Horex VR6 Classic

Horex VR6 Classic


Klassischer Six-Pack

Endlich ist es soweit. Die Horex VR6 Classic steht als Tester auf dem Hof. Und sämtliche motorradfahrenden Mitarbeiter debil grinsend daneben. Die Vorfreude ist groß und die Classic bringt bei den meisten das Kind im Manne wieder hervor. Man bekommt halt nicht jeden Tag einen Sechszylinder unter den Hintern. Und die Horex VR6 noch weniger. Mit Blicken bestaunt, mit den Händen ertastet und vor allem mit den Ohren gelauscht. Ob sie gefällt oder nicht – in ihren Bann hat die Horex alle gezogen.

Unsere Testmaschine kommt in Rot mit schicken silberfarbenen Streifen und brauner Sitzbank mit weißen Ziernähten daher. Das gesamte Motorrad wirkt extrem solide verarbeitet, die einzelnen Komponenten sehr hochwertig. Darf man bei einem Einstiegspreis von 24.500 Euro aber auch erwarten. Zusätzlich waren bei uns noch Packtaschen und Tankrucksack montiert. Also kommen nochmal 692 Euro dazu. Und schon hat man die 25-Mille-Schallmauer durchbrochen. Sicher viel Geld für ein Motorrad – aber zum einen hat Exklusivität ihren Preis und zum anderen gibt es deutlich teurere (zweirädrige) Träume.

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Egal – wir entern die VR6 Classic und packen sie bei den Hörnern, respektive beim Lenker. Ups – war die bei der Vorstellung auch so hoch? Die Haxen müssen ein ordentliches Stück Weg bis zum Bodenkontakt zurücklegen. So mancher steht mehr auf den Zehenspitzen und den Fußballen als ihm lieb ist. Menschen mit Höhenangst können jedoch beruhigt werden. Die Horex lässt sich mit einfachen Mitteln um 20 mm tiefer legen. Dazu ist zwischen der oberen Federbeinaufnahme eine kleine Distanzplatte an der Verschraubung zum Rahmen hin eingebaut. Nimmt man die raus, sinkt das Heck um ca. zwei Zentimeter. Anschließend noch die Gabel in den Gabelbrücken um den gleichen Wort nach oben durchschieben, schon ist man der Erdoberfläche entscheidend näher gerückt. Das Ansprechverhalten der Federelemente verändert sich durch die Maßnahme nicht.

Horex VR6 Classic 12

Ansonsten passt die VR6 Classic wie ein gut sitzender Handschuh. Entspannt und leicht nach vorne gebeugt bei angenehmem Kniewinkel findet man sich sofort zurecht. Die Bedienung ist selbsterklärend. Eine Augenweide sind die klassischen Rundinstrumente, sogar der Treibstoffstand wird in einem solchen angezeigt. Weitere Infos liefert dann ein kleines Display zwischen Tacho und Drehzahlmesser. Hier kann man zwischen Gang-, Geschwindigkeitsanzeige oder auch dem gewählten Fahrmodus wechseln. Was uns allerdings fehlte, war die gute alte grüne Kontrollleuchte für Neutral. Hat man nämlich nicht gerade die Ganganzeige drin, fehlt an der Ampel der optische Hinweis ob Neutral jetzt drin ist oder nicht. Sehr schön sind auch die Spiegel, leider sind die Ausleger arg kurz geraten und die Sicht nach hinten beschränkt sich im Wesentlichen auf den eigenen Oberkörper.

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Genug der Theorie, lassen wir Taten sprechen. Fangen wir mit einer Frage an. Wie bekommt man eine Kneipe mit Motorradfahrern möglichst schnell leer? Ganz einfach: mit der Horex davor halten und ein paar Gas-Stöße später steht die Besatzung um die Horex rum. So geschehen beim Motorradstammtisch des Autors. Der Sound ist schlichtweg einzigartig. Kehlig röhrend, bei höheren Drehzahlen schmetternd trompetend in einer absolut eigenständigen Tonlage. Eher wie ein Doppel-Tripple als ein Reihensechser. Für empfindliche Naturen und ebensolche Nachbarn sicher zu laut, für die meisten Motorradtreiber der reinste Gänsehaut-Macher. Der Spaß beschränkt sich nicht nur auf den Stand, die Klangkulisse ist auch unterwegs stets präsent – und ist doch nur die halbe Miete. Den Rest erledigt der Motor mit seinem Six-Pack. Bedenken ob 126 PS wirklich ausreichend sind, bläst die Horex regelrecht aus dem Schädel.

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Souverän drückt die Classic über den kompletten Drehzahlbereich und legt bei 5.000 Umdrehungen nochmal eine Schippe Kohlen nebst dem dazugehörigen Schub nach. Der Motor leistet sich neben den akustischen Lebensäußerungen noch die fühlbaren, sprich Vibrationen. Die liegen glücklicherweise exakt im Wohlfühlbereich, seidenweich hätte auch nicht zum Charakter des prachtvollen Sechsers gepasst. Das gilt irgendwie auch für den Verbrauch, denn eine Sparbüchse hat tatsächlich keiner erwartet. Wer es mit der VR6 Classic ordentlich knacken lässt, sollte sich spätestens nach 150 km Gedanken um einen kurzfristigen Tankstopp machen. Hier kommt Kraft tatsächlich von Kraftstoff. Bei flotter Kurvenhatz und schnellen Autobahnetappen zieht sich die Horex mal eben 8 Liter Sprit rein, da wird die Tankanzeige zur Stoppuhr. Wie immer hat man es selbst in der Hand, nämlich in der rechten. Reduziert man den Vollgas-Anteil und reitet die Drehmomentwelle, kommt man mit 6 Litern auf 100 km deutlich weiter. Das Getriebe schaltet sich etwas knochig, verlangt Nachdruck im linken Fuß.

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Aber es ist halt wie immer. Warum fährt man denn schnell und ist so flott unterwegs? Weil man es kann. Die Souveränität die wir schon dem Motor bescheinigten, gilt uneingeschränkt für das Fahrwerk. Die vermittelte Stabilität lässt den Verdacht aufkommen, der Rahmen sei mit Viagra gepimpt. Ultrastabil und verwindungssteif macht er seiner mächtigen Optik alle Ehre. Dazu passt das straff ausgelegte Fahrwerk. Ein Handlingwunder ist die VR6 Classic nicht, dafür ist sie mit über 270 kg einfach zu schwer. Von einem ungelenken Hobel ist sie allerdings meilenweit entfernt. Zumal sie sich fährt wie auf Schienen. Nervosität? Fehlanzeige! Einmal die Richtung eingeschlagen, hält die Horex stur den Kurs. Enge Kehren? Gerne doch! Kurz angepeilt und in tiefer Schräglage durch. Die Beschleunigung am Kurvenausgang bringt dann wieder das Kind im Manne hervor. Gleiches gilt für Wechselkurven. Nach wenigen Biegungen hat man das Gewicht vergessen, vertraut man dem Fahrwerk immer mehr und ertappt sich dabei die Schräglagenfreiheit auszuloten. Im Notfall ist dann Verlass auf die Bremsen. Die sehen nicht nur geil aus, sondern halten die Wuchtbrumme erstaunlich gut im Zaum und letztendlich an.