Ducati 1098 R

Ducati 1098 R


Rote Ansage

Ducati lebt seine rennsportliche Bestimmung voll und ganz aus, stellt den stärksten Zweizylinder der Welt zum Feilen an der Rundenzeit auf zwei Räder und verfeinert das edle Ganze mit einer ausgeklügelten Traktionskontrolle aus dem Highend-Racingbereich

Ich muss mir selbst eingestehen, dass ich es nicht gespürt habe. Vielleicht ein bisschen, ja, aber ob’s das wirklich war? Ich bin mir nicht sicher. Nach dem zweiten Turn auf dieser wunderbaren Rennstrecke im andalusischen Jerez de la Frontera trau ich mich, ich will’s wissen, und lasse die Ducati Traction Control (DTC) von der Basiseinstellung vier auf Pussy-Level Acht justieren. Dabei ist mir bewusst, dass ich ein verdammt großes Risiko eingehe: Schaffe ich es jetzt immer noch nicht in den Regelbereich dieser ersten und bislang einzigen Traktionskontrolle bei einem serienmäßigen Motorrad, würde ich demnächst wohl Bobbycars und Tretroller testen müssen. Das ausgeklügelte System ist eine Errungenschaft der Bologneser Rennsportabteilung Ducati Corse, das DTC werkelt mit den gleichen Algorithmen, die Casey Stoner, Loris Capirossi, Troy Bayliss & Co. im MotoGP und bei der Superbike-WM zu absoluten Spitzenplätzen verhelfen: Zwei Drehzahlsensoren ermitteln die jeweiligen Geschwindigkeiten von Vorder- und Hinterrad und reichen sie an den Zentralrechner weiter, der die Informationen nahtlos an das im Kohlefaserheck untergebrachte Zusatz-Steuermodul des DTC weiterreicht, Dort vergleicht der Minicomputer die Werte, registriert etwaige Differenzen und greift bei Überschreiten eines kritischen Werts nach vorgegebenem Schema regelnd in die Motorelektronik ein. Je nachdem wie groß der Wheelspin ausfällt kappt das DTC die Zündung völlig oder sorgt über eine Vorverstellung des Zündzeitpunkts für ein geringeres Drehmoment und weniger Zug an der Kette, dadurch bleibt die Traktion am Hinterrad gewahrt. Wann und wie stark das DTC eingreift, lässt sich vom linken Lenkerende über die Anzeige im Cockpit in acht verschiedenen Stufen einstellen – von Rennprofi bis eben zum vermeintlichen Nasenbohrer-Niveau.

DTC Level acht

Angespannt fahr ich zum dritten Mal raus auf die Strecke und bekomme schon in der ersten Kurve mein angekratztes Selbstwertgefühl wieder: Beim Gasaufziehen am Scheitelpunkt spotzt der Motor als wäre er in den Begrenzer gefahren, der ansonsten brutale Schub wird allenfalls in homöopathischen Dosen ans Hinterrad geliefert. Wie eine Zentnerlast fällt der Druck von meinen Schultern und es macht mir auch überhaupt nichts aus, dass mich die Kollegen ausgangs jeder Kurve locker innen und außen überholen. Okay, nach einer halben Runde ist das nicht mehr lustig und ich fahre noch in der gleichen Runde in die Box, um nachjustieren zu lassen – Level Sechs. Jetzt, wo ich einmal weiß worum es geht, ist auch das noch nicht genug. Erst Vier, danach Drei – und dann ist die ebenso schöne wie exklusive Testsession auch schon vorbei.

Ducati 1098 R 02

Alles inklusive - bei 35.000 Euronen

Ducati-Chefentwickler Andrea Forni betont, dass es sich bei dem Elektronikwunder nicht um eine sicherheitsfördernde Antischlupfregelung sondern um ein probates Mittel zur Erzielung allerschnellster Rundenzeiten handelt. Das trifft für die höheren Stufen zweifelsohne zu, sisi Signor Forni, doch im untersten Level wirkt das DTC eher sicherheitsfördernd und macht bestimmt nicht schnell. Nur schade, dass dieses System nicht auf der Straße eingesetzt werden kann. Es befindet sich nämlich nur auf dem Zusatzsteuergerät des Race-Kit, dessen Mapping auf die offenen Termignoni-Renntüten abgestimmt ist. Immerhin muss man dafür nicht zusätzlich abdrücken, der komplette Race-Kit mit Steuergerät und Termignonis ist großzügigerweise im saftigen Motorrad-Preis von 35000 Euro enthalten.

Hubraum-Mogelpackung

Nicht nur der Preis signalisiert die herausragende Stellung der 1098 R – sie ist das Flaggschiff der Ducati-Superbike-Familie und fungiert als Homologationsbasis für den neuen Renner in der Superbike-WM. Ab diesem Jahr dürfen die Zweizylinder ihre Kraft ja bekanntlich aus bis zu 1200 Kubik schöpfen, bei eingeschränkten Tuningmöglichkeiten. Also stellt Andrea Forni klar, dass die 1098 R weit mehr als eine abgekupferte Replika des Werksrenners ist – noch nie war ein käufliches Serienbike so nah an den Ducati Corse-Werksrennern! Zahlreiche intensive Arbeiten an Fahrwerk und Motor machen aus der „R“ das stärkste und leichteste Zweizylinder-Straßenmotorrad, das jemals gebaut wurde: Der 1198 Kubik große Ducati-typische 90-Grad-Vau mit Desmodromik, Testastretta Evoluzione Motor genannt, leistet „in der Serie“ (sofern man davon sprechen mag) unglaubliche 180 PS und ein gewaltiges Drehmoment von 134 Newtonmeter. Mit Racing-Kit sattelt der Vau gleich noch mal sechs Pferdchen oben drauf. Dazu haben sich die Entwickler der feinsten Zweizylinder-Technologie bedient, von der hauseigenen Rennabteilung bei ihren heroischen Sporteinsätzen entwickelt: elliptische Drosselklappenkörper, Titanpleuel und –ventile sowie handtellergroße Kastenkolben mit verstärkenden Doppelrippen, um nur die wichtigsten Modifikationen zu nennen.

Unverschämte Drehfreude

Was diese Kraftquelle dann aber in der Realität auf der verzwickten Rennstrecke von Jerez in Südspanien abfackelt, lässt sich anhand der technischen Daten nur ahnen. Durch die ultraleichten Motorinnereien – auch die Kurbelwelle wurde erleichtert, insgesamt wiegt der Motor 5,6 kg weniger als bei der 999R – zeigt dieser Zweizylinder eine fast unverschämte Drehfreude, die den Fahrer die drei kleinen und einen großen Schaltblitz zunächst immer wieder ignorieren lässt – so schnell kann doch kein Vau-Motor hochdrehen! Hart wie ein Rennmotorrad geht der Desmo-Twin ans Gas und liefert imposanten, nahezu gleichmäßigen Vortrieb. Glücklicherweise finden die wild preschenden Cavalli in den radialen Brembo-Monoblocs adäquate Partner, die die wilde Rote vor der Kurve zuverlässig wieder einfangen. Wohl unterstützt wird das Ankermanöver von einer deutlich pulsierenden, aber effektiv arbeitenden Anti-Hopping-Kupplung, die ein blockierendes Hinterrad bei heftigem Herunterschalten vor der Kurve verhindert.

Ducati 1098 R 13

Fahr-Werkskomponenten

Eingebettet ist die Kraftquelle in den charakteristischen Gitterrohrrahmen, der allen Ducatis Halt gibt. Vorne werkelt eine auffällige Upside-Down-Gabel von Öhlins mit goldenen Gleitrohren, hinten eine formschöne Einarmschwinge mit dickem 190er Reifen, die Diablo Supercorsa SP-Pellen wurden von Pirelli speziell für die 1098 R entwickelt. Dass in dieser Kategorie die Federelemente voll einstellbar sind, ist selbstverständlich. Neu ist aber das edle Öhlins-TTX-Federbein am Heck, das noch reibungsärmer arbeitet. So ausgerüstet pfeilt die Rote unbeirrbar durch enge wie weite Kurven, hält den eingeschlagenen Strich sauber ein und belohnt mit tollem knackigem Feedback. Sicherlich nicht komfortabel, aber über mangelnden Fahrkomfort hat sich noch kein Superbike-WM-Pilot ausgelassen. Dass die Front beim Beschleunigen selbst im dritten Gang über die kleine Kuppe auf der Gegengeraden immer leichter wird, hat man in Bologna einkalkuliert und deshalb einen einstellbaren Öhlins-Lenkungsdämpfer montiert – grazie!

Japanische-Wahnvorstellungen

Weitere intensive Diät-Maßnahmen wie zahllose Kohlefaserteile – siehe nur die auffällige Zahnriemenabdeckung – drücken das Trockengewicht der Duc auf lediglich 165 Kilo. Das und die leichten Schmiederäder sind verantwortlich dafür, dass sich die elegante Italienerin mühelos von einer Schräglage in die andere werfen lässt, dabei aber spurstabil wie auf Schienen durch die markanten andalusischen Radien fetzt. Angesichts dieses berauschenden Auftritts ist es durchaus nachvollziehbar, dass die versammelte japanische Vierzylinder-Armada mit ihren Tausendern einen ziemlichen Respekt vor der roten Macht aus Bologna haben, der im entsprechenden neuen Superbike-WM-Reglement zum Tragen kommt: Nicht nur, dass wie bereits erwähnt die Tuningmöglichkeiten auf ein Minimum reduziert sind, zusätzlich bekommt die schlanke Italienerin per se sechs Straf-Kilos aufgebrummt – die im Erfolgsfalle aufgestockt werden.

Nun gut, als Ergebnis stellt sich mit der 1098 R ein sündhaft teures Rennmotorrad ohne Wenn und Aber vor. Mit seinen ausgeklügelten Features ist es dazu auserkoren, auf der Rennstrecke Triumphe einzufahren oder wenigstens die persönliche Rundenzeit in Richtung Maximum zu verlegen. Für den Alltag gibt’s bessere Bikes, doch zum Träumen gibt’s für Motorradfahrer kaum etwas Schöneres als die rassige Italienerin.

Ducati 1098 R 37