Triumph Speed Four 600

Triumph Speed Four 600


„Mach Dich nackig“

Triumph zieht der TT 600 die Klamotten aus und geht mit der Speed Four auf Kundenfang im 600er-Naked-Bike-Segment. Ein schmackhafter Köder?

Das Rezept ist nicht ganz neu: Man nehme den Motor aus einem bestehenden Mittelklasse-Supersport-Modell, trimme selbigen anhand kleiner Eingriffe ins Innenleben unter Verlust von nicht allzu viel Spitzenleistung auf mehr Durchzug im, für´s Touren so wichtigen, unteren und mittleren Drehzahlbereich und verpflanze das modifizierte Triebwerk in ein kostengünstiges Fahrwerk - fertig ist das 600er-Spaßgerät für Jedermann und jede Frau.

Kein Geheimrezept

Wir kennen dies von der Yamaha FZS 600 Fazer, die mit dem Motor der YZF 600 Thundercat sehr gut geht, der Yamaha FZS 1000 Fazer, die mit dem Triebwerk der YZF-R1 noch besser geht, der Honda CB 600 F Hornet, die vom Motor der CBR 600 F reichlich Feuer bekommt, der Honda Hornet 900 vorangetrieben vom Triebwerk der „alten“ CBR 900 RR Fireblade und last but not least von der Suzuki Bandit 600 beziehungsweise 1200, die mittels Motor der GSX-R 600 beziehungsweise 1200, allerdings noch aus den luft-/ölgekühlten Modelljahren, zu Ruhm und Ehre gelangten.Nur bei Triumph in England macht man das etwas anders, wie wir es vom Beispiel der in ganz Europa äußerst erfolgreichen Triumph Speed Triple, welche ja eigentlich eine nackte Daytona 955i ist, kennen. Die Briten gönnen dem Naked-Bike-Fan in der Speed Triple sowohl den stabilen Rahmen als auch die hochwertigen Federungskomponenten des Supersport-Basismodells TT 600. Bieten dieses Paket garniert mit unverschämt frecher Optik rund um die, mittlerweile zum Triumph-Markenzeichen gewordenen, leicht schielenden Glubschaugenscheinwerfer zu einem sensationellen Preis an. Glauben Sie nicht? Aber hallo! Die Hornet 900 kostet 8.790 Euro, die Fazer 1000 schlägt mit 9.990 Euro zu Buche und die edle Triumph Speed Triple kostet 10.860 Euro, also nur 600 Euro mehr. Dafür hat sie, wie gesagt, voll einstellbare Federungselemente, die für ein Fahrverhalten sorgen, für welches der Begriff „brillant“ nicht ganz fehl am Platz ist.„Wir wollen den Kunden nicht Motoren aus einer vergangenen Sportler-Generation in einem kostengünstigen Allerwelts-Fahrwerk verkaufen“, erklärt die Marketingabteilung von Triumph selbstbewusst und fügt hinzu: „Unsere Kunden dürfen erwarten, dass auch unsere Naked-Bikes modernste Motoren in Top-Fahrwerken besitzen.“

Alles hat seinen Preis

Aha, so wird also gedacht und vermarktet, drüben auf der britischen Insel. Und weil das so ist, kommen jetzt auch die Naked-Biker der „kleinen“ Klasse bei Triumph in den Genuss eines Streetfighters mit knackigem Sport-Fahrwerk und modernem, mit Einspritzung, U-Kat und Sekundärluftsystem versehenem Sportmotor. Und, wie bei der Speed Triple erfolgreich vorexerziert, kostet auch die „Baby Speed“ mit 8.660 Euro etwas mehr, als die mit einfacheren Fahrwerken und eher konservativen Motoren ohne Benzineinspritzung oder Abgasreinigung versehenen Konkurrenzmodelle Suzuki Bandit 600 (6.200 Euro), Honda Hornet 600 (7.440 Euro), oder Yamaha FZS 600 Fazer (6.990 Euro). Klar, wir wissen es auch: Der im Jahr 2000 ganz neu eingeführte Vierzylinder-Reihen-Motor der Triumph TT 600 war bislang nicht gerade der Weisheit letzter Schluss in der 600er-Klasse. Es mangelte am Ansprechverhalten der Benzineinspritzung, an Drehmoment und Drehfreude  - verglichen mit den aktuellen Supersport-600ern aus Japan. Doch heute, in der Saison 2002, sieht es anders aus.

Moderner Einspritz-Motor

Schon für das Modelljahr 2001 änderten die britischen Ingenieure einiges am Triebwerk. Nun, im dritten Marktjahr, das zeigt uns der erste Kontakt mit der Triumph Speed Four, gibt es nichts ganz Arges mehr zu kritisieren. Der Vierzylinder hängt sehr spontan und lebendig am Gas, reagiert weich aber dennoch leichtfüßig auf die Befehle der rechten Hand, dreht ab knapp 1.500 U/min ohne Ruckeln, sich zu verschlucken, auf die Kette zu hacken oder nennenswert zu vibrieren bis in den roten Bereich. Im unteren und mittleren Drehzahlbereich liefert er subjektiv genauso prächtigen Schub für die flüssige Hatz über die Landstrasse, wie die Vergasermotoren der erwähnten Konkurrenzmodelle. Nur in der ganz oberen Etage des Drehzahlbereichs lässt die Drehfreude des auf 98 PS gekappten Vierzylinders etwas nach. Der Einbruch in der Drehfreude ist aber nicht eklatant und absolut unwichtig für den normalen Betrieb. Denn, mal ganz ehrlich gesagt: Im Alltag, in den Ferien, benötigt man das letzte Quäntchen Spitzenleistung bei einer nackten 600er nicht wirklich ganz so oft.Irgendwie erinnert mich der Motor an das Triebwerk der Yamaha FZS 600 Fazer, die in punkto Motor, aber auch in punkto Fahrwerk – obwohl dieses nicht voll einstellbar ist – derzeit als Referenz genannt werden muss, wenn es um alltagstaugliche aber sportlich angehauchte 600er-Naked-Bikes geht.Wie beim Motor steht die Triumph der Fazer auch beim Fahrverhalten in nichts nach. Obwohl für die Landstrasse entwickelt, bereitet die nackte Britin auf der verzwickten Rennpiste von Cartagena in Spanien viel Freude. Abgesehen vom ersten Turn, bei dem ich eine Maschine erwischte, die wegen eines für mein Federgewicht zu harten Set-Up in Verbindung mit etwas zu stark aufgepumpten Pneus, nicht gerade vorbildlich funktionierte, war das Rundendrehen eine wirklich lustige Angelegenheit.

Triumph-Burnout

Einmal richtig eingestellt – ja, das Verdrehen der Stellschrauben am Triumph-Fahrwerk bringt enorm viel, die Rädchen und Schräubchen sind mehr als bloßer Zierrat – verwöhnt die Speed Four mit der bereits bei der TT 600 gerühmten Neutralität und viel mechanischem Grip. Die beim Test aufgezogenen Bridgestone-Pneus jedenfalls zeigten nach mehreren Runden bei allen Testpiloten ein sehr gleichmäßiges Abrieb-Bild. Die TT-600-Bremsen sind in punkto Wirkung und Dosierbarkeit topp, gegen den schwammigen Druckpunkt helfen Stahlflex-Bremsleitungen aus dem Zubehör-Fachhandel.Zur gelungenen Fahrwerks-Abstimmung kommt, dass - auch wegen der moderat sportlich nach vorne geneigten Sitzposition - das kleine Windschild, welches ebenso serienmäßig wie die Soziussitz-Abdeckung ist, den Druck des Fahrtwinds auf den Oberkörper spürbar mindert.

Gutes Feedback

Apropos Sitzposition: Lenkerstummel, Sitzbank und Rastenanlage wurden von der TT 600 direkt für das Naked-Bike übernommen. Die sportlich-tiefe, aber nicht unbequeme,  ja langstreckentaugliche Sitzposition erinnert an die Honda CBR 600 F, der die TT 600 ja doch so irgendwie ein ganz klein bisschen nachempfunden ist. Die nach vorne orientierte Sitzhaltung und die Lenkerstummel bringen den klaren Vorteil, dass man die Speed Four super unter Kontrolle hat. Es lastet genug Druck auf dem Vorderrad, über dessen Gripbefinden man zudem klare Rückmeldung erhält. Der Knieschluss am schmalen Tank ist hervorragend, man kann das Motorrad ganz einfach durch Schenkeldruck und wechselseitiges Belasten der Fußrasten steuern. Egal, wie verwinkelt die Kurven auch sein mögen - mit der Triumph Speed Four kommt man immer rund und flüssig ums Eck - wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat, dass sie unter Zug zum sanften Übersteuern neigt, was dazu führt, dass man anfänglich immer minimal enger um die Kurve flitzt, als man es eigentlich geplant hatte.Einzige Kritik am Fahrerplatz: Der Sitzbankbezug klebt irgendwie am Heckbereich der Lederkombi; man kann nicht gut rennmäßig umherrutschen. Und die Sitzbank ist recht hoch und nicht sonderlich schmal. Glücklicherweise ist sie im vorderen Bereich dick gepolstert; ein guter Sattler kann kurzbeinigen Speed-Four-Fans durch Abpolstern helfen.

Sportliches Handling

Auf der Landstrasse entfaltet die Triumph Speed Four, die übrigens in Jet-Black ganz besonders böse und in Roulette-Grün ganz besonders pfiffig aussieht, ihr ganzes Spaß-Potential. Mega-handlich bei geringem Tempo, unbeirrbar stabil bei Top-Speed lädt sie geradezu zu sportlichem Kilometerfressen ein. Das Fahrwerk, mit üppiger Schräglagenfreiheit gesegnet, funktioniert auch auf ruppigen Streckenabschnitten bestens, Lenkerflattern im Schiebebetrieb zwischen 60 und 80 km/h (Shimmy) oder beim vollen Beschleunigen (Kickback) sind der Speed Four fremd - obwohl sie ab und an auf den mit heftigen Buckeln garnierten spanischen Landstrassen selbst jenseits der 150 km/h noch das Vorderrad lupft - sehr unterhaltsam, dieses Motorrad! Die Lastwechselreaktionen halten sich in engen Grenzen, das Getriebe arbeitet zwar hart (die Testmotorräder waren ganz neu) aber sehr exakt, die Kupplung agiert weich und gut dosierbar, nur der nicht einstellbare Hebel steht etwas weit ab.

Triumpg Speed Four 2

Viel Zubehör

Wem die Serien-Version der Triumph Speed Four nicht spektakulär genug aussieht, dem kann geholfen werden. Es gibt als Option sowohl einen frechen Bugspoiler (lackiert ca. 260 Euro), seitliche Kühlerverkleidungen (lackiert ca. 260,- Euro), eine Hinterrad-Abdeckung ( ca. 130 Euro) sowie einen Karbon-Tankpad ( 29,90 Euro). Für Touristen sind Packtaschen ( ca. 220 Euro), Gepäckträger (ca. 160 Euro) sowie ein Tankrucksack (ca. 130 Euro) erhältlich. Eine Wegfahrsperre mit Alarmanlage kostet rund 400 Euro, der Preis für den optionalen Superbike-Lenker stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.