Aprilia Mana 850

Aprilia Mana 850


Kaffee-Automat

Für Puristen gibt es nur eine Möglichkeit, Kaffee richtig aufzubrühen, damit er sein volles Aroma entwickeln kann: Wie früher bei Muttern wird das heiße Wasser aus der Kanne in den Melitta-Filter gegossen, den man mit der notwendigen Menge an frisch gemahlenen Kaffee-Bohnen aufgefüllt hat. Unter ständigem Nachgießen füllt sich schließlich die unter dem Filter befindliche Tasse. Es duftet herrlich – ein Schluck, so muss ein Kaffee sein.

Motorradfahrer verstehen sich ebenfalls als Puristen, es kommt einem Ritual gleich, wenn sich der Fahrer auf sein Bike setzt, den Zündschlüssel umdreht, den Startknopf betätigt, Kupplungshebel zieht, mit dem Fuß den ersten Gang hörbar einlegt und schließlich mit einem kurzen Dreh am Gasgriff dem Horizont entgegenbraust.Auch wegen dieses fast schon heiligen Aktes, den man landläufig Schaltvorgang nennt, sind zum Beispiel Rollerfahrer in den Augen eines Motorradlers Warmduscher. Die geben einfach nur Gas und fahren los, dank Automatikantrieb. Wie simpel – und so uncool. Da kann man sich doch gleich eine vollautomatische Senseo-Kaffemaschine kaufen.

Roller oder Motorrad?

Aprilias Senseo heißt Mana 850, das erste Motorrad mit Vollautomatik. Nur, ist das überhaupt noch ein Motorrad, wenn die klassischen Attitüden fehlen, die die Welt in Roller- und Motorradfahrer aufteilt? Rein optisch käme man gar nicht auf die Idee, diese Frage zu stellen. Die Mana besitzt den typischen Aufbau eines italienischen Naked Bikes: schöne Form, Gitterrohr-Rahmen, Upside-Down-Gabel, Kettenantrieb. Die ganze Optik lässt eher auf ein Sport-Motorrad schließen. Auch beim Motor gibt es auf den ersten Blick nichts Neues in Form eines 90 Grad Viertakt-V-2. Zumal das Aggregat bereits im Jahr 2003 in der Gilera-Studie „Ferro” zu betrachten war – und kürzlich im Mega-Maxi-Scooter Gilera GP 800 Serien-Premiere feierte.

ApriliaMana850_10

Gemeinsam zweisam

Leicht abgewandelt werkelt er nun auch in der Mana mit 839 Kubikzentimeter Hubraum und 76 PS maximaler Leistung, also mit einem PS mehr als im GP 800 Scooter – bei ebenfalls etwas höherer Drehzahl von 8.000 U/min (7.250 U/min im GP 800). Bei der Motorenkonstruktion vertrauen die Ingenieure auf Bewährtes: Den Ventiltrieb mit einer obenliegenden Nockenwelle zur Steuerung der vier Ventile kennt man aus Piaggios hauseigenen Quasar- und Leader-Motoren. Der Antrieb kommt ohne Ausgleichswelle aus. Das Gemisch wird von einer Einspritzanlage mit zwei 38er Drosselklappenkörpern bereitgestellt. Neben einer Doppelzündung sind die Trockensumpfschmierung und abgeschrägte Ventildeckel weitere Besonderheiten der kompakten Konstruktion. Von Automatik-Rollern kennt man ja, dass der Motor als Triebsatzschwinge verbaut wird, beim Aprilia Motorrad wie auch im GP 800 sitzt er aber im robusten Rohrrahmen und leitet seine Kraft über eine konventionelle Kette an das 17zöllige Hinterrad. Dieses wird von einer massiven Zweiarm-Leichtmetallschwinge geführt. Wie schon beim GP 800 vermisst man auch bei der Mana einen wartungsarmen Zahnriemenantrieb, der in ersten Überlegungen auch verbaut werden sollte, dann aber, weil angeblich zu unsportlich, der Kette weichen musste. . Gemeinsamkeiten von Mana und GP 800 gibt es beim Motor auch bezüglich der Abgasreinigung, die mittels elektronischer Benzineinspritzung, Lambda-Sonde und geregeltem Drei-Wege-Katalysator den aktuellen Normen entspricht. Auch wenn sich die Aprilia Mana als Automatik-Bike bezeichnet, so darf man es nicht mit herkömmlichen Automatik-Scootern vergleichen. Während der GP 800 über ein konventionelles, mechanisches CVT-Getriebe verfügt, werden die Schaltvorgänge bei der Mana elektronisch gesteuert.

ApriliaMana850_9

Der Fahrer hat dabei verschiedene Wahlmöglichkeiten. Im Vollautomatik-Modus kann er sich ganz auf Straße und Landschaft konzentrieren, alle Schaltvorgänge übernimmt die Elektronik abhängig von der Drehzahl. Wobei man sich als Motorradler erst einmal daran gewöhnen muss, dass die Mana keinen Kupplungshebel besitzt. Dafür aber am rechten Lenkergriff einen Schalter, mit dem aus drei verschiedenen Mappings ausgewählt wird: „Touring” für den Normalbetrieb, „Sport” für eine optimierte Beschleunigung und „Rain” für nasse und rutschige Straßen.In der Praxis fällt sofort auf, wie bei der Einstellung „Rain” die Drehzahlspitzen elektronisch gekappt werden, während bei „Sport” der Motor deutlich rauer und drehfreudiger läuft. Die verschiedenen Einstellungen haben übrigens keinen Einfluss auf die Höchstgeschwindigkeit, die wird mit jeweils mehr oder weniger Anlauf in allen drei Fahrsituationen mit etwa 200 km/h erreicht. 

Sequenzielles Getriebe

Wer zwischendurch doch mal spüren möchte, wie der Motor beim Runterschalten abbremst, kann von der Vollautomatik ins sequentielle Getriebe umschalten. Dann entscheidet der Fahrer selbst mittels Fußpedal oder der beiden Schaltknöpfe am Lenker links, wann er in welchen der sieben Gänge wechseln möchte, ohne zu Kuppeln. Das geht so leicht und soft wie man es sich gern von so manch einem mechanischen Getriebe wünschen würde. Um den Überblick nicht zu verlieren, wird der jeweilige Gang im Cockpit angezeigt. Hier warnen, da ein Drehzahlmesser fehlt, vier Lämpchen, sobald der rote Drehzahlbereich erreicht wird. Beim Fahren stellt sich schnell heraus, dass das Fußpedal kaum benutzt wird. Man könnte gut auf das Teil verzichten. Ohnehin gewöhnt man sich bald an die Vorzüge der Vollautomatik, selbst auf das sequentielle Schalten verzichtet man nach einiger Zeit und gibt sich mit den drei Automatik-Modi zufrieden.

ApriliaMana850_2

Sonstige Fähigkeiten

Natürlich überlagert bei den ersten Fahreindrücken mit der Aprilia Mana der Umgang mit dem Automatik-Getriebe die restlichen Fähigkeiten des Motorrades, dennoch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die 850er auch in Sachen Komfort und Handling überzeugen kann. Die Dämpfung ist sportlich abgestimmt, passend dazu reagieren die radial montierte Vierkolben-Festsattelbremse mit den beiden mächtigen 320er Scheiben vorne gut dosierbar und kräftig zupackend. Neben dem Automatik-Getriebe bietet Aprilia noch eine weitere für den Motorradbereich innovative Lösung, diesmal in Sachen Stauraum: Unter der Tankattrappe befindet sich nämlich ein Helmfach, in das sogar ein Integralhut passt. Ein 12-Volt-Anschluss und ein Handyhalter finden ebenfalls noch Platz. Der eigentliche Benzintank wurde unter dem Sitz platziert und wird durch Hochklappen der Bank zugänglich. Ab November soll die Mana in Deutschland ausgeliefert werden. Mit etwa 8.695 Euro pluss 286,- Euro Nebenkosten wird sie sogar günstiger sein als der 400 Euro teurere Gilera-Roller GP 800. Auf jeden Fall werden sich auch Motorrad-Puristen überlegen, ob es sich nicht doch lohnen könnte, vom Melitta-Filter auf eine Senseo umzusteigen. Hauptsache, der Kaffe schmeckt.

ApriliaMana850_1

Weitere Testberichte Aprilia Naked Bike

Aprilia Tuono 1000 R

Aprilia SL 750 Shiver

Ähnliche Testberichte Naked Bike

BMW R 850 R

Kawasaki ER-6n

Sachs Roadster 800

Triumph Thruxton 900

Yamaha XJ 900 N

Text: Norbert Meiszies