Kawasaki VN 1600

Kawasaki VN 1600


Dicke Dinger

Der Berg ruft und ich brauche für den Weg zum Biker Meeting nach Garmisch ein geeignetes Fortbewegungsmittel. Ein Cruiser soll es sein, bitteschön! Im Stile einer Harley Davidson Elektra Glide will ich reisen. Unbehelligt von Wind, Wasser und Insekten. Und erst recht völlig unbeeindruck vom Treiben der anderen Verkehrsteilnehmer in ihren öden Blechdosen.

Nachdem wir letzte Woche vom Pott aus Richtung Norden auf Guzzis California glitten, muss nun Kawasakis Luxus-Cruiser VN 1600 Classic Tourer meinen erlauchten Hintern ans ganz andere Ende der Republik befördern. Wer allerdings schon bei der Guzzi dachte, es handele sich um ein respektabel fettes Eisen, dem wird schon beim Aufsitzen auf die VN Angst und Bange. Franz I. verzweifelt schon beim Versuch, die 350 Kilo Trockengewicht vom Seitenständer in die Senkrechte zu hieven.Keine Chance! Da reicht das Eigengewicht und der Schmalz in den Muckis einfach nicht aus. Die Schlanken, gut Gebauten sollen ja auch eigentlich eher in der hinteren Reihe, auf dem bequemen Sozius-Sitz-Sessel mit üppiger Rückenlehne, Fußbrettern und aus Koffern bestehenden Arm-, beziehungsweise Handtaschenablagen gediegen Platz nehmen. Manchmal selektiert eben schon die schlichte normative Kraft des Faktischen ganz ohne Machoanwandlungen die Männlein von den Weiblein. Kawas Antwort auf Schwarzeneggers terminalen Wunsch nach einem Big-Bike heißt VN 1600 Classic Tourer. Keine Frage!

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Großes Geweih

Steht die Fuhre allerdings annähernd im 90 Grad Winkel, ist das Gewicht, Dank der niedrigen Sitzhöhe von 720 Millimetern und dem gezwungener Maßen breiten Stand des Fahrers, überhaupt kein Thema mehr. Es sei denn, Mann will rückwärts aus leicht abschüssiger Position vom Bordstein zurück auf die Fahrbahn rangieren. Rückwärtsgang – wo bist Du? Also absteigen und unter Einsatz aller Kraft am großen Geweih gezogen, bis der Kollos in Fahrtrichtung steht. Dabei wäre ein Umfaller gar nicht tragisch. Das Teil ist so breit und flach, dass es sich besten-, oder eher schlimmstenfalls leicht auf die Seite, die weit ausladenden Trittbretter und üppigen Sturzbügel legen würde, ohne großen Schaden zu nehmen.

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Leise-Wahn

Nach so viel Muskelkraft soll jetzt aber mal das 1600er Vau-Zwo Kraftwerk seine Arbeit aufnehmen. Schlüssel drehen, warten, bis der analoge Tacho-Zeiger auf dem Tank-Dash-Board einmal hin und her gesaust ist und dann den Startknopf an der sehr wertig anmutenden Lenkerarmatur drücken. Dann blubberts aus den beiden langen Chromrohren unter den Koffern zart nach hinten. Was die Abgas- und Lärmvorschriften der Euronauten zulassen, muss man mittlerweile als absolut artfremde Haltung hilfloser Lebewesen, denn nichts anderes ist ein seiner Lebensäußerungen beraubter Cruiser, werten. Vielleicht sollten wir als Motorradschützer mal eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof wegen Verstümmelung, Nötigung und ähnlicher Delikte einreichen. Wer die Riesen-Endtöpfe an den neuesten INTERMOT Modellpräsentationen gesehen hat, weiß, dass noch längst nicht das Ende dieses Leise-Wahns erreicht ist.

Doch zurück zum realen Cruiser-Geschehen der Jetztzeit. Schließlich wollte ich heute noch in Garmisch ankommen. Mit einem mächtigen Hub am dicken Gasdrehgriff – Mensch, da haste ordentlich was in der Hand – lässt sich trotz aller Kastration ein deutliches Lebenszeichen entlocken. Das wird gehen! Mit einem ebenso deutlichen „Klonk“ wemse ich den ersten Gang per Schaltwippe in die Verzahnung. Lass` die Kupplung flott kommen und schon rauscht eine halbe Tonne inklusive Fahrer und Gepäck vom Hof. Apropos Gepäck! Nie war Verreisen mit dem Mopped so simpel. Obwohl ich wahrlich kein Freund von Koffern an Motorrädern bin – eigentlich bin ich überhaupt kein Freund von Koffern, egal wo und an was – begeistert mich in diesem Fall die Möglichkeit, einfach alles was man für eine längere Tour benötigt und sonst unter Einsatz all seines Gehirnschmalzes sinnvoll am Bike unterzubringen versucht, einfach in diese beiden riesigen Koffer zu pfeffern. Ja, so soll ein Tourer sein. Trotzdem platziere ich auf dem ultra breiten Tank noch einen Magnetrucksack für Kekse, Getränke und die Tourenkarte. Denn hinter diesem riesigen Windschild lässt es sich prima während der Fahrt Schlemmen. Vorausgesetzt, man träg einen Jethelm.

No Schweinsgalopp, please

Geschmeidig nimmt der Wonneproppen die S-Kurve zur Autobahn, hängt fröhlich blubbernd im vierten Gang am Gas und gleitet erhaben dahin. Schneller als man denkt, hat man den fünften und letzten Gang des sauber arbeitenden Getriebes eingelegt. Und rauscht, fröhlich Kekse knabbernd dahin. Im Schweinsgalopp dürfen’s auch mal 160 auf der Uhr sein. Allerdings ist das absolut nicht das Terrain des Cruisers. Klar, kann man ihn fliegen lassen, wenn’s denn sein muss. Allerdings summieren sich dann Hubraum, Gewicht und Windwiderstand der drei Quadratmeter-Cruiser-Front zu einem unerhört hohen Spritverbrauch von über 7 Litern. Im Schmusemodus um 120 Km/h begnügt sich die Classic Tourer hingegen mit 5,5 Litern. Trotzdem ist der 1600er Motor für ein solches Eisen fast schon zu schlapp. Beim spontanen Einlöten, um störrische Bürgerkäfige zu überholen, wünscht sich der, von, auf der linken Spur heranfliegenden Nobelkarossen bedrohte Cruiserpilot einen kräftigeren Punch aus niedrigen Drehzahlen. Vielleicht dann doch lieber gleich zur VN 2000 greifen!? Für gemütliche Naturen reicht der Einskommasechser allerdings völlig aus, um äußerst bequem zu reisen und staunende Blicke, besonders reifer Herren, auf sich zu ziehen.

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Entspannte Geschichte

Schneller als gedacht, kommt man schließlich mit der VN 1600 ans Ziel. 20 Liter reichen locker für 320 Kilometer bis zum nächsten Tankstopp und so ist die Strecke bis München schnell abgespult. Überhaupt ist die Reiserei auf so einem Koffer eine ganz entspannende Geschichte. Auch ein Wolkenbruch am Starnberger See lässt sich damit gut ertragen. Etwas näher an die Scheibe gerutscht, erwischt einen der Regen gar nicht. Und auch bei Aquaplaning-fördernden Regenmassen rennt der Apparat unbeirrt geradeaus. Mit knapp über 14.000 Euronen ist die VN 1600 Classic Cruiser zudem ein echtes Schnäppchen im Wettbewerb mit den amerikanischen Full-Dressern, die ja auch nicht mehr Hubraum vorzuweisen haben, aber bedeutend mehr kosten. Auf jeden Fall das richtige Gerät für einen echten Road-Captain!

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Text: Pabi

Fotos: Pabi/Yvy

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