BMW/EMW R 35 - Klassiker

BMW/EMW R 35 - Klassiker


Der unverwüstliche Einzylinder aus München und Eisenach

Die industrielle Entwicklung in Eisenach begann schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wurde durch die zentrale Lage an wichtigen Verkehrswegen rasant beschleunigt. Ab 1898 produzierte die Fahrzeugfabrik Eisenach AG hier die ersten Automobile nach einer Lizenz der französischen Firma Decauville.

Bedingt durch die schwierige wirtschaftliche Lage nach dem ersten Weltkrieg fusionierte man 1921 mit der Gothaer Waggonfabrik. Um Entwicklungskosten zu sparen, entschlossen sich die Eisenacher zum Lizenzbau eines kleinen britischen Automobils, des Austin Seven, der Ende 1927 in die Produktion ging. Knapp ein Jahr später kauften die Bayerischen Motorenwerke die Fahrzeugwerke Eisenach und bauten zunächst die PKW-Produktion weiter aus. Sechs Jahre später entwickelte BMW dann selbstkonstruierte Fahrzeuge mit Sechszylindermotoren, die in Eisenach gebaut wurden. Inzwischen stellten die Münchner 1936 die neue BMW R 35 vor, die in technischer Hinsicht auf der R 4 der letzten Baujahre basierte. Für günstige 995,- Reichsmark erwarb der Volksgenosse ein überdurchschnittlich zuverlässiges Motorrad, das bis zu seiner Einstellung im Jahre 1940 genau 15.654 mal in München produziert wurde.

Kriegsgüter

Mit Beginn des 2. Weltkrieges bescherte die Rüstungsproduktion allen zivilen Projekten allerdings ein jähes Ende. Jetzt fielen Flugmotoren, Minenwerfer, Sturmgeschütze und Aggregate für V-Waffen und Strahltriebwerke von den Bändern des Werkes in Eisenach. Zusätzlich hatte BMW mit dem Beginn der massiven Luftangriffe durch die Aliierten 1942, die komplette Motorradproduktion - und damit auch die Fertigungseinrichtungen sowie das Ersatzteillager der schon vorher eingestellten R 35 von München nach Eisenach verlagert. Im Krieg wurde auch dieses Werk durch alliierte Luftangriffe zu 60 Prozent zerstört, aber die ausgelagerten Werkzeugmaschinen überlebten das Kriegsende weitgehend unbeschadet. Am 3. Juli 1945 übernahm aufgrund der Beschlüsse von Jalta, die Sowjetarmee das Werk von den abrückenden Amerikanern. Aufgrund seiner Einstufung als Rüstungsbetrieb sollte es eigentlich demontiert werden. Aber Oberingenieur Siedler bekam von den Sowjets den Befehl, Motorräder zu bauen. Die Ersten aus dem ausgelagerten Ersatzteillager und mit geretteten Werkzeugmaschinen gefertigten Motorräder gingen zum Test nach Moskau, mit dem Resultat, dass die Motorradfertigung per Befehl aufrecht erhalten werden konnte. Leider war die Gefahr der Demontage damit immer noch nicht gebannt. Die Eisenacher schickten eine Delegation zum Chef der Sowjetischen Militäradministration, General Schukow und schenkten ihm den letzten intakten BMW 321 PKW mit dem Versprechen, innerhalb einer Woche fünf weitere zu liefern. Unter unsäglichen Strapazen konnte der Termin gehalten werden. Als Folge dieser kleinen Bestechungsaktion erließ die Sowjetische Militäradministration am 13. Oktober 1945 den Befehl Nr. 93, nachdem in Eisenach 3.000 BMW PKW 321 und ebenso viele Motorräder R 35 im Jahr für den Export in die UDSSR produziert werden sollten - das Werk war damit gerettet.

BMW EMW R 35 03

Sowjetische Aktiengesellschaft

Am 15. September 1946 gliederte man das Werk in die Sowjetische Aktiengesellschaft Awtowelo ein und produzierte als SAG Werk BMW Eisenach zunächst ausschließlich Fahrzeuge für Reparationsleistungen. Bereits 1947 konnten mehr als 2.500 R 35 ausgeliefert werden. Zwei Jahre später rollten schon über 4.000 Einzylinder vom Band. Bald standen die ersten BMW R 35 zum Preis von 2.290,- DDR-Mark in den Verkaufsräumen der staatlichen Handelsorganisation HO und konnten von gesellschaftlichen Bedarfsträgern erworben werden. 1949 gelangten die ersten Eisenacher Fahrzeuge unter dem Markennamen BMW in den kapitalistischen Westen. BMW München reagierte mit diversen Prozessen gegen Händler und Importeure und bekam schließlich die Markenrechte zugesprochen. Da der devisenträchtige Export gefährdet war, entschloss man sich in Eisenach zur Umbenennung des Werkes in EMW, Eisenacher Motorenwerke. Der stilisierte Propeller wechselte von den Farben weißblau auf weißrot. Unser Einzylinder-Motorrad erhielt im Juli 1951 die Bezeichnung EMW R 35-2. Der Nachfolger R 35-3 erschien ab April 1952 . Inzwischen konnten auch Privatkunden ohne Bezugsschein die R35-3 in der DDR für 2.480,- DDR-Mark kaufen. Ab dem 5. Juli 1952 firmierte das Werk dann als volkseigener Betrieb unter VEB IFA Automobilwerk EMW Eisenach. Inzwischen produzierte man in Eisenach jährlich mehr als 16.000 Einheiten, bevor im Jahr 1955 die Produktion des im Grunde zwanzig Jahre alten Motorrades eingestellt wurde, um größere Kapazitäten für den Automobilbau zu schaffen. Insgesamt verließen rund 83.000 R 35 von 1945-1955 das Eisenacher Werk. Ein in zwei oder drei Prototypen realisiertes Nachfolgemodell mit gedämpfter Teleskopgabel und einer Hinterradschwinge mit zwei Stoßdämpfern, das optisch und technisch durchaus in die Zukunft wies, verschwand in der Versenkung.

BMW EMW R 35 04

Schon bei ihrer Vorstellung 1936 wirkte die neue R 35 wie eine alte Bekannte. Den Pressstahlrahmen kannte man von der R4, das Motorrad war jetzt aber im Gegensatz zur R 3 und R 4 nicht mehr seitenwagentauglich. Im Steuerkopf steckte im Gegensatz zum Vorgänger mit seiner Blattfederkonstruktion eine ungedämpfte Teleskopgabel, das Hinterrad war weiterhin ungefedert. Auch Motor und Getriebe glichen der R 4, wobei die R 35 trotz geringerem Hubraum mit 14 PS die gleiche Leistung abgab. Die Gemischaufbereitung besorgte ein 22-Millimeter-SUM-Vergaser mit einem ungewöhnlichen, horizontalen Schiebergehäuse. Für den Kraftfluss zum 19-Zoll-Hinterrad war BMW-typisch eine Einscheiben-Trockenkupplung, ein klauengeschaltetes Vierganggetriebe, eine gummigedämpfte, offenlaufende Kardanwelle und ein Winkelantrieb verantwortlich. Geschaltet wurde per Hand mit einem Hebel auf der rechten Tankseite und für die Verzögerung waren Halbnabenbremsen zuständig. Der Tank hatte ein Fassungsvermögen von 12,5 Liter.

BMW EMW R 35 14

Verschweißt statt vernietet

Nach der Wiederaufnahme der Produktion der R35 in Eisenach kam die Elektrik der Maschine bald nicht mehr von Bosch sondern aus dem nahegelegenen Ruhla. Den Vergaser fertigte die Berliner Vergaser Fabrik (BVF). Wie die BMW R 35 hatte auch die EMW einen geschlossenen Rahmen aus zwei Stahlpressteilen mit U-förmigem Querschnitt, die durch drei genietete Querträger verbunden waren. In Eisenach wurde der Rahmen nur in der ersten Zeit vernietet, danach verschweißt. Trotzdem die BMW R 35 nicht für den Seitenwagenbetrieb ausgelegt war, bauten die Eisenacher Gespanne mit dem wenig modifizierten Rahmen. Problemen mit der Seitenstabilität trat man später durch eingeschweißte Rahmenverstärkungen entgegen, die bei älteren Modellen auch nachträglich vorgenommen werden konnten. Eine grundlegende Modellpflege fand erst mit der 1952 vorgestellten EMW R 35/3 statt. Die Teleskopgabel war jetzt mit einer Öldämpfung aufgewertet und durch die neue Anbringung des Vorderradkotflügels an den Gleitrohren verbesserte sich nebenbei die Kühlung des Motors. Das bisher ungefederte Rahmenheck wurde mit einer Geradwegfederung versehen. Das Getriebe konnte per Fuß betätigt werden, gleichzeitig machte ein kleiner Handschalthebel auch die Betätigung mit der Hand möglich.

Technische Daten EMW R35/3 Bj. 1952-55

Motor: Luftgekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, Kurbelwelle längsliegend, eine kettengetriebene untenliegende Nockenwelle, zwei über Stößel, Stoßstangen und Kipphebel angesteuerte Ventile, unterbrechergesteuerte Batteriezündung, 1 SUM oder BVF-3-Düsen-Vergaser mit Luftfilter, KickstarterHubraum: 342 ccmLeistung: 14 PS bei 5.250 U/minMax. Drehmoment: 20 Nm bei 3.000 U/minVerdichtungsverhältnis: 5,5 : 1Höchstgeschwindigkeit: ca. 110 km/hKraftübertragung: Primärantrieb über Zahnräder, per Bowdenzug betätigte Einscheiben-Trockenkupplung, per Fuß und Hand schaltbares Vierganggetriebe, hardyscheibengedämpfte Kardanwelle und Winkeltrieb zum Hinterrad.Fahrwerk:. Pressstahlrahmen, vorn progressive, ölgedämpfte Teleskopgabel mit 90 mm Federweg, hinten progressive, ölgedämpfte Geradwegfederung mit 80 mm Federweg, zwei einstellbare FedersättelBremsen: vorn per Bowdenzug betätigte160 mm-Trommelbremse, hinten per Gestänge betätigte 180 mm-Trommelbremse.Räder: Drahtspeichenräder mit Stahlfelgen, gekröpfte Speichen, vorn und hinten 2.15 B x 19Bereifung: Vorn und hinten 3.50 x 19Elektrik: 6 V, Gleichstromlichtmaschine 45/60 W, Batterie 7 AhTankinhalt: 12 LiterVerbrauch: ca. 3,5 Liter verbleites Normalbenzin auf 100 km FahrstreckeSitzhöhe: 750 mmGewicht: betriebsfertig 170 kgZuladung: 195 kgPreis: 2.480,- Mark der DDR

Garantie: zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung

Text: Bernd Zimmermann

Fotos: Archiv Andy Schwietzer