Yamaha XJR 1300 / Racer - Fahrbericht

Yamaha XJR 1300 / Racer - Fahrbericht


Too old to Rock’n’Roll, too young to die

Yamaha präsentiert die neue XJR 1300 gemeinsam mit der Rakete namens R1 im fernen Australien. Auch wenn in Sachen Motorrad in der Regel der Weg das Ziel ist, gilt dies in keinem Fall für laaaange Flugreisen. Vor allem nicht wenn das Gepäck inklusive Motorradklamotten und Helm sich ein anderes Ziel gesucht hat. Aber am Ende ist dann doch alles gut. Gepäck rechtzeitig geliefert und Tester doch glücklich.

Vor dem Hotel wartet die XJR 1300 auf uns und steht da wie ein unverrückbares Monument der Motorradgeschichte: Auch die 2015er-Ausgabe bewahrt die über Jahrzehnte gewachsene muskulöse Linie, die den mächtigen luftgekühlten Vierzylinder ins Zentrum rückt. Gegenüber der bisherigen XJR fällt das kurze Heck auf, bei dem durch Weglassen der hinteren Unterzüge gleich mal 10 Zentimeter „weggechoppt“ wurden. Passend dazu vermittelt eine klassisch geschnittene Sitzbank die flüchtige Anmutung eines Solositzes. Zu dieser sportlichen Aufmachung im Siebziger-Jahre-Stil passen die Seitenabdeckungen aus poliertem Aluminium mit einem filterähnlichen Drahtgeflecht-Einsatz, die als Reminiszenz an die 'Production Racer' wie Startnummerntafeln aus einem der damals populären Superbike-Rennen wirken.

Beim Aufsitzen dann die nächste angenehme Überraschung: Trotz meiner Durchschnittskörperlänge von 174 cm greife ich völlig relaxt an den konischen, angenehm breiten Alu-Lenker. Bei aufrechtem Oberkörper hat die Haltung was vom an den Hörnern gepackten Stier, durch den deutlich verschlankten Tank bekomme ich mit sattem Knieschluss ein gutes Gefühl für das Motorrad – bei der Vorgängerin musste man sich noch weit über den Tank nach vorn spannen und saß viel mehr auf als im Motorrad. 

Yamaha XJR 1300 2015: optisch schlank und erstaunlich leise

Beim Anlassen dann aber eine kleine Enttäuschung: Der so kraftvoll inszenierte Vierzylinder mit klassisch verrippter Luftkühlung trötet eher unscheinbar aus dem langen, megaphonartigen Schalldämpfer. Auch das unterfrequente Wummern im Stand und beim vorsichtigen Gaszupfen, das dem Treiber mit Vorfreudekribbeln die Macht des Aggregats suggeriert, ist verschwunden – das Triebwerk wurde über ein ausgeklügeltes Lagersystem in den Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen eingebettet, so dass kaum mehr Vibrationen beim Fahrer ankommen. Erst höhere Drehzahlen entlocken der tiefschwarzen 4-in-2-in-1-Auspuffanlage einen adäquaten Sound.

Yamaha XJR 1300 2015 06

Mit typisch lautstarkem Klonk rastet die erste der fünf Gangstufen ein, die leichtgängige Kupplung gibt den Kraftschluss zum Hinterrad frei und los geht's. Geschmeidig tritt der Riese an, gut kontrollierbar und harmonisch entwickelt der dohc-Reihenvierer seine Kraft bis zum Leistungsgipfel von 98 PS bei 8000/min. Das ist weniger imposant als die 108 Nm Drehmoment, die der Big Block bei 6000 Touren auf die Kurbelwelle wuchtet. Wer höher dreht, erntet das bekannte Schnarren aus dem Ventiltrieb, das die XJR seit ihrer Auflegung 1995 begleitet.

XJR 1300 – komfortabel und mit guten Bremsen, leider ohne ABS

Über die mattsilbern gefinishte Lenkstange lässt sich das 240 Kilo schwere Teil erfreulich exakt über die gewundenen Straßen der Blue Mountains im Süden der australischen Metropole dirigieren. Bei mittleren Drehzahlen und sanften Bögen setzt ein Kurvenflow ein, der nach kurzer Zeit schon süchtig macht. Entspannt, und dennoch stets mit ausreichend Druck am Hinterrad surft es sich durchs Hinterland. Angenehm neutral fährt das Dickschiff durch die Ecken und verlangt nicht allzu viel Kraft zum Einlenken, der Agilität hat die Überarbeitung samt verbindender Ergonomie ganz klar gut getan.

Zur komfortablen Fortbewegung tragen auch die Federelemente bei: Die Standrohre der Gabel sind DLC-beschichtet (Diamond-like Carbon) und sprechen reibungsarm sehr sensibel an, auch die beiden Stereo-Federbeine von Öhlins am Heck agieren feinfühlig. Beide sind komplett einstellbar, weshalb ich die Hinterhand in Zugstufe und Federbasis etwas absofte. Das macht die Fuhre noch komfortabler, ändert aber nichts daran, dass die XJR wie aus dem Vollen gefräst wirkt und die Federwege alsbald aufbraucht – auf welligen Abschnitten leitet das Heck kurze, trockene Stöße ans Rückgrat weiter.

Yamaha XJR 1300 2015 02

Ein Genuss ist der Griff an den einstellbaren Bremshebel – dieser wird mit einem sehr klaren Gefühl für perfekte Dosierbarkeit und höchste Effizienz belohnt, mit denen die Yamaha für ein solch wuchtiges Bike vorbildlich stoppt. Allerdings: Die XJR muss ohne ABS auskommen. Die Japaner haben die teure Entwicklung gescheut, da noch nicht klar ist, ob der große Reihenvierer bei zukünftig verschärften Emissionsvorgaben noch homologierbar bleibt. 

Yamaha XJR 1300 Racer – was für die Kaffee-Fahrt

Mit wohlfeilen Anbauteilen wird aus der Standard-XJR die XJR 1300 Racer im authentischen Café Racer-Stil: Statt der Lenkstange sind zwei Stummellenker unterhalb der Gabelbrücke montiert, eine sportlich geschnittene Kohlefaser-Verkleidung und die kurze vordere Radabdeckung samt Höckerabdeckung für die Sitzbank – beide ebenfalls aus dem edlen Werkstoff – verleihen der XJR eine neue, sportlichere Attitüde – 1200 Euro mehr. Entsprechend sportlicher fällt die Ergonomie mit stärkerer Vorderradorientierung auf. Das fällt aber nicht unbequem aus, zudem kommt der XJR-Treiber dadurch in den Schutz der kleinen Lenkerverkleidung. Das Tüpfelchen auf dem i ist der schwarze Akrapovic-Slip-on-Schalldämpfer, der dem Ganzen die passende akustische Note verpasst und sportlich angefressene Naturen von einer Cup-Rennserie träumen lässt, in der die dicken XJRs in typischer Superbike-Manier um Punkte, Pokale und Ehre fighten.

Auf dem Rückweg durch die Rushhour von Sydney – die gibt es tatsächlich – offenbart der große Luftgekühlte eine wenig angenehme Hitzeabstrahlung an des Fahrers Beine. Und dass der auf 14,5 Liter verkleinerte Tank Einbußen bei der Reichweite mit sich bringt, ist nur logisch. Doch wer nach einem authentischen Retrobike sucht, das mit einem mächtigen luftgekühlten Motor und schnörkellosem Design eine starke Präsenz ausstrahlt, wird an der überarbeiteten XJR 1300 seine Freude haben. Und den klassischen Fahrspaß genießen, mit dem das Big Bike den ehrlichen Preis von 10.295 Euro zurückzahlt.

Text: Thilo Kozik

Fotos: Thilo Kozik / Yamaha