Ducati Scrambler 1100

Ducati Scrambler 1100


Scrambeln für Große

Ducatis Scrambler-Baureihe war bis jetzt ja ganz nett, doch die 400er- und 800er-Modelle hatten was von Einstieg und Understatement. Das ist jetzt vorbei: Mit gleich drei Versionen einer 1100er-Variante machen die Italiener ernst.

Ducati hat mit der Scrambler-Idee ins Schwarze getroffen: Statt überbordender Leistung und ultramoderner Ausstattung setzen die Bologneser bei ihrer Untermarke ganz auf basis-Technik und einen Look, der sich an den Ur-Scramblern aus den 60er-Jahren orientiert. Bis letztes Jahr beschränkten sich die Italiener auf 400er- und 800er-Modelle, doch jetzt ist die Ausweitung in größere Hubraum-Sphären angesagt, womit sich auch gestandene Motorradfahrer für dieses Konzept erwärmen können: Die Scrambler 1100 ist seit Mitte des Jahres am Start.

Wichtigster Faktor für das Erwachsenwerden des von den Italienern „Land of Joy“ genannte Modellprogramm ist der luftgekühlte 1079-cm3-Vaumotor. Dieser ist keine Neuentwicklung sondern ein alter Bekannter, denn er sorgte auch schon bei den 1100er-Monster-Modellen für flotten Vortrieb. In der Scrambler leistet das Triebwerk vernünftige 86 PS bei 7500/min und bringt es auf ein Drehmoment von 88 Nm, das der L-Twin schon bei niedrigen 4750 Touren abliefert. Gegenüber der 800er-Version ist das neue Aggregat in allen Bereichen souveräner, durchzugsstärker und vor allem kultivierter – die Doppelzündung macht’s möglich.

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Mit der 1100er halten auch die modernen Errungenschaften der Elektronik Eingang in die ursprüngliche Welt der Scrambler. Die 1100er verfügt über eine Ride-by-Wire-Drosselklappensteuerung samt IMU-Sensorik, regelt also die Assistenzsysteme schräglagenabhängig. Damit stehen dem kräftigsten Scrambler drei Riding-Modes (City, Journey und Active) zur Verfügung, die neben dem Ansprechverhalten und der Leistungsabgabe des Motors auch die schräglagenabhängigen Systeme von ABS und Traktionskontrolle steuern. Zwischen den einzelnen Fahrprogrammen lässt es sich während der Fahrt ohne große Mühen schalten, nur für eine weitergehende individuelle Zusammenstellung der einzelnen Einstellungsstufen oder eine Deaktivierung muss das Motorrad stehen. 

In allen Fahrprogrammen überzeugt der Motor durch haben eine saubere und direkte Gasannahme. Ab 2500/min läuft der Motor rund und zieht sehr gleichmäßig durchs Drehzahlband. Seinen Wohlfühlbereich markiert der große Vau um 4000 Umdrehungen, wenn ein sonores Brummen den Vortrieb untermalt. Das bedeutet nicht, dass der Italiener nicht auch die Fortissimo-Fortbewegung beherrscht, wenn man den Motor fordert, bekommt man entsprechende Drehfreude. Bemerkenswert gut sind die Manieren des Italo-Twins: So gut wie keine Lastwechselreaktionen stören das Gasspiel, Vibrationen spürt man kaum und die Reaktionen auf Gasgriffbefehle fallen spontan und exakt aus. Wer’s mag, zuckelt sogar ganz lässig mit dem 1100er-Scrambler im sechsten Gang durch die Innenstadt. Dabei wäre das nicht nötig, denn das Sechsganggetriebe rastet sauber und schaltet sich leichtgängig, die hydraulische Kupplung assistiert hier fehlerfrei.

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Hier macht der City-Modus Sinn, der die Maximalleistung auf 75 PS kappt bei etwas zurückhaltender Gasannahme und frühem Einsetzen der Hilfssysteme. Am harmonischsten wirkt indes der Journey-Fahrmodus, etwas wilder, aber nicht zu unkontrolliert benimmt sich die Scrambler im Active-Modus. Bei Journey wie Active traben alle 86 Pferdchen an. Unabhängig welcher Modus gerade anliegt lässt die Duc die Umwelt deutlich hören, dass hier ein italienischer Vau-Zwo unterwegs ist. Aus der 2-1-2-Auspuffanlage entweicht ein Sound, der für manchen die Grenze des Angenehmen überschreitet.

Optisch zeigt auch die 1100er den klassischen Look, der im ersten Blick kaum von der kleinere 800er zu unterschieden ist. Bei genauerem Hinsehen erst offenbaren sich die größeren Abmessungen, die auch größeren Fahrern ein menschenwürdige Unterbringung bietet. Dann zeigt sich auch die edle Ausstattung mit viel Aluminium dort, wo bei der kleinen Scrambler noch Plastik dominiert. Verschiedene Blenden, die Abdeckung der Instrumente, aber auch die sehr knappen, hübsch anzuschauenden Radabdeckungen tragen ihren Teil zum wertigen Auftritt bei.

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Dass die 1100er der sportlichste Scrambler-Vertreter ist, macht neben der sportiven Bettung – der Fahrer dirigiert die Ducati über einen flachen und sehr breiten Lenker – die sportive Grundabstimmung der Federelemente klar. Dabei funktioniert insbesondere die edle Öhlins-Version in der Sport-Variante zwar straff, aber auch sensibel. Auch das direkt angelenkte Federbein ist sportlich, aber nicht unnachgiebig abgestimmt. Unauffällig und gut agieren die Pirelli-MT-60-Reifen, die der 1100er ein narrensicheres Handling verpassen, das stabilitätsorientierter ist als bei den kleinen Geschwistern. 

Im Vorderrad sorgen zwei halbschwimmend gelagerte 320-mm-Doppelbremsscheiben mit Brembo-Vierkolben-Festsattelzangen dafür, dass jeglicher Übermut bei Bedarf schnell im keim erstickt werden kann. In Sachen Dosierbarkeit und Wirksamkeit befriedigen die Stopper durchaus höhere Ansprüche. Für noch länger anhaltende Fahrfreude ist das Tankvolumen auf 15 Liter angewachsen.