Cruiser Vergleich

Cruiser Vergleich


Sind die dick Mann!

Das Lastenheft für einen richtigen Cruiser ist schnell geschrieben: Wir wollen riesige Hubhallen für den Punch von unten, eine tief entspannte Sitzposition für's überlegene Dahingleiten und einen ganzen Eimer voll Chrom für den glänzenden Auftritt am Treff. Viel mehr braucht der Cruiserfan gar nicht zum Glücklichsein. So gesehen, müssten sich eigentlich alle Cruiser dieser Erde gleichen, wie ein Ei dem anderen. Dass die Lowrider-Welt bei weitem nicht ganz so einfach gestrickt ist, offenbart schon der erste Blick auf unseren Testfuhrpark. Irgendwie sieht das ganz und gar nicht nach Einheitsbrei aus, was drei japanische, ein englischer und der amerikanische Erfinder der Cruiserei da auf die breiten Räder gestellt haben. Staunend muss man sich eingestehen, dass die Flacheisen in Natura noch viel mächtiger wirken, als auf den bunt bedruckten Prospektseiten, den Fotos in den Magazinen und im Internet.

Besonders Kawasakis VN 2000, Yamahas XV 1900A Midnightstar und die dreizylindrige Rakete von der Insel erschlagen uns mit Spritfässern von unfassbaren Ausmaßen. Breit wie ein Campingtisch zwingen diese Barrels den Reiter gleich in den Cruiser-typisch breitbeinigen Rodeo-Sitz. Normalerweise gehören jetzt Ledercheps über die Jeans und ein schönes rotes Tuch um den Hals. Den Cowboy-Hut tauschen wir gegen ein Braincap und schon kann der Ritt ans Ende des Kontinents beginnen. Der Tank scheint jedenfalls genug Fassungsvermögen zu haben. Doch ganz so wie im Werbefilm läuft unser viertägiger Testmarathon durch Odenwald und Pfalz nicht ab. Denn dass die Eisen wunderbar auf der Autobahn dahinblubbern können, muss nicht erst bewiesen werden. Wir wollen das erfahren,was man den Dicken nicht gleich auf den ersten Blick ansieht. Qualitäten entdekken, die man im Reich der Cruiser gar nicht vermutet. Damit das auch möglichst effektiv und objektiv von Statten geht, waren wir bei der Auswahl unserer Testcrew noch flexibler, als bei der Zusammenstellung der Eisenhaufen. Acht grundverschiedene Popometer nahmen die Cruiser bei den Hörnern und wechselten so oft wie möglich von einem Sattel in den anderen. Dass dabei am Ende nicht immer das herauskommt, was am Anfang offensichtlich erscheint, war fast vorauszusehen.

Alle zusammen

Eisen gewordene Anmut

Ausschließlich Offensichtliches gilt es jedoch zunächst bei der ersten Wertungsrunde zu beurteilen. Ein Cruiser braucht einfach einen fetten Auftritt. Ein "boah" ist das Mindeste, was den Kollegen am Treff entfahren sollte, wenn man mit dem neuen Flacheisen aufschlägt. Da haben überraschender Weise die Cruiser aus Fernost die Nase vorn. Reichlich Chrom, an der Yamaha sogar viel massives, poliertes Aluminium, mörderische Walzen und allein in den Ausmaßen ein gewaltiger Auftritt ist ihnen gemein. Etwas oldstyliger gibt sich die nicht weniger gewaltige Triumph. Mit der abnehmbaren Riesenscheibe, den lackierten Kunststoffkoffern und ihrer monumentalen Motorkathedrale macht sie gleich klar, dass ihr nur richtige Männer ans Lenkgehörn fassen dürfen. Fast schon klammheimlich, still, und unscheinbar reiht sich die Harley in die Poserrunde ein. Klar, auch sie punktet mit dem 240er Schlappen im frei schwingenden Heck. Beifahrer sind hier übrigens nicht eingeplant. Der Cruiser hat ein Lonesome-Rider zu sein. Allein das macht schon frei. Doch nach vorne hin wird's etwas dünn.Tank, Gabel und Vorderrad können gegen die aufgeblasene Konkurrenz nicht anstinken. Auch das matte Grau, das Motor, Lenker, Gabel, Gussräder und Armaturen bedeckt, gefällt nicht wirklich.Da kann auch die schöne rote Metallflake-Lackierung nichts raus reißen. Zunächst steht der Rocker da, wie die graue Maus auf Rädern. Auch die Suzuki muss beim zweiten Blick Federn lassen. Das Styling erinnert irgendwie an die japanischen Power-Ranger Gefährte. Der aufgesetzte digitale Drehzahlmesser im verchromten Plastikgewand direkt vor der Nase des Fahrers ist ein echter Abtörner. Genau, wie der wackelige Plastik-Gasgriff. Das muss doch nicht sein! Wie man wertige Armaturen für einen Cruiser baut, können sich die Konkurrenten mal bei Kawasaki und vor allem bei Yamaha angucken.

Triumph Rocket III Touring 6

Die Dinger sind aus dem vollen Aluminium gefräst und sowas von fett, dass man sicherlich noch mal gut die Hälfte des Materials wegfeilen und wieder aufpolieren könnte, falls mal irgendwo Kratzer entstehen. Der Oberhammer sind die Alublöcke, die bei der Yamaha den Lenker halten. Zu Neudeutsch "Riser"! Aus so viel Alu machen andere ein ganzes Motorgehäuse. In der Anmutungsrunde trägt die Yamse eindeutig den Sieg davon. Auch, wegen ihrer 50er Jahre Straßenkreuzer Kiemen im Tank und der mächtigen E-Glide Gabel.

Leistungsfetischismus

Genug geglotzt - Rauf auf die Böcke und den Startknopf gedrückt. Soundcheck! Endlich mal eine Disziplin, bei der sich die Testcrew sehr schnell einig wird, was am besten zündet. Die Suzuki bläst mit ihrem ballernden Donnerwetter alles weg, was hinter ihr steht und weckt garantiert die Nachbarschaft, wenn Vatter am frühen Sonntagmorgen die leeren Straßen für die entspannte Runde nutzen will. Ähnlich laut und dumpf kommt nur die Yamaha noch zum Schuss, gefolgt von Harley und Kawa. Die Triumph muss sich mit ihrem fast schon fauchenden, eben Cruiser untypischen, Dreizylinder Sound hinten anstellen. Doch Sound ist erst wirklich geil, wenn der passende Vortrieb hinzu kommt. Und darum brettern wir jetzt hier endlich runter vom Hof und hinaus auf die erste Odenwald-Runde. Einschwingen ist angesagt.

Kawasaki VN 2000 6

Die Suzuki hält, was sie akustisch versprochen hat. Ein hoch potentes Triebwerk mit erschreckendem Druck von 125 PS aus knappen 1800 Kubik treibt den 321 Kilo schweren Dragster an. In Verbindung mit dem wackeligen Gasgriff jedes Mal ein Abenteuer, wenn man nach dem Schubbetrieb wieder ans Gas geht. Aber sowas wollen wir ja erleben. Brachiale Kraft, die sich um vorhandene Massenträgheit nicht kümmert. Die Suzuki ist ein Katapult, keine Frage! Ähnlich vehement schiebt die VX in gleicher Tonlage an. Bei Vollgas wird einem regelrecht Angst und Bange, da diese kolossalen Bikes in höheren Gängen mit jedem Hub richtig Meter machen und eine Drehfreude entwickeln, die man ihnen gar nicht zugetraut hätte.

Einen völlig anderen Druck entfaltet hingegen die Triumph, deren längs eingebauter Drilling eher turbinenartig zu Werke geht. Mit über 200 Newtonmeter Drehmoment spielt das Gewicht von 358 Kilo auch hier nur noch eine untergeordnete Rolle. Sehr souverän, wie die Rocket abschiebt! Nicht ganz sicher ist man sich bei der Beurteilung des Harley Twin Cam 96B Aggregates. Der Sound ist für eine Harley erstaunlich zahm. Mit 1584 ccm verfügt der Rocker zudem über den kleinsten (das muss man sich mal vorstellen) Hubraum im Vergleich. Dafür hat der es aber auch "nur" mit 299 Kilo Leergewicht zu tun, was sich positiv auf Beschleunigung und Durchzug auswirkt. Zudem entfaltet das Milwaukee-Iron eine angenehme Symmetrie zwischen Getöse und Vortrieb. Ein knackiges Wummern, das im sechsten Gang, der als Overdrive ausgelegt ist, das richtige Route 66 Feeling generiert. Fahren bis ans Ende der Straße ist angesagt. Dem Spritverbrauch kommt dies übrigens auch zugute.

Etwas träge cruist hingegen Kawas VN durch die Gegend. Trotz der größten je gebauten V2 Hubhallen müht sich der Motor mit den 350 Kilo Lebendgewicht. Drehfreude ist dem Langhuber zudem völlig fremd. Die 166 Newtonmeter liegen dementsprechend schon bei 3.000 Umdrehungen an. Wer jedoch das frühe Schalten mit der Wippe zum Diktat macht, erlebt den vielleicht Cruiser-likesten Vortrieb im wahrsten Sinne seiner Bedeutung.

Schubkarre oder Dragbar

Echtes Cruiser-Feeling wird in erster Linie durch die Sitzposition generiert. Der - nach hinten - geneigte Cruiser-Freund erwartet naturgemäß einen Lenker, der sich dem Fahrer in einem langen Bogen von sich aus zuwendet. Ihm so zu sagen Pfötchen gibt. Ganz besonders artig tun das Kawasakis VN 2000, Triumphs Rocket und die XV von Yamaha. Der so genannte Schubkarrengriff vermittelt ein wunderbar überlegenes Fahrgefühl, schont den Rücken und begünstig das gemütliche "leaned back" Dahingleiten. Die Füße ruhen dabei vorzugsweise auf breiten Trittbrettern. Der Gangwechsel erfolgt am liebsten per Wippe! Dass es auch anders geht, beweisen Harley und Suzuki. Sie haben deutlich schmalere Lenker, die weniger zum Fahrer gekröpft ausgeführt sind und subjektiv eine leicht nach vorne geneigte Sitzposition, ähnlich wie bei einem Dragster, suggerieren. Da muss man die Arme schon mal ein wenig ausstrecken, um die Griffe zu erreichen. Positiver Effekt dieser Sitzposition ist eine fahrdynamisch deutlich agilere Körperhaltung. Passend dazu gibt's normale Fußrasten ohne Schaltwippe.

yamaha xv 1900A 4

Doch egal ob sparsame Fußrasten, oder mondäne Trittbretter, beide fungieren bei den Testeisen recht früh als Schräglagenbegrenzer, wobei die überaus sportliche Suzuki besonders schnell Bodenkontakt sucht. Und zwar nicht nur mit den klappbaren Rasten, sondern auch gern mit dem Rahmen. Bei welligem Geläuf katapultiert der Fahrer sich dann, bedingt durch die ziemlich weich abgestimmten Feder- und Dämpferelemente, schon mal kurzfristig aus der Bahn. Wesentlich zahmer kündigen die anderen vier Delinquenten das Limit der Kurvenhatz an. Mit einem ziemlich straff abgestimmten Fahrwerk und daraus resultierenden guten Fahreigenschaften glänzen Harley und Yamaha. Überraschend agil und fahrdynamisch agiert zudem völlig unerwartet die Triumph-Rocket. Ist der Kollos nämlich erst einmal in Bewegung, fällt auf, dass er sehr exakt ausbalanciert ist und sich sogar im Schritttempo geschmeidig auf Parkplätzen und der Tankstelle manövrieren lässt. Zurückzuführen ist diese wundersame Agilität der monumentalen Rocket auf ihren tiefen Schwerpunkt, den der riesige Motor samt Getriebe generiert. Ein echter Road-Captain würde sich zweifellos für die Rocket entscheiden.

Ganz entspannt driftet derweil Kawasakis VN mitten in der Meute durch die Odenwälder- Kurven. Wer diesen ultrabreiten Lowrider im Stand hin und her bewegt, der würde niemals glauben, dass man das Teil ordentlich durch irgendwelche Kurven steuern könnte. Doch auch hier entpuppt sich die Fahrphysik als gnädiges Naturgesetz. Völlig gutmütig, mit gelassenem Punch von unten blubbert sich der V2 voran, ohne das Fahrwerk in Verlegenheit zu bringen. Auch, wenn man's mal betont hastig angeht. Absolut agil nimmt die Harley jegliches Kurvengeläuf unter die Räder. Mit der langen Gabel, dem schmalen großen Vorderrad und ihrem Gewichtsvorteil von gut 50 Kilo, ist es kein Problem schnelle Kurvenwechsel zu vollziehen. Absolute Überraschung in dieser Disziplin ist die lange Yamaha. Die Federelemente scheinen geradewegs aus einem Supersportler zu stammen. Astreines Feedback vom Vorderrad und eine überragende Dämpfung geben dem Fahrer jederzeit die absolute Kontrolle über das wahrlich nicht sportlich anmutende Gerät.

Suzuki M 1800 R 2

Anker oder Schuhsohle

Harley Fahrer müssen vorausschauend agierende Motorradfahrer sein. Auch die Rocker bedient das Klischee des bisslosen Ankers. Eine Bremsscheibe am Vorderrad ist dann vielleicht doch ein bisschen sehr spartanisch. Gute Bremswirkung erzielt nur der, der fahrschulkonform mit Vorder- und Hinterradbremse entschlossen agiert. Wenn man's weiß ist es ja kein Problem. Steigt man allerdings direkt von der mit überragenden Bremsen bestükkten VX 1900 auf das Eisen aus Milwaukee um, fährt einem beim ersten Griff in die Vorderradbremse der Schreck in die Glieder. Die anderen drei Megaeisen sind durchweg mit gut dimensionierten und bestens dosierbaren Ankern bestückt, so dass niemand seine Schuhsolen in den Asphalt wird stemmen müssen.

Best Cruiser

Na, und welcher Cruiser ist denn nun der beste? Klare Antwort:Wir wissen es nicht! Bei der geheimen Punkteauswertung der individuellen Geschmacksplaztierung landete auf einmal die Harley ganz vorne. Wieso denn bloß, fragt man sich da. Stellt doch objektiv betrachtet das Eisen aus Amerika mit wenig überzeugenden Bremsen, einem mittelmäßig starken Motor und den unscheinbar grau beschichteten Bauteilen alles andere, als den Inbegriff des Power-Cruisers dar.Trotzdem werteten die meisten der 8 Tester die Harley-Davidson Rocker auf den ersten Platz. Entscheidend dafür ist das puristische Fahrgefühl, welches das Lowrider-Eisen wie kein anderes vermittelt. Draufsetzten und Fahren, sich von dem Motorgeräusch und dem direkten Feedback der Straße dahintreiben lassen. Ein echter Easy-Rider eben. von 18.900 Euro gibt's die zweite Überraschung gleich hinterher. Triumphs Rocket. Das Dickschiff mit den Koffern cruiste sich souverän mit absolut solider Verarbeitung und unerwartet leichtem Handling in die Gunst der Tester. Gleichauf rangiert Yamahas XV 1900A Midnightstar. Ein bärenstarker Motor, hochwertige Verarbeitung und ein strammes Fahrwerk mit super Stoppern überzeugen die potenzielle Kundschaft. Allerdings ist der ausladend lange Straßenkreuzer-Stil nicht jedermanns Geschmack. Für 14.659 Euro liefert die XV allerdings den absolut besten Gegenwert. Suzukis M 1800 R ist ein echter Power-Cruiser. Die konsequente Weiterentwicklung von Kawasakis Eliminator sozusagen. Motor hui - Fahrwerk ohlaala! Auch bei der Verarbeitung muss das 13.490 Euro günstige Fahrzeug Federn lassen. Verchromtes Plastik kommt einfach nicht gut an. Völlig ungerechtfertigt, aber so ist die Demokratie nun mal, geht Kawas VN 2000 mit den wenigsten Podiums-Platzierungen aus der Wertung hervor.

Dennoch ist sie für einen Tester die absolute Nummer 1. Seiner Meinung nach, verkörpert sie die Cruiser Idee einer "fluffigen Sänfte" am besten und gibt sich darüber hinaus in keiner Disziplin eine echte Schwäche. Auch der Preis von 13.990 Euro ist bei dieser Menge Eisen durchaus gerechtfertigt. Stellt man die Frage nach dem besten Cruiser etwas anders, nämlich nach dem Motto: „Welches der fünf Eisen würdet ihr Euch kaufen?“ landet die Kawasaki auf einmal ganz weit vorne. Im Endeffekt muss sowieso jeder für sich selbst entscheiden, welches der Motorräder ihm am besten gefällt und vor allem am besten zu ihm passt. Nur selten hat man die Gelegenheit, tatsächlich ständig von einem Bike auf's nächste zu hoppen. Doch erst dann werden die Unterschiede in Sitzposition, Charakteristik, Verarbeitung und Anmutung wirklich sicht- und spürbar. Wer also tatsächlich plant, sich demnächst einen neuen Cruiser zuzulegen, sollte möglichst viele Probefahrttemine in einen möglichst engen Zeitraum einplanen. Dann klappt's auch mit der richtigen Wahl!

Text: Pabi

Bilder: Pabi