MV Agusta F4 Brutale Oro

MV Agusta F4 Brutale Oro


Blick zurück nach 2001

Verlangen hat mit Vernunft nichts zu tun. Diese unverhüllte Signorina fordert ungeniert zur Sünde auf, weckt Besitzgier. Doch attenzione – man sollte wissen, was man tut, wenn man sich mit der Brutale einlässt.

Der Name Brutale, den MV Agusta für das neue Naked Bike gewählt hat, klingt keineswegs verlockend. Die Stimme des Motors schon. Den italienischen Vierzylinder als wohlklingend zu bezeichnen, würde bedeuten, zu untertreiben. Wer jemals eine F4 hat singen hören, der ahnt bereits, was die Italienerin so draufhat. 

Aber die Brutale hat neben der Akustik natürlich noch mehr Verwöhnaroma zu bieten. Zum Beispiel in puncto Optik: siehe die beiden Schalldämpfer mit gekreuzten und kompensierten Kammern, die an der vorderen rechten Seite entlangdefilieren und den Vorzug haben, auch noch schön auszusehen (im Sinne, dass es bis dato noch nichts Ähnliches bei einem in Serie gefertigten Motorrad gegeben hat). Eine auffallende Note verleihen der MV auch die Ansaugöffnungen, die seitlich am hinteren Teil des Tanks platziert sind – perfekt ins Design integriert und durch eine qualifizierende metallene Retina geschützt. Sie verschaffen der Airbox Frischluft und dämpfen das Ansauggeräusch auf ein vertretbares Maß. Die Wirkung ist so, dass die Brutale reibeisenartig rau wie Gianna Nannini klingt. 

Sobald die Drehzahlmessernadel die 3000er-Marke überschreitet, fährt die Signorina aus der Haut und brüllt plötzlich aus schierer Lust los. Beschleunigen, schalten, abbremsen – alles funktioniert mit blitzschneller Präzision.

Die Tatsache, dass der erste und der sechste Gang verkürzt worden sind, steigert das Grand-Prix-Feeling auf der Brutale. Nicht so sehr wegen der Zügigkeit, mit der der Agusta-Motor auf Hochtouren kommt, sondern wegen des maschinengewehrartigen Vorspringens der Gänge beim schnellen Herunterschalten (keine Sorge deswegen, man munkelt, dass diese 750er auf jeden Fall die 250-km/h-Marke überschreitet)

Kurz und gut – es ist nicht schwer zu kapieren: Bei dieser ersten Kostprobe kommt uns die Brutale wie eine perfekte Joy-Maschine vor, mit kristallklarer Botschaft und einem Motor wie Dynamit. Im Gegensatz zu vielen vergnüglichen Konkurrenten ist sie trotz aller Präzision ein Rennpferd, in der Gang- und Wesensart identisch mit der F4-Familie, wenn man mal absieht von funktionalen Beigaben wie den Halterungen des Gepäckträgers – er hat einen völlig anderen Verlauf als bei der normalen F4 – oder dem Hinterteil, über dessen Ästhetik die Redaktion im Werturteil zwiegespalten ist.

Die Reize des Gitterrohrrahmens, des superkompakten Triebwerks und der raffinierten Einzelbauelemente werden schamlos zur Schau gestellt und verwöhnen das Auge des Betrachters durch ihr  elegantes Zusammenspiel. Absolut abgefahren. Was will man mehr? 

Eine schnelle Spritztour? Seid ihr bereit? Stibitzen wir doch einfach ein „nicht definiertes“ Exemplar von den Herren der CRC, um euch zufrieden zustellen. 

Die Brutale gibt sich im Vergleich zur kielgeholten Schwester namens F4 auf der Straße ganz  anders. Der Platz an Bord ist nicht gerade reichlich, und größere Fahrer beschweren sich über die begrenzte  Sitzbanklänge, die ein erwünschtes Zurückrutschen nicht erlaubt. 

Der Rest fügt sich harmonisch in die beschriebene Perfektion ein: der vollendet gut geschnittene Tank passt zum schmächtigen Aufbau in beispielhafter Art und Weise. Somit wird ein subtiler Aspekt geschaffen, ohne sogleich die Option auf eine sportliche Fahrweise zu kompromittieren. Wenn die Beine eine Position vergleichbar mit der auf der F4 einnehmen – sportlich, aber nicht unbequem –, ändert sich die Position der Arme wegen der weitläufigen und kaum erhöhten Lenkgriffe entschieden. Daraus resultiert ein Gefühl des einfachen Händelns, die Brutale wirkt fast wie ein Fahrrad im Schritttempo. Sie ist erstaunlich gut ausbalanciert und zeigt ein spontanes Reaktionsvermögen – allzeit bereit, blitzschnell auf die Befehle des Fahrers zu reagieren und sich wie Ferraris cavallo rampante spontan aufzubäumen, wenn der Reiter den Gashahn heftig aufdreht. Die Reaktionen der Brutale sind im wahrsten Sinne brutal. Einerseits wegen der kurzen Übersetzung, andererseits wegen der präzisen Einstellung des Motors. 

So präsentiert sich das neue Naked Bike von MV Agusta als ein ganz heißes Eisen – superschnell im Kurveneinlauf und absolut blitzartig im Auslauf. Hinzu kommen promptes Aufrichten und Kursändern. Kritik trifft die Reifen. Die Dunlop D207 RR lassen jene Feinfühligkeit vermissen, wie sie die Maschine verlangen darf. Die Brutale wird nicht vor Ende 2001 in den Verkauf kommen, es bleibt also noch Zeit für Modifikationen. 300 (bereits georderte) Exemplare der „Gold“-Serie werden angefertigt. Das Stück für je 57.000 Mark. 

Die Normalo-Brutale wird einen dicken Batzen weniger kosten – rund 27.000 Mark. Kein brutaler, ein konkurrenzfähiger Preis  angesichts der Exklusivität von Marke und Modell.

Text: Thilo Kozik

Bilder: Hersteller

Motor  Reihenvierzylinder
Ventile  Vier 
Ventilsteuerung   dohc, Kettentrieb, Tassenstößel
Hubraum   749 ccm 
Bohrung/Hub   73,8/43,8 mm 
Verdichtung  12,0:1 
Gemischaufbereitung  Elektr. Saugrohreinspritzung 
Leistung   126 PS (93 KW) 
bei Drehzahl   12.000 U/Min 
Drehmoment  75 NM 
bei Drehzahl   10.500 U/Min 
Rahmen   Gitterrohr Stahl 
Federung vorn  USD-Gabel 
Federung hinten   Zentralfederbein 
Federweg vorn/hinten   118/120 mm 
Reifen vorn  120/65 ZR17 
Reifen hinten   190/50 ZR17 
Trockengew.   179 kg 
Tankinhalt  20,0 l