Buell XB 12Scg

Buell XB 12Scg


Vorlauter Erdbeermund

Die will ich haben! Okay, die Moto-Journo-Tante sollte bei Test-Rides ja genauso neutral und vermeintlich objektiv berichten wie andere möglicherweise über Haarshampoos oder Kühlschränke. Oder über alle anderen Kräder und Reifen im Vergleich mit den jeweiligen Vorgängern oder gleich gearteten Modellausführungen.

Wie ein motorisiertes Fahrrad

Die Gleichen unter den Gleichen, haha. Aber Leute, eins ist doch mal klar: Jede(r) empfindet eine Fahrmaschine doch auch immer sehr individuell, hat dabei persönliche Vorlieben genauso wie Abneigungen. Heute hast Du schon mal ein ganz anderes Gefühl beim Fahren als noch den Tag zuvor, obwohl Du dasselbe Krad geritten, sogar die gleiche Strecke abgemetert hast. So, und der Eine hat gaaaanz lange Stelzen und die Andere dann mal ein ziemlich geerdetes Fahrgestell. So will es die Natur. Und bei Buell in East Troy haben sie es auch endlich geschnallt. Nachdem sie uns die turmhohe Ulysses dahin geknallt haben, noch höher als schon die City-X – und jetzt auch noch die für Riesen konzipierte STT, von der auch noch die Rede sein wird - geben sie uns die Scg. Wer das ist? Na, die Buell XB12S in der niedrigen, der Low-Ausführung. Und mir geben sie die Kleine als Draufgabe zur neuesten Schöpfung im Serien-Pool, der reinweißen STT.

Schon eine Sitzprobe ergibt: Ja, da kommste endlich mal mit den Sohlen auf den Boden. Zwar nicht so, wie die Sitzhöhe von angeblich 726 mm vorgibt. Aber da hat das relativ breite, weil bequem ausgelegte Sitzpolster, wohl doch sein Ausmaß drauf. Nun aber kommt der Vorteil des knackig kurzen Radstandes von marginalen 1.320 mm erst recht voll zum Tragen. Denn die kleine Plastik-Knutschkugel in erdbeermundrot (eigentlich „translucent cherry bomb red“) fühlt sich bereits auf den ersten Metern an wie ein motorisiertes Fahrrad. Selbst der - im Gegensatz zur renngesichtigen XB-R - bei der Scg hoch angesiedelte Superbike-Lenker, mit Risern oberhalb der Gabelbrücke angesiedelt, geht direkt perfekt zur Hand. Das fühlt sich alles andere an als viel zu weit weg von der Radachse, wie die Testreiterin doch normalerweise so sehr bevorzugt. Geht doch!

Das alles, und noch viel mehr!

Also bietet sich Euer Geschmeidigkeit auch optimal zum Reisen durch die Republik an. Vorhaben: Immer den Regenwolken entkommen, laut Wetterbericht gen Osten durchstarten, jeden Touren-Tag um die 300 km zurücklegen mit dem Handgepäck und der Kameraausrüstung auf dem Rücken, unbekannte Gebiete per Krad erforschen, ohne Kraftanstrengung und gerne in Schlangenlinien durchs Kurvengestrüpp drittklassiger Landstraßen und enger Städtchen-Gassen streifen. So geschehen mit elastischer Bravour, denn wenn ein Motorrad ausschließlich als wendiges Fortbewegungsmittel mit eingebautem Schräglagen-Erlebnis und ungeteilter Abenteuerlust wahrgenommen wird denn als Störenfried gedachter Linien in der Landschaft, dann kann doch mit Fug und Recht behauptet werden, dass technische Komponenten als auch Fahrwerkseigenschaften als auch Ergonomie im völligen Einklang stehen. Einzig das Lüfter-Problem für das Nachglühen des hinteren Zylinders: Stellst du nach hetziger Kurven-Exkursion dein Plastik-Bonbon lecker gelutscht mitten in der Altstadt von Pusemuckel ab, verlässt du am besten fluchtartig das Terrain. Denn so laut und peinlich kreischt der Lüfter noch eine Weile nach, dass du nicht als Owner und Rider dieser Ami-Plastique identifiziert werden möchtest, haha! „Hört sich wie `ne Straßenkehrmaschine an, was da neben meiner Tuono röhrt“, meint mein Reisebegleiter ein ums andere Mal, sichtlich pikiert ob dieser Motorrad-untypischen Soundkulisse. Aber hey, wenn’s weiter nichts ist, hehe.

Equipment und Xaitment

Die Hebelei passt genauso exakt zur kleinen Hand wie die Bremsanlage zum manchmal kleinen Herz, keinerlei Überforderung, die Perimeter-Brems-Anlage funktioniert perfekt zur Bissigkeit oder Lieblichkeit, je nach gerade eingestelltem Gemütszustand. Aber der bärbeißige 12-Hunderter Motor, der geht immer und aus jeder Ecke raus, dass es ein Liebreiz ist für die Gaskralle, selbst, wenn alle Nägel gerade eingezogen sind. Noch mal eben vor der Kurve wroooaaammm am Trecker vorbei hämmern? No problem! Die zentrierten Massen laut Eric Buells Konzept der uneingeschränkten Gelenkigkeit machen sich so klein, dass du denkst, es gibt sie kaum. Öl in der Schwinge, Sprit im Rahmen, kompakter aber effizienter Motorraum mit straighter Emission direkt be-low, das sind die eindeutigen Indizien aller Buellen der XB-Serie. Der luftgekühlte V-Twin verteilt sein Potenzial großzügig in jedem Gang, die mittleren Newton-Meters unter der Spitze von 110 Nm und feudalen 101 PS lassen dich auf der perfekten Welle rollen, so dass du schaltfaul ums Eck wie draußen im Outback kraftvoll stromern kannst. Die neuerdings aufgezogenen Pirelli Diabolo vermitteln dir mit dem straffen Fahrwerk ewigen Grip. Selbst die groß gewachsene Tochter als Sozia findet auf der kleinen Scg ausreichenden Sitzplatz und Spaß für die längere Tour um die Talsperren des Sauerlandes. Und mittlerweile sind wir da ein eingespieltes Team, wenn wir direkt nach dem Landen sofort weg springen vom exotischen Krad, das immer das letzte Wort bei jeder Tour hat. Aber still staunen wir stolz aus der Ferne, kreisen doch immer sofort neugierig aufgeschreckt die anderen Kabelzieher um die Erdbeermundrote, so vorlaute. Das lebt und bebt!