BMW R nineT

BMW R nineT


Boxer reloaded

2008 stellte BMW ein Concept-Bike mit dem Titel Lo Rider vor. Dieses war gefühlte Welten von dem entfernt was man bis dahin mit der Marke verband. Die Resonanz war speziell bei bis dato BMW-Vermeidern riesengroß. Dennoch musste der Hersteller erst noch seinen 90. Geburtstag feiern und präsentierte auf selbigem das innerhalb der vergangenen 5 Jahre zur Serienreife gelangte Konzept: die R nineT. Die wiederum durften wir jetzt in Südspanien erstmals testen.

Die R nineT nimmt im Programm von BMW eine Sonderstellung ein. Fast alles was BMW in den letzten Jahren anfasste, verwandelte sich gefühlt in Gold. Marktführerschaft, ständig wachsende Zahlen trotz kleiner werdender Märkte – im Grunde also alles richtig gemacht. Aber: mit dem Streber will halt keiner auf dem Schulhof spielen. Das Image leidet – technokratisch, perfekt, teuer. Und emotionsarm. Und dann holen die Bayern mal tief Luft und präsentieren vergangenen Herbst 2 Motorräder die selbst hart gesottene BMW-Gegner in Versuchung bringen, das Sparschwein zum Propeller-Händler zu tragen. Die S1000R straft die ewigen Preis-Motzer lügen. Und mit der R nineT stellen die Bayern einen auf das Wesentliche reduzierten und dazu noch wunderschönen Roadster auf die Räder, der viele Männer- und Frauen-Motorradherzen im Sturm erobert.

BMW R nineT 08

Aber hier geht es um die R nineT. Ziel: kein Streber sein, Emotionen wecken. Wie heißt es so schön beim Schiffe-Versenken? Treffer, versenkt! Keine BMW hat bisher solch positive Reaktionen hervorgerufen. Auch nicht der Klassenprimus R1200GS. Lob und Komplimente durch die Bank. Nackte Daten? Egal. ASC, ESA, DDC? Wurscht! Es ging nur um Haben-Wollen und mit oder ohne Aluhöcker, Auspuff unten oder oben. Auch der Autor war (und ist) vom nineT-Fieber gepackt. Und dann ist es endlich soweit, steht der Infizierte mitsamt Zündschlüssel vor dem Objekt der Begierde.

Flach und deutlich zierlicher als erwartet steht sie da. Die Optik wirkt durch den langen Tank gestreckt, die schmale Sitzbank und das noch schmalere Heck betonen dies noch zusätzlich. Die R nineT glänzt mit liebevollen Details und viel Metall. Das beginnt schon beim Scheinwerfer. Full-Metal in schwarz mit einem Alu-Ring. Überhaupt ist Aluminium ein großes Thema. Der Tank besteht komplett aus dem leichten Werkstoff. Und der Knieschluss ist nicht etwa alufarben lackiert. Nein, es übernimmt das Material die Farbgebung. Weitere Beispiele gefällig? Der auf der rechten Seite liegende Lufteinlass, die Sitzbankträger oder einfach nur das Handrad für die Einstellung des Federbeins. Oder die wunderschönen Drahtspeichenräder mit schwarz eloxierten Felgen. Genau diese Dinge sind es, die die nineT so einzigartig machen. Man spürt die Liebe für Details der Erbauer, ahnt den Kampf mit den Buchhaltern um diese. Alles wirkt wertig und fühlt sich im wahrsten Sinne des Wortes auch so an.

BMW R nineT 09

Als Antrieb fungiert ein alter Bekannter. Denn es ist nicht der aktuelle Wasserboxer verbaut, sondern der luft/-ölgekühlte Motor der auch noch in der R1200R zum Einsatz kommt. Der bringt es auf 110 PS und 119 NM. Die Übersetzung wurde kürzer gewählt um das Ansprechverhalten spritziger zu gestalten. Auch die Gabel stammt aus dem Teileregal. Bei der nineT verzichtet BMW auf das Telelever und verbaut eine Upside-Down-Gabel. Die stammt aus dem Supersportler S1000RR, ist bei der nineT allerdings nicht einstellbar. Hinten übernimmt ein Zentralfederbein mit einstellbarer Federbasis und Zugstufendämpfung die Arbeit.

Wir nehmen Platz. Die Sitzposition ist tief. Man sitzt wie in alten Zeiten recht weit hinten, muss sich über den langen Tank zum breiten Lenker etwas strecken. Der Kniewinkel ist dadurch etwas spitzer als gewohnt, allerdings nicht unbequem. Sportlich versammelt trifft es ganz gut. Die Bedienelemente und Spiegel stammen aus dem Baukasten und entsprechen dem gewohnten BMW-Standard. Mag nicht klassisch sein, geht aber absolut in Ordnung. Gleiches gilt für die Instrumente. Die sind zwar im Vergleich zu anderen Modellen der Marke deutlich reduziert. Zwei klassische Runduhren wären aber schon geiler. Man darf ja träumen. Wirklich gelungen ist der Sound der R nineT. Tiefer bassiger Boxersound trompetet aus den 2 übereinander liegenden Schalldämpfern. Passt. Erster Gang rein, kein Hakeln, kein Klonk. Passt auch. Und bleibt übrigens auch so. Die ersten Kilometer die Küste entlang sind unspektakulär. Die BMW sitzt wie ein Handschuh. Der Fahrer fühlt sich pudelwohl, ist gut in die Maschine integriert. Wir lassen die Ortschaften hinter uns und die Küstenstraße schraubt sich in engen Kurven die Steilküste entlang. Endlich geben wir dem Boxer die Sporen. Und der enttäuscht nicht. Die kürzere Übersetzung sorgt für spürbar mehr Druck im unteren und mittleren Drehzahlbereich. Jeder Dreh am Gasgriff wird direkt in Schub umgesetzt. Und in Sound. Vor 10 Jahren wäre ein solcher Sound wohl noch ein Entlassungsgrund gewesen. Der Boxer läuft mechanisch deutlich ruhiger als sein wassergekühlter Nachfolger, die Mehrleistung von diesem vermisst man nicht.

BMW R nineT 05

Das Fahrwerk ist straff, aber nicht unkomfortabel. Gerade richtig für kurviges Geläuf. Mit guter Lenkpräzision zirkelt die nineT um die Ecken, hält stets penibel den eingeschlagenen Kurs. Allerdings möchte sich mit etwas Nachdruck auf diesen gebracht werden. Ein Handlingwunder ist die BMW nicht geworden, hier hätten wir aufgrund der niedrigen Silhouette und Schwerpunktes flinkeres Handling erwartet. Was die nineT beileibe nicht zum unhandlichen Klotz stempelt. Dafür verwöhnt sie eben mit hoher Stabilität. Auch provozierte Lastwechsel in tiefer Schräglage bringen sie nicht aus der Ruhe. Zusammen mit dem kräftigen Antritt des Boxers hat man einen optimalen Spielgefährten für die Landstraße gefunden. Gerne im 3. Gang mit Schmackes in enge Kurven, beim Gasgeben brummt der Boxer tief und sonor und schiebt die Karre kräftig auf die Gerade. Macht einfach nur mächtig Spaß. Und darauf kommt es ja an.

BMW R nineT 07

Gibt es denn gar nichts zu meckern? Ein Fall für zwei ist die nineT nicht. Und wahrscheinlich auch keiner für die ganz lange Strecke. Die Speichenräder könnten gerne auch schlauchlose Reifen vertragen. Kriegt Honda bei der CB1100EX ja auch hin. Würde laut BMW aber den Preis zu sehr nach oben treiben. Und der ist aus unserer Sicht mit 14.500 Euronen auch kein Schnäppchen. Zumal die nineT (bei allem Gefallen) ja im Grunde genommen keine tiefgreifende Neuentwicklung mit aufwändigen technischen Innovationen ist. 

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