Triumph Thunderbird LT

Triumph Thunderbird LT


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Triumph möchte die tourige Cruiser-Szene mit der neuen Thunderbird LT kräftig aufmischen und lud dazu in authentisches Terrain nach San Diego, Kalifornien. Von vorn sieht alles aus wie immer: In der Mitte prangt der runde Einzelscheinwerfer, stilvoll assistiert von zwei kleinen Zusatzleuchten, dahinter ragt die abgerundete Tourenscheibe auf und darunter rollt ein fetter Vorderreifen, den eine dicke, ummantelte Telegabel mit tief herunter gezogenem Schutzblech – und das ist wörtlich zu nehmen – führt.

Zum authentischen Retrostyling gehören ganz klar elegante Speichenräder und eine schicke Zweifarblackierung, ausgesprochene Liebe zum – soliden – Detail demonstrieren Ledersatteltaschen in Premium-Qualität, breite Trittbretter, die Sissybar für die Sozia und ein nach hinten gezogener Lenker, den keine außenliegenden Kabel verunzieren. Jede Menge verbauter Chromteile lassen das Bike in der Sonne aus jedem Blickwinkel funkeln, als wären Halogenleuchten eingebaut. Die Briten von Triumph haben ihrem Neuzugang Thunderbird LT (steht für Light Touring) ganz ohne Zweifel eine stimmige Optik verpasst, die sich ganz bewusst am Vorbild von Harley-Davidson orientiert und sich wunderbar in die südkalifornische Landschaft einfügt.

Triumph Thunderbird LT 09

Wäre da nicht dieser kräftige Schuss britischer Eigenständigkeit, den jedes Modell aus Hinckley auszeichnet. Im Falle der Thunderbird LT ist es die Technik in Form eines Parallel-Zweizylinders, wo ansonsten großvolumige V-Motoren die Szenerie beherrschen. Aus einem Hubraum von 1.699 ccm – dem größten der Zweizylinder-Welt – erlöst der hochmoderne Vierventiler mit sequentieller Einspritzanlage 94 PS und ein mächtiges Drehmoment von 151 Nm bei gerade einmal 3.550 U/min. Solche Werte schafft kaum ein Fahrtwindgekühlter Haudegen, deshalb sorgt bei Triumph trotz der gut sichtbaren und sehr ansehnlichen Kühlrippen eine Flüssigkeitskühlung für einen gesunden thermischen Haushalt. Der Kühler versteckt sich vorn zwischen den Krümmern und verschandelt den Anblick nicht allzu sehr. 

Für die Kraftübertragung sorgt standesgemäß ein Sechsgang-Getriebe mit Schrägverzahnung und integriertem Ruckdämpfer, für den Transfer ans Hinterrad ist ein ebenso wartungsarmer, wie langlebiger, wie traditioneller Riemenantrieb zuständig, auf der rechten Fahrzeugseite geführt. 

Lässig nimmt der LT-Pilot in niedrigen 700 Millimeter Sitzhöhe auf dem äußerst bequemen Polster Platz und dreht den Zündschlüssel auf der rechten Motorseite. Gegen Langfinger befindet sich ein klassisches Lenkschloss auf der rechten Lenkkopfseite, außerdem ist eine Wegfahrsperre im Zündschlüssel codiert. Kurz wird der Anlasser gedrückt, und spontan brabbelt es wohlig aus den triovalen Endstücken der beiden langen, verchromten Schalldämpfern. Der 270 Grad Hubzapfenversatz lässt den Motor fast wie einen Vau erscheinen. Auch klassisch: Ein lautes Klonk begleitet das Einlegen des ersten Gangs durch den Tritt mit derben Stiefeln auf die massive Schaltwippe, etwas spät kommt die nur wenig Handkraft verlangende Kupplung und schon setzt sich der 380-Kilo-Koloss geschmeidig in Bewegung. Ohne Umschweife wird in den sechsten Gang hochgeschaltet und die erstaunlich gewundenen Landstraßen im südkalifornischen Hinterland von San Diego unter die Räder genommen. Dieser letzte Gang wird zur präferierten Fahrstufe, häufige Gangwechsel macht das enorme nutzbare Drehzahlband eigentlich überflüssig: Die LT rollt mühelos über weit wie eng gewundene Asphaltbänder und fast mit Standgasdrehzahl durch die kleinen Städtchen, nur um am Ortsausgang akustisch und gefühlsmäßig wiederbelebt zu werden. Dieses Triebwerk besitzt dank zweier Ausgleichswellen eine ausgezeichnete Laufkultur, ohne es an Charakter vermissen zu lassen – zumindest, wenn die Drosselklappen auf Anschlag gestellt werden.

Triumph Thunderbird LT 08

Über die kurvigen Pässe der Volcan Mountains und der Pinyon Ridge lässt sich die Triumph ohne Mühe von einer Schräglage in die andere überführen. Die mitunter engen Kurven durcheilt sie neutral und stabil, trotz der Pfunde braucht es nur wenig Kraft, sie auf Linie zu halten. Akustisch meldet sich hier das vermutlich häufigste Austauschteil der LT zu Wort: Die austauschbaren Schleifer der Leichtmetall-Trittbretter nehmen doch recht früh einen lautmalerisch kratzenden Kontakt zur Fahrbahn auf, Auswirkungen aufs Fahrwerk hat der Bodenkontakt dank Gummilagerung keine. Ihr leichtfüßiges Fahrverhalten verdankt die LT einer gelungenen Gewichtsverteilung, zu der die Flüssigkeitskühlung und ein neuer Brückenrahmen, der den Motor mittragend aufnimmt, beitragen. Einen großen Einfluss nicht nur aufs Aussehen, sondern auch aufs Fahrverhalten haben die extra entwickelten 16-Zoll-Weißwandreifen des britischen Herstellers Avon. Darüber hinaus bieten sie einen guten Abrollkomfort. Einzig beim Bremsen in Schräglage zeigen sie eine klare Aufstelltendenz, was bei den Dimensionen von 150/80 vorn und hinten 180/70 jedoch niemanden überraschen dürfte. Zum Anhalten verlangen die beiden vorderen 310er-Bremsscheiben mit Vierkolben-Festsätteln übrigens eine kräftige Hand, hinten stoppt die LT über das breite Fußpedal zwar kraftvoll, aber weniger feinfühlig. Ein serienmäßiges ABS mit spürbaren Regelintervallen bewahrt die formschönen 56-Speichen-Rädern vor Bremsblockaden.

Triumph Thunderbird LT 06

Triumph hat nach eigener Aussage sehr viel Wert auf den Fahr- und Sitzkomfort gelegt, und tatsächlich agieren die ummantelte 47 mm Showa-Gabel und die beiden Showa-Stereofederbeine am Heck sensibel und schluckfreudig. In der guten Abstimmung verlieren auch die mitunter vernachlässigten Wege abseits der Hauptstraßen ihren Schrecken, die Unbill landet zumeist in den für diese Gattung Motorrad erstaunlich langen Federwegen. Und der mit drei verschiedenen Schaumstoffen perfektionierte Fahrersitz lässt selbst von Rückenleiden Geplagte nach einem ganzen Tagesritt entspannt aus dem Sattel steigen, die Kontur und die unterschiedlichen Festigkeitsbereiche stellen einen herausragenden Komfort parat. Nicht ausprobiert haben wir die Soziustauglichkeit auf dem etwas schmaleren, aber ebenso aufwändig gepolsterten Soziussitz. Für Anlehnungsbedürftige hat Triumph dort eine serienmäßige Sissybar montiert.

Zum Fahrkomfort trägt auch die kurze Scheibe bei, denn hier herrscht guter Windschutz, den nur wenige Turbulenzen stören. Im Zubehör gibt's eine lange, sogenannte "Look-through"-Scheibe, die noch besser vor Wetter schützt, allerdings leichten Sog im Rücken verursacht. Per Schnellverschluss sind beide Scheiben ohne Werkzeug im Handumdrehen demontiert. Nicht ganz so schnell sind die Leder-Packtaschen mit einem passenden Inbusschlüssel abgenommen und in der Garage verstaut, dann noch den Soziussitz abgeschraubt, und schon verwandelt sich die LT in einen puristischen Custom Cruiser ohne unschöne Touren-Rückstände. Lediglich das verbliebene Loch der Soziussitzbefestigung auf dem hinteren Kotflügel muss mit einem Stopfer verschlossen werden.

Triumph Thunderbird LT 02

Für einen Luxusliner dieser Güte ist eine komplette Ausstattung unerlässlich, deshalb gehören wasserdichte Innentaschen, selbstrückstellende Blinker, ein großer 22-Liter-Kraftstofftank und eine auf dem Tank montierte Instrumentenkonsole mit LCD-Anzeige zum Angebot. Dass letztere von einem Schalter am rechten Lenkerende wahlweise eine Uhr, einen Kilometerzähler, zwei Tageskilometerzähler oder die Rest-Reichweitenangabe anzeigt, zeigt die durchdachte Konstruktion, ebenso wie die angemessene Zuladung von 220 Kilogramm – damit steigt das zulässige Gesamtgewicht auf satte 600 Kilo. Und doch bleibt noch Platz für eine Modellpflege: Auf der Rückfahrt von der Anza-Borrego-Wüste Richtung Küste gibt's Strecken mit typisch amerikanischem Epos, also meilenweit geradeaus bis zum Horizont. Und dafür, genau dafür braucht die Thunderbird LT einen Tempomaten.