Metzeler Roadtec 01 - Fahrbericht

Metzeler Roadtec 01 - Fahrbericht


Schwarze Magie

Der neue Sporttouringreifen Roadtec 01 hat für Metzeler ganz offensichtlich eine sehr große Bedeutung – das legt das umfangreiche Programm bei der Neuvorstellung nahe: Nach einem Werksbesuch in Breuberg im Odenwald, wo die hochwertigen Rundlinge produziert werden, standen verschiedene Testreihen mit unterschiedlichen Motorrädern und dem Vorgänger Roadtec Z8 auf dem Bosch-Versuchsgelände Boxberg an, gefolgt von einer knackigen Ausfahrt durchs kurvige Hohenloher Land ebenfalls auf verschiedenen Motorradmodellen.

Doch vor der Praxis steht die in diesem Falle schwarze Theorie, und bei den in die Tiefe gehenden Vorträgen wird auch dem letzten Unwissenden klar: Beim Reifenbau kommt es nicht nur auf die Ausprägung der einzelnen Faktoren an, vielmehr müssen bei der Entwicklung die vielfältigen Wechselwirkungen berücksichtigt werden – hier gilt es, die für den jeweiligen Einsatzzweck optimale Kombination von Karkassmaterialien und -aufbau, Gummimischung und Laufflächenprofil zu finden. Mithin eine Herkulesaufgabe, die das Entwicklungsteam um Reifenguru Salvo Pennisi zu stemmen hat, die beim Metzeler Roadtec 01 um eine weitere Herausforderung ergänzt wurde: Damit der Sporttouring-Reifen auch unter unterschiedlichsten klimatischen Bedingungen möglichst einheitlich funktioniert, haben die Testfahrer die Ergebnisse nicht nur auf der Heimatbasis in Sizilien und dem firmeneigenen Testgelände Vizzola Ticino nahe Mailand eingefahren, sondern möglichst zeitnah auch auf dem Wachauring im österreichischen Melk und in Brasilien. Verdammt viel Entwicklungsaufwand, doch wie viele Kilometer das gesamte Team für den 01 insgesamt abgespult hat, weiß niemand so genau.

Im Gegensatz zur Zusammensetzung der Laufflächenmischung, deren besonders exaktes Mischungsverhältnis von Rußen, Silika und Polymeren ein Geheimnis ist, dass die Entwickler um Chefdenker Piero Misani besser hüten als die britischen Kronjuwelen. Eins haben sie aber verraten: Dank eines innovativen Mischungsvorgangs, der nicht nur physisch, sondern auch chemisch funktioniert, ist es ihnen erstmals gelungen, flüssiges Polymer mit einzubinden. Das macht die Reifenoberfläche deutlich geschmeidiger und anpassungsfähiger. 

Am Hinterrad kommt eine Bi-Compound-Mischung mit 100 Prozent Silica an den Flanken für guten Nassgrip und thermische Stabilität zum Einsatz sowie Silica und Ruß im mittleren Fünftel des Profils, was verschleißfester ist und die Laufleistung erhöht. Vorne verwenden die Metzeler-Mannen eine einheitliche 100-Prozent-Silica-Mischung wegen der besseren Kraftübertragung beim Bremsen, insbesondere auf nassen Straßen und Belägen mit niedriger Reibung.

Metzeler Roadtec 01 Fahrbericht 12

Dass der 01 ein komplett neuer Reifen ist, macht das komplett neue Laufflächenprofil deutlich. Dabei ist speziell der Vorderreifen mit seinen schräg und gebogen zur Laufrichtung des Reifens angeordneten Rillen gewöhnungsbedürftig. Das Design erinnert nicht umsonst an Regenreifen aus dem Rennsport, es soll den mechanischen Grip auf rutschigen Straßenbelägen und beim Bremsen erhöhen. Am Hinterrad sind Rillen und kleine Öffnungen gegenläufig angelegt, was die Traktion auf rutschigem Untergrund verbessert. Zur Reifenschulter hin gehen die Rillen immer weiter auseinander, wodurch bei zunehmender Schräglage immer mehr Gummi auf den Grund kommt und den Grip erhöht.

Aufgrund der Eigenschaften von Mischung und Profildesign zeigt der Roadtec 01 auch einen anderen Unterbau als der Z8: Die gleichmäßigere Kraftverteilung in der Lauffläche erlaubt eine flexiblere Karkasse mit dünnerem Null-Grad-Stahlgürtel, der sich unter Zugbelastung weniger versteift. Das macht eine geänderte Reifenkontur möglich. Die praktischen Auswirkungen dieser doch sehr theoretischen Eigenschaften sind dagegen wieder gut nachvollziehbar: Die Kontaktfläche zwischen Reifen und Untergrund ist beim 01 gegenüber dem Z8 breiter und kürzer bei insgesamt fünf Prozent mehr Fläche. Das verbessert die Kraftverteilung und mündet in höherer Laufleistung bei gleichmäßigerer Abnutzung.

Metzeler Roadtec 01 Fahrbericht 04

Laufleistung und Haltbarkeit lassen sich bei einem Testevent natürlich nicht überprüfen, ein Großteil der anderen Kriterien schon. Erster Prüfstein war der eng gesteckte Boxberger Handlingkurs, der in engen und weiteren Bögen auf und ab führt und maximal den dritten Gang zulässt. Auf BMW S 1000 XR, Kawasaki Versys 1000, Honda CB1000R und Yamahas MT-07 ging es um die zur Hälfte bewässerte Strecke. Nach vorsichtigem Herantasten schaffte der Metzeler-Pneu auf allen Modellen schnell ein recht großes Vertrauen bei Nässe. Auf zögerliches folgte bestimmteres Anbremsen, dann das gleiche bei zunehmender Schräglage – kein Rutschen, kein unsicheres Gefühl, die Motorräder ließen sich allesamt gut verzögern. Am anderen Ende der Bögen konnte man immer früher und herzhafter ans Gas gehen, stets blieb die Traktion tadellos und die gute Seitenführung hielt die Motorräder auf der gewählten Linie.

Metzeler Roadtec 01 Fahrbericht 06

Da hätte man sich gerne noch weiter herangetastet, um zu erfahren, wann der Reifen tatsächlich den Grip verliert. Doch da ging’s schon zum nächsten Test: Auf bewässertem Kopfsteinpflaster aus Tempo 60 km/h auf einer ABS-bewehrten Suzuki Bandit 1250 S ohne zu Zögern oder Modulieren so kräftig verzögern wie nur möglich – das ist gar nicht so einfach, der gestandene Motorradfahrer muss sich schon mental dazu zwingen. Der Clou dabei: Einmal wurde die Bremsübung mit dem „alten“ Z8 durchgeführt, anschließend mit dem neuen Roadtec 01. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Kam die Z8-Bandit im Durchschnitt aller Journalisten nach 21,2 Metern zum Stehen, stand die Suzuki mit Roadtec 01 schon nach 18,6 Metern still – diese Differenz von 2,6 Metern kann manchmal entscheidend sein. Dabei lieferte der 01 ein sehr knackiges Bremsgefühl mit stärkeren Fahrwerksreaktionen, ohne bei der Nässe unangenehm zu schieben.

Metzeler Roadtec 01 Fahrbericht 07

Letzter Test in Breuberg war das Hochgeschwindigkeitsoval, bei dem es mit mehr als 200 Sachen durch die Steilkurve ging. Die Aussagekraft hielt sich indes in Grenzen, da auf keinem der gefahrenen Boliden –Kawasaki ZZ-R 1400, BMW S 1000 RR, Suzuki GSX-S 1000 F – Stabilitätsprobleme festzustellen waren.

Mehr haben die Tester auf der flotten Landstraßenrunde erfahren, die mit neuen Triumph Speed Triple, Kawasaki Versys 650, KTM Superduke R und Suzuki V-Strom 1000 absolviert wurde. In den völlig verschiedenen Radien fiel unmittelbar die ausgeprägte Neutralität beim Einlenken positiv auf. Auch der gute Abrollkomfort mit guter Eigendämpfung konnte gefallen, der dem Asphalt-Flickenteppich einiges von seiner Unbill nahm. Gerade in Schrägfahrt sorgte dieser Vorzug für ein ruhiges Fahrverhalten mit hoher Spurtreue. Ganz besonders ins Gewicht fiel auch das harmonische Abwinkeln, das über die gesamte Reifenflanke bis in tiefe Schräglagen bei gleichmäßigem Kraftaufwand zu bewerkstelligen war – das ist gegenüber dem Z8 ein deutlicher Fortschritt.

Metzeler Roadtec 01 Fahrbericht 08

Ähnlich wie auf der Teststrecke ergab sich ein sehr gutes Gefühl für die Bremse, beim Verzögern setzte der Reifen die eingeleitete Bremskraft mit gutem Feedback sauber um. Von einer etwaigen Aufstellneigung beim Bremsen in Schräglage war auf den getesteten Modellen nichts zu spüren. 

Den Metzeler Roadtec 01 gibt es in vielen klassischen Dimensionen für verschiedene Segmente vom Roadster über Reiseenduros bis zum klassischen Tourenmotorrad. Für schwere Motorräder gibt es eine „HWM“ („Heavy Weight Motorcycles“)-Version, die sich durch eine zweilagige Karkasse am Hinterreifen vom Standardmodell unterscheidet, das mit einer Karkassenlage auskommt. Die HWM-Version für das Vorderrad ist wie die Standardversion mit einer zweilagigen Karkasse ausgestattet. Hier werden ein steiferes Karkassen- und Flankenmaterial und eine andere Laufflächenmischung verwendet, die neben Silica einen zusätzlichen Füllstoff beinhaltet. 

Mehr Infos zu Reifengrößen und Freigaben gibt es auf der Metzeler-Homepage.

Text: Thilo Kozic

Bilder: Metzeler