BMW K 1600 Grand America

BMW K 1600 Grand America


Baggern mit Genuss

Wer hat’s erfunden? Natürlich die Amis. Genauso wie den Cruiser oder Chopper, von denen sich der Bagger ableitet – und jetzt im Vollformat der BMW K 1600 Grand America.

Irgendwann müssen es die Fahrer der auf ein Minimum gechoppten Motorräder leid gewesen sein, dass ihr auf die Rückbank oder ans Heck gefummelte Gepäck beim ersten Regenschauer pitschnass und aus dem Cruising-Genuss echter Verdruss wurde. Also kam man auf die Idee, dichte Packtaschen fest in das Motorrad zu integrierten. Die sogenannten „bags” gaben dem Cruiser eine ganz neue, langgezogene Linie, vorne hoch und nach hinten abgeflacht. Der Bagger war geboren, dem Genuss auf ein entspanntes Weekend, locker in den Horizont dahingleitend, stand nichts mehr im Wege.

Good looking, good feeling

Dass die Bayerischen Motorenwerke in diesem großen Teich mitschwimmen würden, war schon 2015 klar: Mit der im Rahmen des Concorso d’Eleganza Villa d’Este vorgestellten Konzeptstudie „Concept 101” deutete BMW an, dass man den Traum vom „Grand American Touring” nicht alleine den US-Herstellern überlassen wollte. Mit der K 1600 B haben die Münchener der Studie ein Serienmotorrad folgen lassen, dass genau den Vorgaben eines echten Baggers folgt: Die Silhouette zeigt die typische tropfenförmige Linie, deren höchster Punkt die Frontverkleidung mit der elektrisch stufenlos verstellbaren Windschutzscheibe ist. Nach hinten fällt die Silhouette ab und mündet in den tief angebrachten und – das ist wichtig! – fest verschraubten Seitenkoffern. Denjenigen, die neben der Regenkombi noch ein paar Kleidungsstücke mehr auf die große Tour mitnehmen möchten, offeriert BMW die Bagger als Sonderedition „Grand America”. Diese ist leicht identifizierbar an der höheren Windschutzscheibe und dem voluminösen Topcase, das nicht nur zwei Integralhelme aufnimmt, sondern auch die LED-Heckleuchten integriert hat. Sämtliche Leuchtmittel sind ohnehin in LED-Technologie ausgeführt. Aus rückwärtiger Sicht erinnern die Bagger an einen V8-Ami-Schlitten aus den 1970er-Jahren. Um diesen Effekt erzielen zu können, haben die Techniker einen im Vergleich zu den Schwestermodellen K 600 GT und GTL komplett neu entwickelten Heckrahmen verbaut, der zudem die Sitzhöhe selbst für kleine Personen passende 780 mm reduziert.

BMW K 1600_01

Sofa mit Integration

Einmal auf dem BMW-Bagger Platz genommen fühlt man sich geborgen wie in Abrahams Schoß. Cruiser-typisch ist man sogleich Teil des Motorrades und kein Fremdkörper. Vor den Augen breitet sich ein beeindruckendes Kino mit multifunktionaler Instrumentenkombination aus. Die besteht aus zwei klassischen Rundinstrumenten für Tacho und Drehzahl sowie einem 5,7-Zoll-TFT-Display für die Anzeige von allerlei Textfeldern und Grafiken. Dazu gehören z.B. auch die über verschiedene Menüs und Knöpfe anwählbaren Einstellungen für die serienmäßig verbaute elektronische Fahrwerksanpassung Dynamic ESA. In der Standard-Einstellung „Road” ist die Dämpfungsanpassung voll automatisiert. Alternativ kann der Fahrer per Knopfdruck in den Modus „Cruise” übergehen, wodurch auf eine sanftere Dämpfung umgeschaltet wird. In schnellen Passagen mit flott hintereinander folgenden Kurven fühlt man sich in diesem Modus allerdings wie auf einem leicht schlingernden Kreuzfahrtschiff. Im Road-Modus meistert die Bagger solche Aufgaben souveräner. 

Agiler Riese

Die eigentliche Überraschung ist die angenehme Wendigkeit – wir sprechen hier von einem Brocken, der vollgetankt den Zeiger der Waage bis auf 364 kg schiebt. So lässig und relaxed wie auf „Groß-Amerika“ ist man nur auf wenigen Cruisern dieser Gewichtsklasse unterwegs. Spurstabil und zielgenau folgt die 1600er den Lenkbefehlen ihres Fahrers, ohne dass dieser regulierend eingreifen muss. Selbst die Handhabung der Respekt einflößenden Masse gestaltet sich als problemlos: Für knifflige Rangiermanöver besitzt die K 1600 B nämlich eine Rückfahrhilfe. Die lässt sich bequem per Knopfdruck von der linken Lenkerarmatur aus aktivieren. Zur Rückwärtsbewegung braucht es nur den Druck auf den Starterknopf. So kommt man selbst aus abschüssigen Parkplätzen sicher wieder in die Fahrspur.

BMW K 1600_02

Sechs sells

Fürs Vorwärtskommen ist der bekannte Sechszylinder-Reihenmotor mit 1649 cm3 Hubraum zuständig. Noch beeindruckender als die 160 PS  des knapp 103 kg wiegenden Antriebs ist jedoch sein Drehmoment von 175 Nm, das bei beruhigend niedrigen 5250 Touren abgesondert wird. Schaltvorgänge macht diese Motorcharakteristik nahezu überflüssig. Selbst im sechsten Gang aus 1500/min beschleunigt der Motor ohne Mucken gleichmäßig und effektiv aus dem Drehzahlkeller und macht damit Überholvorgänge auf der Landstraße zu kurzweiligen Unterbrechungen des genussvollen Cruisens. Muss doch einmal geschaltet werden, dann ermöglicht der als Sonderausstattung erhältliche Schaltassistent Pro ein Hoch- und Runterschalten der sechs Gänge in den relevanten Drehzahlbereichen ohne Kupplungsbetätigung. Da kommt fast Automatik-Feeling auf.

Gebremster Schaum

Ein leichtes Unwohlsein begleitet den Grand America-Fahrer allerdings auf der Autobahn. Ab Tempo 130 kommt im Solobetrieb eine leichte Unruhe ins Fahrwerk, die sich mit steigendem Tempo stärker bemerkbar macht – man fühlt sich ein wenig an einen Ritt wie auf rohen Eiern erinnert. Überraschenderweise legt sich diese unangenehme Pendelneigung bei voller Beladung mit Sozius und vollem Topcase. Diese Wackelei ist vermutlich auch der Grund dafür, dass der Grand America nur eine Höchstgeschwindigkeit von 162 km/h zugestanden wird – darüber regelt der Motor zwangsweise elektronisch ab. BMW erklärt das Vorgehen so: „Diese Maßnahme berücksichtigt die Tatsache, dass die in diesem Fahrzeugsegment beliebte Individualisierung durch Zusatzausrüstung im Heckbereich zu einer signifikanten Veränderung der Radlastverteilung führen kann, und gewährleistet in allen fahrdynamischen Situationen maximale Stabilität und Sicherheit.”

BMW K 1600_03