Yamaha FJR1300

Yamaha FJR1300


Gentle Giant

„Boah, ne Yamaha FJR 1300! Die wollte ich immer schon mal haben! Aber als ein an der Armutsgrenze hinkrebsender Beamter fehlt mir ja das Geld.“ Nachdem mir der fast schon beschämt dreinblickende Verkehrspolizist eine saftige Strafe auf Grund einer geschwindigkeitsbedingten Ordnungswidrigkeit von der Scheckkarte abbucht, redet er unaufhörlich weiter. Wie schön und schnittig sie sei und man habe ja schon so viel Gutes über sie gehört und gelesen, und ...

Yamaha hat mit der sanften Modellpflege an dem Riesen FJR 1300 einen wirklichen Meilenstein in der Motorradgeschichte gesetzt. Und anscheinend kennt jeder diesen Supertourer von Yamaha. Zwar erinnert nichts mehr an ihre legendären Vorgänger, die FJ-1100 und FJ-1200 Sporttourer, aber dennoch sind immer noch latent die Verwandtschaftsgene spürbar. Großhubiger 16-ventiliger Vierzylinderreihenmotor, saftiges Drehmoment, schnittige Verkleidung, schlankes Heck, etc.. Eine leise und imposante Erscheinung, nachdem sich Schulkinder ebenso umdrehen wie Rentner. Aber gehen wir‘s systematisch an:

Autobahn:

Die FJR 1300 ist für die Autobahn geboren. Hier liegen ihre eindeutigen Stärken. Ihre fulminante Kraftentfaltung begeistert dabei ebenso wie der lange Radstand von 1.515 mm, ihre funktionale Verkleidung und stoische Ruhe im Fahrwerk. Du hast wirklich das Gefühl, „King oft the road“ zu sein und je nach Lust und Laune die Autos in den mittlerweile auch optisch gut positionierten Spiegeln groß oder klein werden zu lassen. Ein echtes „Mercedes-Gefühl“. Mehr noch: Fahrer und Beifahrer genießen dieses souveräne und entspannte Gleiten gleichermaßen.

Yamaha FJR1300 02

Bei vollausgefahrener, natürlich stufenlos regulierbarer Scheibe fängt die FJR 1300 bei 200 km/h leicht das Rühren – bekannt als Shimming – an. „Na Na, das tut man aber nicht!“ Also die Scheibe ganz runter und weiter beschleunigen. 260km/h läuft sie jetzt stur gerade aus und der Orkan am Helm ist immer noch akzeptabel – regelbarer, funktionaler Windschutz und stabiles Fahrwerk! Klasse!
Große Kurven im Hochgeschwindigkeitsbereich sind dabei das „Salz in der Suppe“, sie durchläuft die Yamaha geradezu mit Wonne. Geht’s in die Negativbeschleunigung ergeben sich lediglich moderate Aufstellneigungen in Schräglage.

Die zwei 320mm Bremsscheiben mit Vierkolbenfestsattelankern vorn und die Einkolbenschwimmsattelbremse auf ihrer 282mm Scheibe hinten zeigen, wo der Hammer hängt. Sie vermitteln den Eindruck selbst einen Hokaido-Express zwischen Tokio und Yokohama problemlos aus voller Fahrt einbremsen zu können und Dank des toll regulierenden ABS nicht über zu reagieren. Souverän! Genau so muss ein Supertourer gestrickt sein. Dass andere Maschinen über noch mehr PS, Fahrwerkstricks oder Höchstgeschwindigkeit verfügen interessiert hier keinen mehr.

Landstraße:

Der „sanfte Riese“ kann sich auch hier behaupten, ist es doch seine zweite Paradedisziplin. Man glaubt kaum, wie leicht sich knapp 300kg Kampfgewicht auf ein paar Quadratzentimetern feinstem Bridgestone-Gummi bewegen lassen. Mit der FJR 1300 cool zum Ziel hin und dann lustvoll in Kurven um das Ziel herum jagen – dafür wurde sie auf die Räder gestellt, dafür ist man dann auch bereit 16.500 Euronen herzugeben bzw. die dringend anstehende Wohnungsrenovierung auf unbestimmte Zeit zu vertagen.

Was macht eigentlich der Drehzahlmesser? Er fristet ein eher unscheinbares Nieschendasein im linken Drittel der Kommandokanzel. Bei der FJR 1300 steht zu Recht die Tachoscheibe im Zenit der Be­trach­tung. Unglaublich aber vario, dass die Geschwindigkeitsveränderungen bei weitem spannender als die jeweils anliegende Drehzahl sein können. Ein Motor, der bei 2.500 U/min bereits 95Nm auf die Welle stemmt, sich nur um die 4.500 U/min eine kleine Krafteinbuße von 5Nm gönnt und dann bis 7.000 auf 135Nm steigert und dabei so sanft und kultiviert läuft, benötigt nicht die ständige Kon­trolle durch den Fahrer. Bei sehr linearer Leistungsabgabe ab Leerlaufdrehzahl bis in den Begren­zer gibt es lediglich angenehme Vibrationen, keinerlei nervige Rückmeldungen, kein aggressiver Sound, nichts. Er läuft einfach!

Yamaha FJR1300 11

Zur Not katapultiert er die FJR 1300 von 0 auf 200km/h in gut 12 sec. Zudem scheint das Getriebe aus einer eidgenössischen Uhrenmanufaktur zu stammen. Leicht und absolut präzise rasten die sinnvoll untersetzten Gänge (siehe Gangdiagramm) ein. Die Kraft wird dann direkt über die nahezu reaktionsfrei arbeitende Kardanwelle an das Hinterrad weitergegeben.Power & coolness , ein wahrer Gentle Giant auf zwei Rädern!

Wird’s im Kurvengeläuf enger, glaubt man zunächst sogar mit Supersportlern mithalten zu können. Das gelingt aber nicht wirklich! Auch wenn an den eistellbaren Federelementen mit strammer Federvorspannung (2 Ringe an der Gabel; hinteres Federbein „hard“) und reichlich Dämpfung (hinten drei Klicks vor Brett) gearbeitet wird, verliert die Yamaha nicht ganz ihren sänftenartigen Gang. Genau am Laufflächenende der BT-021 setzen deutlich die Rasten auf und die FJR 1300 mahnt ein­dringlich zu ruhigerer Gangart. Das es aber überhaupt soweit kommen konnte liegt an der echten Kurvenfreudigkeit dieses Bikes. Erst wenn sie artfremd heftig sportiv ums Eck geworfen wird, zeigen sich die Grenzen dieses Supertourer-Konzeptes. Jetzt reagiert sie indifferent, will manchmal reinfallen, manchmal bockig nicht weiter den Kurs beibehalten.

Wenn dann auch noch marode, vom Horrorwinter 2010 gezeichnete Straßen unter ihre Räder geraten, wird’s eng! Sehr empfindlich reagiert die FJR-1300 auf Straßen dritter Ordnung in Schräglage! Inwieweit dies allerdings auf das Konto des Bridgestone BT-021 geht, konnte nicht abschließend ermittelt werden. Immerhin ist schon die Weiterentwicklung, der BT-023, käuflich zu erwerben.

Stadtverkehr:

Der sanfte Riese wiegt! Und vor jeder Ampel, bei jedem Stopp wird dir das unmissverständlich vor Augen geführt – 297kg laut Herstellerangabe. ½ Tonne wird es dann aber locker, addiert man die maximale Zuladung von 200kg und die beiden Sahneschnitzel mit Pommes vom letzten Bikertreffen hinzu. So überraschend schnell die FJR 1300 ihre Pfunde kaschiert, wenn sie nur ein paar km/h rollt, so deutlich wird ihr Gewicht im Stillstand. „Da brauchsts scho a strammes Waderl, gell?“ „Hä?“ Während ich mich bei 37⁰ Außentemperatur abmühe die Fuhre aufrecht zu halten und noch abwechselnd darüber sinniere, dass wasserdichte Stiefel auch ihre Nachteile haben können und was ein Bayer in Minden zu suchen hat, wächst in mir die Erkenntnis, dass man Yamaha eigentlich ein Kompliment aussprechen sollte. Sie haben es hingekriegt die FJR 1300 so zu konstruieren, dass ihre Leibesfülle wirklich nur im Rangierbetrieb auffällt und bereits bei geringsten Geschwindigkeiten wie weggeblasen scheint. Also: Großes Lob!

Yamaha FJR1300 08

Zugabe:

„Die Koffer sind im Preis drin!“ Das ist doch mal ‘ne Ansage vom Yamahaniker aus Neuss. Aber auch ohne diese genial einfach zu befestigen und abschließbaren Koffer, die auch einen Helm aufnehmen können, sieht die FJR-1300 chic aus und distanziert sich somit wohltuend vom geschmacklichen Horror­kabinett der meisten Konkurrenten.