Kawasaki ZX-10R

Kawasaki ZX-10R


Ultimate-Track-Tool

Pünktlich zum Nikolaus springen wir in unsere Stiefel und folgen dem hell am Horizont leuchtenden Morgenstern in die Wüste des Abendlandes, wo giftgrüne Kostbarkeiten aus Fernost schon sehnsüchtig auf die drei Reiter aus Germanien warten. Statt tausendundein gesattelte Kamele, gibt’s satte zweihundert Ram Air aufgeladene Pferde als Belohnung.

Zwei Tage volles Rennstreckenprogramm auf dem Moto-GP Kurs von Losail vor den Toren von Katars Hauptstadt Doha sind angesetzt um der brandneuen Kawasaki ZX-10R Ninja auf Motor, Fahrwerk und Reifen zu fühlen. Um’s Wetter muss man sich hier- (also eher dort-)zulande wahrhaftig keine Sorgen machen. Die Wüste ist eh trocken wie ein Furz und die Temperaturen liegen irgendwo bei 30 Grad Celsius. Winter eben. Am Persischen Golf!

Superbike-WM oder WAS?

Leicht benommen noch von der späten Anreise und dem märchenhaften Ambiente zwischen Palmen, Scheichs und verschleierten Jungfrauen, stolpern wir mit arabischen Köstlichkeiten zwischen den Zähnen in die Pressekonferenz im fünften Stock über der Boxengasse, wo der niederländische Rädelsführer von Kawasaki Europa uns gleich die 200 PS Faust in den Magen rammt. Wer sich jetzt vor Bedenken krümmt, ob er denn diese Leistung unfallfrei wird verarbeiten können, kriegt gleich darauf noch das 179 Kilo Trockengewicht um die Ohren gehauen. Beim Barte des Propheten! Reden wir hier von einem Serienkrad, oder bin ich versehentlich in die Besprechung des Kawasaki-Superbike-Teams für 2008 geraten? Nein, es hat alles seine Richtigkeit. Der Geschäftsführer von Kawasaki Deutschland nickt mir aufmunternd zu und wedelt verheißungsvoll mit dem Forcefield Rückenprotektor in Limegreen, den jeder Teilnehmer vorab, quasi als kleine Einstimmung auf das noch Folgende, erhalten hat.

Pirelli rüstet auf

In den freien Verkauf kommt Kawas neuer Zünder mit den Pirelli Diablo Corsa III. In Anbetracht der zu erwartenden Belastungen hier auf dem heißen Wüstenkurs tragen unsere Testeisen die Rennsporterprobten Pirelli Supercorsa in SC 2 Mischung. Am ersten Tag zumindest. Am zweiten wird Pirelli dann eine spezielle, noch gripreichere Variante zur Verfügung stellen, die speziell auf den Kurs von Losail abgestimmt ist. „Wir erwarten dann, dass ihre Rundenzeiten noch einmal um etwa 2 Sekunden schneller werden“, dreht der Holländer im Scheichgewand die Daumenschrauben weiter zu. Doch auf einmal wird seine bis dahin hoch erhobene, bestimmt klingende Stimme weich und Vertrauen erweckend. Entspannt berichtet er in gut verständlichem Englisch von Kims Vorzügen. Wer zum Aladin ist Kim? Nein, nicht Kim! KIMS ist das Kawasaki Ignition Management System – Quasi die Freundin unseres gerade angelegten Rückenprotektors. KIMS ist sozusagen die letzte Kontrollinstanz, der Oberschiedsrichter, der zwischen Dir, dem mit 200 PS gefüllten Gasgriff und deinem bemitleidenswerten Hinterrad-Gummi steht. Ein Superrechner, der an der Kraftausgabe des Motors, also am Ritzel, noch mal ein gutes Wort für Dich einlegt, bevor Dich die Grüne mit all ihrer Macht aus der Umlaufbahn in die Wüste schießt, Dich unangespitzt in den Sand rammt.

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Who the f…ist Kim?

Technisch ausgedrückt nimmt das KIMS den Zündzeitpunkt zurück, wenn die Motordrehzahl schlagartig exorbitant ansteigt. Den Begriff exorbitant ermittelt das KIMS aus dem Zusammenspiel von Parametern wie vorheriger Drehzahl, Drosselklappenstellung, Fahrzeuggeschwindigkeit, Gangposition sowie dem Feedback von Sensoren für Einlasslufttemperatur, Einlassluftdruck, Motortemperatur und Lambdasonden. In erster Linie, um Motor- und Katalysatorschäden zu vermeiden. In zweiter Instanz sorgt es somit für bessere Kontrollierbarkeit der brachialen Motorleistung. Das heißt aber auch, dass es keine wirkliche Traktionskontrolle ist, die den Schlupf am Hinterrad misst und dir brutal per Zündunterbrecher in die Parade fährt. Burnouts, Wheelies und kontrollierte Drifts am Kurvenausgang sind weiterhin möglich. Na Allah sei Dank!

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Wat zählt is auffe Strecke

In solchen Momenten hilft nur eins: Sich selbst erstmal selbst gut zureden! Schließlich wurde Rom auch nicht an einem Tag erbaut, Valentino Rossi wurde nicht über Nacht siebenfacher Weltmeister und wir haben hier ja auch zwei ganze Tage Zeit, uns mit jedem einzelnen der 200 Pferdchen anzufreunden. Um den Sand, der hier zwangsläufig auf der Strecke sein muss, mach ich mir jetzt erstmal gar keine Gedanken. Wozu auch? Die nächste Überraschung wartet in der Box. Ja, wir haben eine richtige Box mit 2 Motorrädern für 4 Testfahrer und je einem Mechaniker pro Motorrad. Und wir haben einen Ventilator, der uns nach jedem der 20 Minuten Turns die Hitze aus dem Renneinteiler bläßt. Fatima, was willst Du mehr? Doch wie in der richtigen Liebe, geht auf einmal alles ganz schnell. Zackzack, Reißverschluss zu und druff! Pere Riba, gestandener Kawasaki Supersport Werkspilot zündet drei geschmeidige Runden vor, um sich dann in die Box zu verabschieden. Ab jetzt läuft der integrierte Laptimer an der ZX-10R für alle Tester nach belieben. Strecke so schnell es geht einprägen, eine flüssige Linie finden und dem Grip des katarischen Asphalts in Union mit Pirellis Superstock-FIM-WM-Gummis bedingungslos vertrauen. Das Grundsetup, das die Werksfahrer hier vorher erarbeitet haben passt schon gut. Schnell sind Schräglagen auf dem flüssigen Kurs drin, die erst das Knie und schon im zweiten Turn die Fußrasten auf den Asphalt bringen. Maria und Joseph, wer hätte das gedacht!

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