Yamaha YZF-R6

Yamaha YZF-R6


Diesseits der Haftgrenze

Klein, gedrungen, ultrasportlich und hinten ‘rum ein bisschen spacig, wie ein Landeshuttle der „Enterprise“ steht YZF-R6 nun vor mir. Keck auf dem zarten Seitenständer lehnend, bietet die Yamaha YZF-R6 den Stoff für so manche Träume vieler quartettspielender Kinder, sportbegeisterter und solventer Mitzwanziger, „selbstbewusstseinspolierender Midlifecriselinge“, sowie adrenalin­suchender Wiedereinsteiger, die nur liebend gern einmal kurz aus ihrer bürgerlichen Zwangsjacke ausbrechen wollen. Hier sind die Zielgruppen zu verorten und exakt hierfür wurde sie gebaut – geboren und auf die Räder gestellt – die R6. Und die Yamaha bedient diese Klientel auf beeindruckende Weise. Mit einer Literleistung von über 200PS, der verbrieften Höchst­geschwindigkeit von 264 km/h, Rennsportdrehzahlen incl. des passenden Sounds, absolut wertiger Materialqualität und der Fahrwerksabstimmung einer Ringmaschine betört die R6 die Sinne.

Zur Ergonomie:

Wenn Du mit durchschnittlichem westeuropäischen Körpermaßen erstmals auf der YZF-R6 Platz nimmst, dann wirkt sie klein, aber noch passend. Die Knie fügen sich geschmeidig unterhalb der Tankwülste ein, die Füße finden nach erstem Suchen sicheren Halt, die Hände ruhen ... wo verdammt sind die Lenkerstummel? Wollen die mich ärgern? Damit kann man doch nicht fahren! Tiefer geht’s wohl nimmer? So, und genau hier steigt das potentielle, durchweg begeisterte Publikum mit Kopfschütteln wieder ab. Und das ist ein Fehler!

Zuerst noch sehr wackelig und ungelenk geht’s vom Yamaha-Betriebshof ab auf die Autobahn ‘gen Norden. Ganz langsam verschwinden meine Vorbehalte und mit steigender Geschwindigkeit auch die ungewohnte Belastung der Handgelenke. Mit ein bisschen Bauchspannung und festem Knieschluss lässt sich bald recht kommod und stressfrei agieren. Alles an der YZF-R6 fühlt sich stimmig und wertig an, alles passt irgendwie zusammen, wie eine gut komponierte Symphonie von Beethoven, nur eben anders als gewohnt. Dass diese Rennsemmel sogar über Soziusrasten und einen kleinen Notsitz verfügt sollte nicht darüber hinwegtäuschen, wie gemein und böswillig Yamaha diese mitfahrenden Opfer behandeln möchte. „Entweder Du verfügst über Pygmäengröße oder Du kannst Dir die Ohren mit den Knien zuhalten!“(Zitat meiner Sozia) Wahlweise hat die gequälte Sozia die Möglichkeit, in der „Krötenstellung“ auf dem Fahrer zu liegen, oder sie spielt „Mast“, was auch nicht wirklich überzeugt, zumal die leichten Vertiefungen in der hinteren Lampenverkleidung keinerlei Vertrauen in sicheren Halt bieten. Aber was soll’s, beim Quicky nimmst Du ja auch nicht Deine Frau mit!

Die Instrumente der „kleinen R1“ sind prima abzulesen, übersichtlich und chic. Na, ist sie warm? Aber auch hier fehlt das Ölthemometer. Was interessiert mich die digitale, in Einerschritten anzeigende Wassertemperaturanzeige? Ich will wissen, ob ich der Kleinen jetzt die Peitsche geben darf! Über eine Tankuhr verfügt sie zwar ebenso wenig, es werden aber dafür ab Erscheinen der Kraftstoffwarnlampe automatisch die zurückgelegten Kilometer angezeigt. Nett! Der digitale Tacho und vor allem der zentral angeordnete und sehr exakt werkelnde Drehzahlmesser sind die eindeutigen stilistischen Highlights des Cockpits. Hierauf kommt es eben an – alles andere ist sekundär.

Yamaha YZF-R6 05

Zum Motor

Dieser Treibling ist die wahre Wonne. Kurz gesagt, verfügt er über drei verschiedene Aggregatszustände, die jederzeit per „Drive by wire“ und in jedem Gang abgerufen und ausgekostet werden können. Ein paar Eckdaten:

  • Bohrung-Hubverhältnis: 67,0 x 42,5 mm
  • Chipkontrollierte Einspritzung und „Drive by wire“
  • 129 PS bei 14.500 U/min – bei vollem Staudruck-Effekt munkelt man von 138 Pferdchen
  • 65,8 Nm bei 11.000 U/min
  • Leistungskurven, die mit zwei kleinen Durchhängern bei 6.000 und 8.000 kontinuierlich steigen

Bis ca. 8.000 U/min spielt die YZF-R6 also die brave Hausfrau mit moderater Leistungsentfaltung und völlig unproblematischem und stressfreiem Vortrieb. Hier liegen max. 45 Nm und ungefähr ebenso viele PS an, mit denen wundervoll sanft durch die Landschaft gegleitet werden kann. Gerät man hingegen hinter langsam fahrende Familientransporter, Ackergeräte oder derlei, reicht der Durchzug aus dem „Drehzahlkeller“ nicht aus. Allzu müde legt sich dann der kurzhubige 16-Ventiler in die Riemen. Also die fast vergessene 2-Takt-Tugend aktiviert: Zwei bis drei Gänge im exakt schaltbaren Getriebe ’runter gezappt und die YZF-R6 startet durch wie eine Vergeltungswaffe aus Peenemünde. Jetzt gibt’s die versprochenen 65 Nm und runde 100 PS Leistung. Schnell werden die Überholten klein im Spiegel, verschwinden im Nirwana des Vergessens. Wer nun aber in seinem adrenalin­durchfluteten Hirn glaubt am Ende der Leistungsabgabe angekommen zu sein, wird von dieser rassigen Asiatin eines Besseren belehrt, denn jetzt kommt die Domina. Ab ca. 12.500 U/min zündet die dritte Stufe der japanischen Rakete und turbinenähnlich reißt die R6 dermaßen voran, dass der Eindruck dieser Beschleunigungsorgie eines StarTrek-ähnlichen Warpantriebs nicht unähnlich ist. Geil!

Yamaha YZF-R6 09

Zum Fahrwerk

Allein die Daten sprechen schon für ein exzellentes Fahrwerk und Handling der Extraklasse: 66⁰ Lenkkopfwinkel, kurzer Nachlauf, 1380mm Radstand, geschwindigkeitsabhängige, in Zug- und Druckstufe getrennt einstellbare Federelemente, niedriger Schwerpunkt, Gewichtsverteilung von 55 zu 45%, 166kg Trockengewicht (vollgetankt 189kg bei 18,5l Tankvolumen) sind Fakten, die verdammt vielversprechend sind. Zusammen mit der genialen Upside-Down-Gabel, dem massig dimensio­nierten und edel verarbeiteten Deltabox-Rahmen, der wunderschönen und asymmetrisch geformten Gabelbrücke, der Bananenschwinge und dem Magnesiumheck vermittelt die YZF-R6 echte Wertigkeit und unterstreicht auch hiermit ihre Rennsportgene.

Yamaha YZF-R6 07

Im Alltagsbetrieb sind diese Features zwar nicht soo nötig und bemerkenswert, übermitteln aber in ihrer Gesamtheit bereits hier ein gutes und sicheres Fahrgefühl. Je mehr die Yamaha hingegen zur sportlichen Gangart getrieben wird, je stärker es der Fahrer krachen lässt, desto mehr offenbaren und unterstützen sie den absolut berechenbaren und hoch präzisen Charakter der R6. Der wirkliche Hit ist und bleibt das Fahrwerk. Diesseits der Haftgrenze gibt es wohl kaum etwas Besseres in dem Segment. Selbst sonst so angsteinflößende und Unruhe ins Fahrwerk brin­gende Verwerfungen in Straßen dritter Ordnung in schnell gefahrenen oder auch engsten Kurven bügelt die Yamaha souverän weg und vermittelt überdies in jeder Fahrsituation eine absolut direkte Rückmeldung an den Fahrer. Stets top kontrollierbar und mit heißem Motor an den Grenzbereich – das wird mit der R6 zum Rausch. Der kleine Glücksmoment im kargen Alltag – der perfekte Quicky.