Aprilia Pegaso 650 Strada

Aprilia Pegaso 650 Strada


Da capo!!!

Nimm das mal, das geht easy wie ein Fahrrad-fahrendes Lutschbonbon, aber mit quickem Jubel-Motor…

Die können mir ja viel erzählen da beim Alle-Aprilias-Testen im Sauerland. Schließlich habe ich die schweren Kilo-Aggregate wie die wunderschöne RSV Mille und ihre nackte Freundin Tuono bei circa 5 Grad plus schon hinter mir, die Landstraßen-Cruiser mit den Tuttelbären-Motoren von Guzzi ebenso, da steht sich noch der kleine Löwenkopf unterm knapp sitzenden Lampengesicht auf seinen 17-Zoll-Felgen mit dem strahlendblauen OZ-Design der Mille und RS 125-Feger die Pirellis Diabolo platt. Geht doch nicht, also ran und mal laufen lassen, was die Aprilianer da Glauben machen wollen und so locker vom Stapel lassen. Okay, dass diese Sitzbank nur 78 Zentimeter schlanke Sitzhöhe haben soll, halte ich noch für ein Gerücht. Für die Großen gibt’s auf jeden Fall die 82-cm-Ausführung, aber erst mal aufgesessen, elektrisch gestartet und das wunderschöne Pegaso-Logo mit kurvenreichem Straßenabschnitt als Verheißung auf kommende Fahrten im Display betrachtet. Und dann los! Ab ins Kurven-Geschlängel des Sauerländer Dickichts, die Tuono mit dem Pabi als Buschmesser voran und anvisiertes Ziel, das den Jagdtrieb entfacht: Muss doch zu stellen sein, so ein fetter Twin-Motor. 660 Kubik gegen 1000er, ein Zylinder gegen zwei, aber mit einer noch schlankeren Silhouette und dem Fliegen-Körpergewicht der Pegaso von vollgetankt 190 Kilogramm. Potzblitz, der Vau-Zwei kann uns nicht abhängen, das fliegende Pony geht wie ein Rasiermesser durchs Kurvengeflecht und schwupp, sind wir dran vorbei am fetten Thunfisch.

Pabi argumentiert mit unruhigem Fahrwerk auf der holprigen Piste, der geflügelte Sendbote fahraktiver Geschmeidigkeiten lässt sich davon gar nicht beeindrucken. Schließlich gibt’s an Verstellmöglichkeiten gerade mal die Federbasis und Zugstufendämpfung am Sachs-Federbein. Die kräftige 45-er Gabel gar lässt sich gar nicht manipulieren, doch das Gesamt-Konstrukt mit dem robusten Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen bedarf keiner weiteren Erklärung am Supermoto-Lenker über seiner dreifach-angeklemmten Gabelbrücke: Alle Lenkimpulse werden wie gedacht in die Tat umgesetzt, alle Brems-Impulse von der perfekten Brembo-Einheit sicher eingehalten. Hurtig fliegst du mit dem flotten Pferdchen übers weite Land wie die Kurvensau, die respektlos an allen über-motorisierten Superbiklern vorbei in jede Spitzkehre vor deren Vorderrädern rein sticht wie der gierige Schweine-Rüssel in den Trüffel.

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Einer geht noch!

Dabei wisse: Der Einzylinder stammt nicht mehr wie die drei Baureihen vor diesem Modell seit seinem Debüt in 1990 (ehedem noch als Soft-Enduro präsentiert) von Rotax-Bombardier aus dem Österreichischen, wie er auch heute noch in der baugleichen, aber weitaus teureren BMW F 650 anzutreffen ist. Das quirlige Triebwerk für die moderne Strada erstehen die Aprilia-Mannen von den fernöstlichen Yamahanern, das aber, wen wundert’s, von Minarelli in Italien zusammengesetzt wird – und eben auch die Yamaha XT 660 und neuerdings die MT-03 antreibt. Deshalb stimmt die Zahlenangabe auf der neuesten Pegaso mit „650“ nicht mehr wirklich. Dafür hören die 48 PS flüssigkeitsgekühlt bei 6250 U/min alle einzeln auf ihren Namen, bollern den Kurzhuber leichtfüßig auf der diabolisch grip-reichen 110er Bereifung vorn und 150er hinten durch jedes noch so schroffe Straßengelände, ziehen dir zwischen 4000 und 6500 Drehzahlen emsig die Arme lang, sogar bis 175 km/h mit Rucksack-Gepäck, mögen aber nicht so gern dösigen Zockeltrab im unteren Touren-Bereich. Aber wer will schon dösen mit solch einem geschmeidig bedienbaren Fünfganggetriebe und bei der derartig leichtgängigen Kupplung, die einem im Angesicht vom emsig anreißenden Thunfisch leicht von den Fingern flutscht?

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Jagdsportbedarf

Also gut, dem Pony gehört noch mehr auf die Kauleiste gefühlt, das Krad kommt mit in die Heimat und sogar mit den Italo-Freaks vom Desmo-Volk auf die Rennstrecke Tor Poznan in Polen. Gerade zuhause angekommen, läutet erst mal das Display augenscheinlich neben all den Informationen des digitalen Zeitalters den nächsten Tankstopp dringend ein. Doch wo nur befindet sich der Einfüllstutzen? Der Ölmessstab günstig wie nie und nirgendwo sonst direkt vorm Lenkkopf angebracht bringt da nicht die richtige Eingebungs-Quelle. Ab zum nächsten Biker-Treff, die schönen Jungs werden’s schon herausfinden. Eine kleine Betriebsanleitungs-Bibel im geräumigen Staufach unter der ergiebig gepolsterten Sitzbank bringt zuerst nur mehr geistige Verwirrung. Computer-erfahrene Spiele-Freaks finden hier ein Paradies von Einstell- und Informationsmöglichkeiten per Joystick am linken Lenkerende: Neben dem analogen Drehzahlmesser verwandeln resche Mausklicks das Display in Distanz-Zählwerke oder Zeitenzähler, geben Auskunft über Betriebs-Befindlichkeiten oder aktivieren eine Wegfahrsperre (nein, bitte jetzt nichts Falsches eingeben…) und für die Werkstatt gibt’s auch noch ein Diagnose-Menü, alles in fünf verschiedenen Landessprachen – aber wo ist der Tank? Einer weiß es, drückt auf die Taste HINTER dem linken Lenkergriff, unter der leicht zu bedienenden Fernlicht-Leuchte… Simsalabim, die große Klappe über dem Tank springt auf wie eine Mini-Motorhaube, den entsprechend rot gekennzeichneten Sperrriegel entriegeln und schon offenbart sich ein genial eingerichtetes Staufach um den Tankdeckel drum herum.

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Gimmick perfekt! Nur bitte vorher die Zündung einschalten nicht vergessen! Nachdem der Sprit endlich seinen korrekten Weg findet, brausen wir los, böllert der gesellige Single durch die unters Heck formschön verfrachteten Edelstahltöpfe, teilt das italienisch gestimmte Aggregat bestens gelaunt wie im Flug die Kurvenwogen elastisch wie Jesus Brot und Fluten. Verflogen sind alle Mühen und Lasten halsstarriger Triebwerke, sogar als Leithengst geht der Pegaso bei den Instruktorenfahrten willig voran. Doch prüfe, wer sich ewig bindet: Besteht der Single auch die Soziusfahrten auf der Rennstrecke zum Abschluss unseres dreitägigen Renntrainings? Bernie als ellenlanger und erfahrener BoT-Fahrer (Battle-of-Twins-Rennen in den heißen 80iger Jahren) spielt wagemutig den Sozius und raus geht’s ins Revier zum Jagen. Gibbelnd wie die Nonne im Louis de Funes-Film mit ihm als Gendarm von Cannes und verschreckten Beifahrer im Deux Chevaux der Gottesfrau rasen wir über die schnelle Piste, zur Gaudi des Publikums. Selbst diesen Härtetest besteht der bello Aprilia Pegaso mit Bravissimo. Bitte lächeln, Amico, ti amo!

Text & Fotos: Sabine Welte

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