Kawasaki Versys MY 2010

Kawasaki Versys MY 2010


Aufgegeilter Stelzbock

Schlaglöcher, überall Schlaglöcher. Krater, groß wie Castrop-Rauxel, säumen nach dem langen harten Winter unsere Straßen. Da kommt ein Bike wie die Versys als Dauertester und Arbeitsgerät gerade recht. Schluckfreudig lange Federwege, die es durchaus erlauben, auch mal das ein oder andere Loch auf geradem Wege zu durcheilen. Noch mehr Spaß macht es allerdings, die schlank gewachsene Gazelle locker am breiten Lenker zupfend durch die Kraterlandschaft zu dirigieren. Richtungswechselstakkato im Sekundentakt. Fehlen eigentlich nur noch die umboxbaren Slalomstangen und die Handprotektoren aus dem Kawasaki Zubehör, um eine neue Disziplin für die nächste Winterolympiade zu etablieren.

Nach der erfolgreich durchlebten Pressepräsentation der Versys im sardischen Hinterland und nun inzwischen schon 3.800 Kilometern auf den Routen der Motorradstrasse Deutschland ist es mir umso mehr ein Rätsel, warum dieses „Versatile System“ von Kawasaki nicht DER Verkaufsschlager schlechthin ist. Schon das Vorgängermodell konnte 2006 überzeugen. Fand aber wenig Liebhaber. Ein knackiger Twin mit gutem Druck aus dem Keller und ungebremster Drehfreude über 7.000 Umdrehungen lassen den Piloten die nominell nicht grad Schwindel erregenden 64 PS der Versys schnell vergessen. Und musste für das Modelljahr 2010 wirklich nicht verbessert werden. Dazu liefert das hochbeinige Fahrwerk angenehmsten Endurokomfort und guten Überblick in Verbindung mit klarem Feedback und handlich agilen 17 Zöllern. Mensch, was war das früher für ein Akt, wenn man seine Enduro auf Straßenbereifung umbauen wollte. Andere Räder, andere Bremsen und nicht zuletzt der TÜV legten in den 90er Jahren den Privatpionieren reichlich Steine in den Weg. Doch, das wussten damals alle: Ein solcher Zwitter, egal, ob auf KTM LC4, Honda XR oder Yamaha TT Basis, war im Winkelwerk nicht zu biegen. Honda war die erste Marke, die mit der Dominator diese Nische werksseitig prominent besetze. Die Stelzige sollte allerdings auch nicht wirklich zum Verkaufsschlager avancieren.

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Ein Grund dafür dürfte auf jeden Fall der poltrige Einzylinder gewesen sein. Und wahrscheinlich auch die, besonders damals, irritierende Optik. Genau hier macht die Versys des Jahrgangs 2010 alles besser. Ihr Zweizylinder geht knapp über Standgasdrehzahl äußerst kultiviert, aber dennoch wohltuend knurrig ans Werk. Bestes Indiz dafür ist das intuitiv frühe Hochschalten des Fahrers. Oft ertappt man sich dabei, wie man im kurzhubig schaltbaren Getriebe vergeblich nach dem siebten oder achten Gang sucht und die höhere Drehzahlregion jenseits der Kraftspendenden 7.000er Marke gar nicht erst in Anspruch nimmt. Der Versys-Pilot ist mit dem Dargebotenen stets bestens bedient. Kann in der Stadt sowieso, über Land auf jeden Fall und sogar auf der Autobahn mit den Großen der Zunft ohne Probleme mitspielen. Klar, Tempi über 200 gehen nicht. Aber die sind sowieso selten genug angesagt. Meist pendelt sich die Reisegeschwindigkeit bei 150 km/h ein. Dann ist der Windschutz des dreifach verstellbaren Windschilds noch ausreichend. Der nun mit einer zusätzlichen Gummilagerung im Rahmen verschraubte Motor dreht dabei im mittleren Bereich und begnügt sich mit einer moderaten Menge Kraftstoff. Ein Verbrauch von knappen 5 Litern auf insgesamt über 4.000 Testkilometern generierte stets über 300 Kilometer lange Tankintervalle aus dem 19 Liter fassenden Spritbehältnis, ohne, dass auch nur einmal die Reservelampe in Erscheinung trat.

Wild at Heart

Wem der Verbrauch nicht gar so am Herzen liegt, kann die Drosselklappen auch gern auf freien Durchzug stellen. Dann offenbart die Versys ihre Racer-Gene und darf sich zurecht den Werbeslogan ihrer vierzylindrigen Großcousine ausborgen. Wie eine wilde Furie kreischt der kleine Zwilling ab 7.000 Umdrehungen und rennt die Drehzahlskala hurtig bis hinauf in den fünfstelligen Bereich. Und zwar stets mit steigendem, durchaus beachtlichen Zug nach vorn. Dann heißt es Ellbogen hoch, in die Crosser-Position gerückt, die Schenkel an den schmalen Tank gepresst und durch das Winkelwerk gefeuert. Mein lieber Scholli. Da hängt dich keiner ab. So viel Aggressivität hätte man dem treuselig dreinblickenden aufgehübschten Einauge gar nicht zugetraut. Umso mehr freut sich der Pilot in diesem Modus über das in Zug- und Druckstufendämpfung komplett einstellbare Fahrwerk, das nahezu an der Straße zu kleben scheint. Sicher ein Verdienst der langen, vor allem negativen, Federwege. Dort, wo andere schon abheben, kann die Versys ihre langen Beine in die Fahrbahnsenke hineinstrecken und stets den so wichtigen Kontakt zur gripreichen Asphaltdecke halten. In Verbindung mit dem serienmäßigen ABS ein sehr Vertrauen erweckendes Gesamtpaket.

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Zu dem sich für das Jahr 2010 eine deutlich gefälligere Optik gesellt. Vielleicht liegt ja in den nun geschmeidigeren Linien der Schlüssel zum Verkaufserfolg. Mit 7.990 Euro positioniert Kawa die Versys auf jeden Fall in der Mitte ihrer Mitbewerber. Bietet mit der guten Verarbeitung und vernünftigem Zubehör, sowie variabler Sitzhöhe, dank gegeelter Austauschbänke, insgesamt 8 Zentimeter Individualisierungsmöglichkeit. Nicht ganz so gut gefallen uns die auf Aluminium getrimmten Seitenverkleidungen im Rahmendreieck. Dafür gibt’s das schöne seitlich angebrachte Federbein an der aufwändig gearbeiteten Schwinge. Hier haben die Mitbewerber meist nur unansehnlich zusammengebratene Kastenprofile zu bieten. Schwer zu sagen, wie die Versys sich in diesem Jahr verkaufen lässt. Eines jedenfalls steht für mich fest. Sie ist das meist unterschätze Bike der vergangenen Jahre. Und hat auf jeden Fall eine Probefahrt verdient. Doch vorsicht: Einmal Versys – immer Versys! Ich jedenfalls bin froh, dass ich noch weitere 8.000 Kilometer mit ihr abreißen darf auf der Motorradstrasse Deutschland.

Text: Patric Birnbreier

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