BMW F800R 2015 – Fahrbericht

BMW F800R 2015 – Fahrbericht


Bayerischer Einstiegs-Roadster

BMW überarbeitet die F800R, obwohl deren letzte Renovierung noch gar nicht so lange zurück liegt. Dennoch ist es tatsächlich lediglich ein Facelift und kein neues Modell, auch wenn die geänderte Lampeneinheit dies auf den ersten Blick suggeriert. Sei’s drum. Hat sich ja dennoch einiges getan – fast alles zum Guten.

Es gibt deutlich Schlimmeres als Ende Januar im Rahmen des BMW Motorrad Testcamps die neue F800R zu fahren. Während die Heimat grau, nass und kalt ist, sitzt der Herr Motorradtester auf BMW’s kleinstem Roadster und „arbeitet“ sich mit der 800er um die mannigfaltigen Kurven im Hinterland von Almeria. Andalusien bietet so ziemlich alles was die Herzen von Motorradfahrern auf Frequenz bringt. Von Passfahrten mit unzähligen engen Kehren bis zu Kurvengeschlängel aller Radien – und alles bei besten Straßenverhältnissen und einer Verkehrsdichte wie am Heiligabend in der Provinz. Nicht zu vergessen: blauer Himmel und Temperaturen von bis zu 20 Grad (alle auf einmal!). Und was soll man sagen. Die BMW F800R ist geradezu geschaffen für einen solchen Ausflug.

Änderungen BMW F800R

Vorne sitzt jetzt ein symetrischer Scheinwerfer, der schiefe Doppelblick ist glücklicherweise Vergangenheit. Wenn einem die Lampe bekannt vorkommt, liegt man gar nicht so falsch. Der Reflektor stammt von der Nuda 900. Mehr hat die F800R leider nicht geerbt, dazu später mehr. Bleiben wir bei der Front, hier federt jetzt eine Upside-Down-Gabel und die Bremssättel der Doppelscheibenbremsen sind nun radial montiert. Am oberen Ende der Front gibt es jetzt einen neuen, deutlich weniger gekröpften Lenker. Der soll zusammen mit der neuen Sitzbank und den um jeweils 10 mm weiter vorn und unten montierten Fußrasten die Ergonomie ein ganzes Stück nach vorne bringen. Die Sitzhöhe ist um das gleiche Maß reduziert und liegt jetzt bei 790 mm. Zusätzlich gibt es noch eine niedrige Sitzbank (770 mm) und eine Komfortsitzbank (820 mm). Ab Werk kann die beiden Varianten ohne Aufpreis geordert werden. Gleich geblieben ist der Preis: wer mit der neuen F800R liebäugelt, muss seine Sparwutz um 8.900 Euro erleichtern.

Antrieb F800R

Auch der Motor kam nicht ungeschoren davon. BMW spricht von überarbeiteter Motorabstimmung und hat 3 PS gefunden. Insgesamt 90 Pferde mobilisiert der 798 Kubik große Reihentwin. Das Drehmoment kommt auf 86 NM bei niedrigen 5.800 Umdrehungen. Um es kurz zu machen, wir haben keinen gravierenden Unterschied festgestellt. Schade eigentlich, denn den famosen Twin aus der Nuda hätte wohl jeder gerne in der BMW wieder entdeckt. Die F800R ist dennoch wirklich gut motorisiert, der Durchzug geht in Ordnung, sie lässt sich weitgehend schaltfaul bewegen. Ab 5.500 Umdrehungen nimmt der Schub spürbar zu, allerdings auch die Vibrationen und die Klangkulisse. So mutig BMW in Sachen Sound in jüngster Vergangenheit ist, so enttäuscht ist man hier. Zur Wahrnehmung zählt halt nicht nur die gefühlte Beschleunigung, die passt durchaus. Aber der gequälte, schnarrende Sound, Vibrationen und mechanische Lebensäußerungen geben einem nicht gerade das Gefühl dass sich der Antrieb im Wohlfühlbereich befindet. Schade eigentlich, denn bei besagter Drehzahlgrenze beginnt die Spaß- und Sportzone.

BMW F800R 07

Neben der „überarbeiteten“ Motorabstimmung, ist auch die Getriebeübersetzung angepasst worden. Die Gänge Nummer Eins und Zwei sind jetzt kürzer übersetzt, speziell der 2. Gang taugt damit auch für ganz enge Kehren. Ohne Mucken zieht er auch bei etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit aus der Kehre, braucht dann aber eine Gedenksekunde um die F800R wieder forsch anzuschieben. Wer es eilig hat, sollte daher auf den ersten Gang zurückgreifen. 

Fahreindrücke BMW F800R

Die Änderungen an Lenker, Sitzbank und Fußrasten sind echt gelungen. Speziell der geradere Lenker sorgt für Wohlgefallen. Normal gewachsene Mitteleuropäer sollten gleich zur hohen Sitzbank greifen. Dann ist der Kniewinkel entspannt und es lässt sich den ganzen Tag gut auf der BMW aushalten. Kleineren Mitmenschen sei die Standard- oder die niedrige Sitzbank nahegelegt. Instrumente und Bedienung sind unverändert und damit auch leicht bedienbar und verständlich.

BMW F800R 05

Auf der Straße ist die F800R eine absolute Wucht. Komfortabel, Spurstabil und mit jeder Menge sportlichem Talent gesegnet. Die Ergonomie passt auch für lange Strecken, wobei der Windschutz natürlich auf der Strecke bleibt. Man fühlt sich auf Anhieb wohl und gut im Motorrad zu recht. Ja, im Motorrad. Die Stunde der BMW schlägt aber dann so richtig, wenn es nicht mehr nur geradeaus geht. Ob schnelle Richtungswechsel, enge Kehren, langgezogene Kurven – die F800R begeistert mit einem unglaublich leichten Handling. Dabei wirkt sie zu keinem Zeitpunkt kippelig oder nervös. Im Gegenteil: dank der guten Lenkpräzision zieht sie die eingeschlagene Richtung wie an der Schnur gezogen. Selbst plötzliche Lenkeingriffe in Schräglage bringen sie nicht aus der Ruhe. Das Zauberwort lautet mal wieder ESA. Die elektronische Fahrwerkseinstellung hat für jeden Bedarf das richtige Programm. Normal deckt so ziemlich alles ab, Komfort nimmt üblen Straßen den Schrecken und mit Sport kann man es richtig fliegen lassen. Die 90 PS reichen dabei locker aus.

BMW F800R 06

Die F800R ist wie geschaffen für Traumstraßen wie die Alto de Velefique in der Nähe von Tabernas. Die schraubt sich mit unzähligen Kurven und Kehren aller Art auf knapp 2.000 Meter. Bei den Vergleichsfahrten waren auch eine R nineT und eine S1000R mit am Start. Beide konnten weder ihr Plus an Leistung ausspielen, noch ließ ihnen die F800R in den Kehren den Hauch einer Chance. Oft gesagt und in diesem Fall mal wieder belegt: manchmal ist weniger halt mehr. 

Fahrerausstattung: Helm HJC RPHA10, Jacke Vanucci Tempus IV, Hose Held Jeans Fame II, Schuhe Büse B58