MV Agusta Brutale 1090

MV Agusta Brutale 1090


Espresso doppio

Schaut man sich das Modellprogramm von MV Agusta an, ist die Brutale 1090 quasi der Einsteiger in das Brutale-Programm. Denn mit der R und noch mehr mit der RR hat sie gleich 2 Zwillingsschwestern, die jedoch mit mehr Ausstattung und im Falle der RR mehr Leistung um die Kundschaft buhlen. Von Einsteiger wollen wir dennoch nicht sprechen, immerhin handelt es sich um ein Naked Bike mit 144 Pferden. Dennoch straft die Brutale 1090 ihren Namen – zumindest teilweise – lügen.

Die ersten Brutale galten tatsächlich als – sagen wir mal – anspruchsvoll. Fordernd, immer das Messer zwischen den Zähnen, bockhart. Ein ehemaliger Redaktionskollege bezeichnete sie schlichtweg als Foltergerät. Und jetzt hat sie ihren Weg in unseren Testfuhrpark gefunden. Und eines muss man einfach mal sagen bzw. schreiben: die Brutale 1090 ist ein wunderschönes Stück Motorrad. Egal aus welchem Winkel man sie betrachtet, immer macht sie eine verdammt gute Figur. Das filigrane Heck, die Einarmschwinge, die seitlich liegende Auspuffanlage. Hier könnte so mancher Hersteller gerne mal in die Lehre gehen. Wer jetzt ein großes ABER erwartet, wird leider enttäuscht. Denn die Optik geht nicht auf Kosten der Nutzbarkeit. Der Fahrer findet ein überraschend bequemes Plätzchen vor. Dank schmaler Taille finden die Füße trotz 830 mm Sitzhöhe guten Bodenkontakt. Der breite Rohrlenker ist relativ flach montiert, es ergibt sich die oft zitierte sportlich versammelte Sitzposition. Noch sportlicher wird es in Sachen Fußrasten. Die sind recht hoch und nach hinten versetzt montiert, der Kniewinkel ist entsprechend anspruchsvoll. Nicht unbequem, aber auf Dauer kann es zwicken.

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Ärgerlicher sind da Position und Größe der Fußrasten. Speziell auf der rechten Seite ist die Raste so schmal und nach am Rahmen montiert, dass man nicht den kompletten Fuß abstellen kann. Man balanciert vorne mit dem Fußballen immer auf der äußeren Seite der Raste herum, hinten nimmt die Ferse ständig mit der Auspuffabdeckung Kontakt auf. Die Bedienung ist erfreulich selbsterklärend, die Instrumente recht gut ablesbar und die Spiegel lassen sogar ausreichend Sicht nach hinten zu. Wir hatten schon Motorräder dieser Gattung die mehr Kompromissfähigkeit verlangten. Allerdings auch günstigere. 14.490 Euro ruft MV Agusta für die Brutale 1090 aus. Für uns ein angemessener Preis, denn die Verarbeitung stimmt, die gebotenen Detaillösungen bieten bei anderen Herstellern oft nur teure Zubehörteile.

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Motor Brutale 1090

Ein echtes Sahnestück hat die MV mit dem Reihenvierer der Brutale geschaffen. Kurz und knackig die Eckdaten: 1078 Kubik, 144 Pferde und 112 NM. Für Vortrieb ist jederzeit gesorgt. Die Überraschung: der Reihenvierer ist ein echter Allrounder. Im sechsten Gang durch die Ortschaft rollen und am gelben Schild den Hahn spannen? Kein Problem, die Brutale schiebt an wie ein Bulldozer. Du magst es eher sportlich? Kein Problem, die Brutale zieht dir beim Ausdrehen der Gänge die Arme mächtig lang. Die Performance ähnelt der einer Kawasaki Z1000, wobei die MV mit deutlich mehr Drehfreude antritt. Spätestens beim Sound lässt die Brutale jeden Vergleich zu Reihenvierern aus Fernost vergessen. Bei niedrigen Drehzahl dumpf und sonor brummend, bei höheren aggressiv trompetend. Aber nie nervig laut. So soll es sein. Insgesamt ist der Vierzylinder ein absolut souveränes Triebwerk, das sowohl mit mächtigem Punch aus dem Keller verwöhnt als auch mit Drehfreude glänzen kann. Das Getriebe kann da nicht ganz mithalten. Es will mit Nachdruck und Konzentration zur Arbeit überredet werden. Wer dies nicht berücksichtigt, landet schon mal zwischen den Gängen im Nirgendwo.

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Fahreindruck

Antriebsseitig passt es also. Der Motor hat aber auch ein leichtes Spiel, muss er doch gerade einmal 183 Kilo Trockengewicht bewegen. An der Front ist eine mit 50 mm mächtige Upside-Down-Gabel verbaut, die sowohl in Zug- und Druckstufendämpfung als auch in der Federvorspannung einstellbar ist. Da hintere Federbein lässt sich in Federvorspannung und Zugstufe einstellen. Auf der Straße glänzt die Brutale dann auch mit einer Dynamik die eher an eine 750er als an eine 1000er erinnert. Das Handling ist hervorragend, die Präzision beeindruckend. Anpeilen, umlegen und durchziehen. Die Brutale hält die Linie als wäre sie auf Schienen unterwegs. Sie erkauft sich diese Stabilität aber nicht durch ein bretthartes Fahrwerk. Empfindlichen Naturen ist die MV wahrscheinlich zu sportlich, die vermissen sicher auch die Soziustauglichkeit und das Kofferset. Freunde sportlicher Naked Bikes werden frohlocken. Straff liegt die Brutale auf der Straße, gibt dem Piloten ein hervorragendes Feedback ohne bei jeder Bodenwelle auszukeilen und dem Fahrer die Bandscheiben zu malträtieren.  Der kann es dadurch richtig krachen lassen. Die Schräglagenfreiheit ist enorm, die gefahrene Kurvengeschwindigkeit ebenfalls. Da ist es gut zu wissen dass auf die Stopper Verlass ist. Die Doppelscheiben am Vorderrad lassen die Reifen wimmern, verzögern wie ein Anker. Das ABS verhindert wirksam die Blockade, das Heck wird bei Vollbremsungen sehr leicht.

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