BMW R1200R Fahrbericht

BMW R1200R Fahrbericht


Boxer-Roadster mit Schmackes

Jetzt ist auch der nackte Boxer mit dem wassergekühlten Motor ausgerüstet. Doch die R1200R macht in der aktuellen Version endgültig Schluss mit dem doch etwas behäbigen Image der Vorgänger. Sicher nicht so radikal wie das Concept Roadster, aber sehr modern, mit Ecken und Kanten. Das sorgt zwar für Bauchschmerzen bei so manchem Traditionalisten, aber auch für Grübeln bei so manchem bisherigen BMW-Meider. Also im Grunde eigentlich wie immer. Die R ist tot, es lebe die neue R.

Stilprägend ist dabei sicher der neue Scheinwerfer. Geteilt von der knochenförmigen (optionalen) Tagfahrlicht-Einheit nimmt er tatsächlich Elemente von der Concept Roadster auf. Durch die konventionelle Upside-Down-Gabel und den Wegfall des Telelevers wirkt die Front wesentlich aufgeräumter und leichter. Dies setzt beim schmaleren Tank und dem ebenso zierlicheren Heck fort. Modern und leicht statt stämmig. In Möbeln ausgedrückt: offenes Regalsystem statt stabiler Schrankwand. Das Erstaunliche dabei ist das die Ergonomie fast unverändert ist. Sitzhöhe, Abstand zu Lenker und Fußrasten sind laut BMW weitgehend identisch. Dennoch ist man auf der neuen R1200R nicht so im Motorrad fixiert wie bei der Vorgängerin. Der Fahrer hat gefühlt mehr Platz und Bewegungsfreiheit.  Lediglich der Kniewinkel fühlt sich etwas spitz an. Selbst kleinere Fahrer bereuten es bei den Testfahrten nicht doch die optional höhere Sitzbank gewählt zu haben.

BMW R1200R 08

Der Rest ist typisch BMW. Die Testfahrzeuge sind voll ausgestattet und haben alles an Bord was für Geld zu haben ist. Dennoch ist die Bedienung sehr intuitiv und ohne Studium des Handbuchs möglich. Da fragt man sich schon wieso dies andere Hersteller einfach nicht so gut in den Griff kriegen. Wenn wir schon bei Ausstattung sind, widmen wir uns der mal intensiv. Pflichtoption ist für uns ganz klar Dynamic ESA, wieso ist später zu lesen. Wie üblich packt BMW die wichtigsten Optionen in Touring- (1.430 Euro) und Dynamic-Paket (745 Euro). Mit beiden ist man auf der sicheren Seite und hat alles was man braucht an Bord: Touring beinhaltet Dynamic ESA, Bordcomputer Pro, Kofferhalter, Hauptständer, Gepäckbrücke und Tempomat. Dynamic hat Fahrmodi Pro, Traktionskontrolle DTC, Windschild Sport, LED-Blinker und das schicke Tagfahrlicht drin. Dies drückt dann allerdings auch ordentlich auf den Preis. Der Einstieg für die R1200R geht bei 12.800 Euro los, mit beiden Paketen kommt man insgesamt auf 14.975 Euro. Ob angemessen oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Immerhin sind im Preis Ausstattungsdetails drin, die es bei den meisten Konkurrenten erst gar nicht gibt. Nimmt man beispielsweise eine Ducati Monster 1200 S zum Vergleich, sind für die Italienerin auch 15.990 Euro zu berappen.

Antrieb BMW R1200R

Da isser ja. Mittlerweile ist der Wasserboxer ja ein alter Bekannter. Hat die weniger guten Manieren des ersten Jahres dank mehr Schwungmasse längst abgelegt und ist wie geschaffen für den Einsatz in einem sportlichen Roadster. Auch in der R1200R bringt es der Zweizylinder auf 125 PS und ebenso viele Newtonmeter. Ganz niedrige Drehzahlen mag er nicht wirklich, dafür entwickelt er in der Mitte einen unglaublichen Druck. Perfekt für die Landstraße. Jeder Bewegung am Gasgriff wird unmittelbar in Schub umgesetzt, dabei ist die Leistung sehr fein dosierbar. Die Drehfreude ist zwar deutlich besser als beim Vorgänger, bei einem solch vehementen Vortrieb in der Mitte hält man die Drehzahl jedoch automatisch in diesem Bereich.

Störende Vibrationen sind kein Thema, dennoch ist der Boxer keine Nähmaschine. Er brummt hörbar, hat ein deutlich vernehmbares mechanisches Eigenleben, geht einem jedoch nie auf den Geist. Kennt man ja schon von der 1200er GS und der RT. Das Getriebe hat bei unserem Testexemplar – fast möchte man sagen ausnahmsweise – sehr gut seine Arbeit erledigt. Die Schaltung funktioniert einfach und zuverlässig, bis auf das eine oder andere Schaltgeräusch kein Anlass zur Klage. Da hatten wir schon andere Kandidaten. Alles in allem ein sympathischer Geselle mit kräftiger Statur und etwas hemdsärmeligen Manieren – ein Boxer halt.

BMW R1200R 04

Fahreindruck R1200R

Die Vorgängerin war insgesamt recht bieder, dennoch gern gesehen. Die Gesamtauslegung durchaus flott, aber eher ein Fall für komfortorientierte Fahrer. Unter einem Roadster versteht man im Allgemeinen etwas anderes. Sportlich und knackig sollte es sein, reduziert auf das Wesentliche. Das diese Reduzierung spätestens bei der optionalen Ausstattung ein Ende hat, haben wir ja bereits behandelt. Bleibt also sportlich und knackig. Und hier können wir einen großen Haken setzen. Unsere R1200R ist wie üblich mit allen wichtigen Features ausgestattet, vor allem mit Dynamic ESA und den Fahrmodi Pro. Die Fahrwerksauslegung ist deutlich straffer geworden, vorbei sind die Zeiten wo trotz Einstellung Sport ESA viel zu weich arbeitete. Das macht die R1200R beileibe nicht zu einem Brett auf dem sich allenfalls ein Fakir wohlfühlt. Front und Heck federn und dämpfen fast alles weg was die Straße zu bieten hat ohne spürbar zu pumpen oder zu bocken. Dazu fühlt sich die Front viel leichter an, lässt sich die BMW sehr leicht und präzise einlenken. Zwar taucht die Front im Gegensatz zur alten Telelevergabel beim Bremsen ein, zum Ausgleich hat man deutlich mehr Gefühl für das Vorderrad.

BMW R1200R 05

In Summe führt dies zu unglaublichem Fahrspaß auf der Landstraße. Spielerisch lässt sich die R1200R in Schräglage bringen, lässt dabei hohen Speed zu und ist weitgehend unbeeindruckt vom Zustand der Fahrbahnoberfläche. Und wenn man dann am Kurvenausgang den Hahn spannt und den Boxer abfeuert, wird selbst der Grinch zum Grinsekopp. Nicht nur der Schub sorgt für die entscheidend positiven Gefühle in der Magengegend, auch der Sound stellt die Härchen auf dem Unterarm aufrecht. Das mag in Summe so manchen alteingesessenen BMW-Fan zwar abschrecken, macht die Marke und vor allem die R1200R für ein breiteres Publikum interessanter. Zumal die Ergonomie sowohl für längeren Einsatz als auch für 2-Personenbetrieb ausgelegt ist. Lediglich in Sachen Windschutz müssen (gattungs-bedingte) Abstriche gemacht werden. Wer auf Wetterschutz steht und nicht mit einer R1200RT durch die Umwelt pflügen will, muss sich halt noch ein wenig gedulden. Die sportlichere R1200RS steht ja schon in den Startlöchern.

Fahrerausstattung: Helm X-Lite X-802R, Jacke Stadler Supervent II Pro, Hose Stadler Ace II Pro, Stiefel Vanucci RV7