotor. Durchaus angemessen, will ich meinen. Und was hat dein englisches Zylinder-Trio so auf dem Kasten?

Triumph-Norman: Ist ja klar, dass Du wieder wie ein Wallstreet-Broker planlos mit Zahlen um dich wirfst, aber keine Argumente lieferst, die wirklich zählen. Schon nach der ersten Metern mit der Japan-Schrankwand (ich sage nur, die Firma heißt „KHI“ - Kawasaki Heavy Industries, noch Fragen!?) hat mich eine bleierne Müdigkeit ergriffen. Klarer Fall: irgendwo auf deinen wasserlosen Hochplateaus der Drehmomente ist der Fahrspaß jämmerlich den Gnadentod gestorben. Ist ja auch kein Wunder, unten kommt ein bisschen, dann ein bisschen mehr, dann – oh Wunder – noch ein bisschen mehr und schließlich läuft der Kawa-Vierer dann in höchsten Höhen zur Bestform auf. Alles echt o.k., aber so aufregend wie unser aller Angie Merkels Neujahrsansprache. Schon der Leerlaufsound des großen Triple hat mehr Sex-Appeal als die Kawa in allen Drehzahlbereichen bieten kann.

Triumph Tiger Sport 06

Der Sound der Triumph geht ins Ohr, ins Herz und vor da aus direkt noch weiter nach unten, zumindest bei mir, lieber Jens. Was die drei Power-Zylinder dann nach dem Start mit der Sport-Katze aus England machen ist einfach nur großartig. Der Triple hängt so dermaßen direkt am Gas, da kommt einfach kein Vierzylinder mit, tut mir leid. Außerdem gibt es schon bei rund 3.500 Umdrehungen noch einen satten Kraftzuschlag. Also genau da, wo es Spaß macht und Überholen auch ohne dauerndes Runterschalten zu einer lockeren Handgelenksübung macht. Einfach perfekt, der Drehmomentverlauf, und alleine das Ansaugfauchen das Triples beim Gasaufmachen ist jeden potenziellen Tropfen Sprit Mehrverbrauch gegenüber der Kawa wert, sage ich Dir!

Fahrwerke Kawasaki und Triumph

Kawa-Jens: Zugegeben, so schlecht (Räusper) ist der englische Dreierpack gar nicht. Das gefällt schon, wie da das Drehmoment quasi von ganz unten zu einem immer höheren, sehr beeindruckenden Turm wächst. Aber was mir nicht passt, ist das Fahrwerk von deiner Tiger. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, da wirklich die fast 260 Kilogramm von links nach rechts zu werfen, die der Dreier auf die Waage stemmt. Da verhält sich die Versys ganz anders. Klar, mit 241 Kilogramm fahrfertig ist auch sie alles andere als ein Leichtgewicht. Aber die Kombination aus aufrechter Sitzposition, breitem, perfekt gekröpften Lenker und dem gut funktionierenden Fahrwerk lässt beim Kurvenswing die Pfunde purzeln wie die beste Weight-Watchers-Diät. Handlich, agil und mit tourensportlichem Elan. Ganz schnell habe ich da ein Grinsen im Gesicht und die Rasten kratzen eifrig Rillen in die Straße. Das stört aber nicht weiter, denn die Kawa sammelt mit viel Lenkpräzision und geglückter Fahrwerksbalance weiter eifrig Punkte, wie dir bestimmt nicht entgangen ist, oder? Na gut, wenn es ganz zügig wird oder der Asphalt merklich Richtung holprig tendiert, wird das Fahrwerk unruhiger und gleicht Bodenunebenheiten nicht mehr perfekt aus. Daran ändert auch weitere Feinjustierung nichts. Zwar lassen sich Zugstufe und Federbasis – am Heck sogar per Handrad – vorne wie hinten anpassen, der gutmütige, sanfte Charakter bleibt aber immer erhalten. Muss ja auch gar nicht anders sein. Denn die Versys funktioniert so, wie sie fahrwerksseitig dasteht, in 99 Prozent aller Fälle. Wetten?

Kawasaki Versys 1000 01

Triumph-Norman: Klar, Wette gewonnen – wenn es ums „Funktionieren“ geht, macht die Versys in der Tat eine angenehme Figur, da gibt es keine Überraschungen – Gähn! Mit der Triumph dagegen wird jede Straße jenseits der Autobahn zur Spielwiese für „maximum fun“ – die Tiger ist deutlich vorderradorientierter und damit agiler, ohne so kippelig zu wirken wie einige Naked Bikes. Die Katze ist einfach ein Stück weit mehr Supermoto, und genau das mag ich. Außerdem weiß ich nicht, was du hast. Ich finde, die nominell fast 20 Kilo Mehrgewicht merke ich im Fahrbetrieb nicht, aber vielleicht bist du ja einfach ein bisschen zu sensibel! Außerdem mag ich die spürbar größere Schräglagenfreiheit der Triumph, da geht in Kurven einfach immer ein bisschen mehr als mit der komfortabler abgestimmten Kawa. 

Und jetzt hör mal gut zu: ich muss jetzt auch mal ausnahmsweise die Kawa loben, denn die Sitzposition und -bank der Versys ist wirklich nach guter, alter „eine passt für alle“ Manier gebaut, da passen problemlos Jungs und Mädels zwischen 1,70 bis 2,00 Meter ohne Probleme drauf, gute Arbeit. Allerdings fühle ich mich als genetisch benachteiligter Schrumpfgermane in der Sitzmulde der Tiger einfach besser aufgehoben. Vor allem ist die Abstützung am Hintern beim Anreißen des Triples einfach besser, sorry!

Triumph Tiger Sport 01

Ach ja, noch ein Punkt in Sachen Emotion: die Triumph ist einfach schöner gearbeitet als das Fernost-Eisen – und über das sogenannte Design der Kawa wollten wir ja nicht reden.  In jedem Fall sollte Dir, lieber Jens, ja schon ein Blick auf die Details reichen, um zu sehen, wo mit mehr Liebe ans Werk gegangen wird. Alleine schon die superschöne Einarmschwinge, die Triumph der Tiger Sport nun gönnt; ist ja wohl kaum zu schlagen!

Und ach ja, es wundert mich nicht, dass Du ganz lässig mal das Thema Bremsen übergangen hast. Die Stopper deiner Japan-Braut sind ja ganz o.k., speziell das ABS regelt bei Bedarf sehr sauber. Wenn man von Mittelklasse-Bikes in die 1000er-Klasse aufsteigt wird man von der Kawa bremstechnisch sicher nicht überfordert. Aber für alle, die es mal richtig fliegen lassen wollen, sind die bissigen Tiger-Stopper einfach besser, Punkt. 

Ausstattung & Kosten

Die große Versys gilt als das Schnäppchen im Kreis der großen Fun-Enduros: Schon für 11.995 Euro ist die Kawa zu haben. Allerdings gibt es auch für Geld und gute Worte keinen Hauptständer für die 1000er, also ein echtes Manko in Sachen Tourentauglichkeit. Diese wird allerdings zum Teil wieder durch die gegen die am einfachsten im „Grand Tourer“-Paket für 1.000 Euro verfügbare, hübsch teillackierte Koffer- und Topcase-Kombi widerhergestellt. Allerdings sind die Schlösser mit „fummelig“ noch sehr wohlwollend beschrieben. Echte Versys-Pluspunkte sind dagegen das serienmäßig mit wenigen Griffen verstellbare Windschild und die gut bemessenen 218 kg Zuladung. Hier kann die Tiger nur mit 201 kg aufwarten. Apropos „warten“: beim Wartungsintervall hat die Triumph mit 10.000km gegenüber 6.000km gegenüber der Kawa die Nase vorn. Ansonsten ist die Sonder-Ausstattungsliste der Tiger gut geeignet, den Basispreis von 12.190 Euro deutlich zu erhöhen. Um sie tourenmäßig auszustatten (Hauptständer, höheres Windschild, Heizgriffe, Sturzbügel und Gepäckbrücke) sind gleich mal gut 1.000 Euro on top dazuzurechnen. Ein Koffersatz + Topcase und Halter schlägt mit weiteren 1.300 Euro zu Buche.