Buell XB-9S

Buell XB-9S


Sister Act

Auf Supersportmaschinen basierende Allrounder sind oftmals eher brave Schwestern. Bei Buell ist's anders. Die nackte XB-9S ist ein scharfes Luder!

Oktober in den zerklüfteten Bergen zwischen Cannes, Nizza und Grasse. Von rauer Schönheit geprägte Natur im Süden der französischen Seealpen. Laue 20 Grad. Die milde Herbstsonne zaubert lange Schatten auf die griffig asphaltierte, sich in unzähligen Kehren vom Meer durch felsige Schluchten bis zu den höchsten Gipfeln hinauf schwingende Strasse. Die knorrigen Korkeichen am Wegesrand erstrahlen in buntem Laub, die roten Felsen glühen wie heisses Eisen. Nur das nahe Zirpen einer Zikade ist zu hören. Ferienstimmung. Dann plötzlich unheilvolle Stille. Ein stumpfes Geräusch dringt ans Ohr. Schwillt langsam an. Wird klarer, verschwindet kurz, um dann vernehmlicher, stetig lauter zu werden.

Unter dem Felsüberhang, auf dem wir sitzen, bahnt sich etwas seinen Weg. Den Berg herauf. Es ist schnell unterwegs. Es ist auf der Jagd. Wittert schmackhafte Beute in Form fetter, runder Kurven. Es will sie alle verschlingen. Sein wütender Hunger nach Radien aller Art ist immerwährend. Das Geräusch wird zum kehligen Brummen, zum heisseren Donnern und - schwupps - plötzlich wischt es unter uns vorbei. Es ist knallgelb. Voller Intensität an Form und Farbe. Einen Augenblick später ist es weg. Nur wenig länger ist noch das dumpfe Brummen zu vernehmen. Leiser werdend. Dann verstummend. Die Zikade hat's überlebt, stimmt wieder ihr melancholisches Lied an. Und wir? Grinsen breit, stülpen die Helme über und gehen auf die Jagd. Nach fetten Kurven!

Wie? Sie finden das zu pathetisch?

Na ja. Sie sind ja auch noch nicht mit der neuen Buell XB-9S gefahren. Sie haben noch nicht erlebt, wie viel Fun man auf diesem US-Streetfighter haben kann. Sie wissen nicht, wie erholsam und zugleich lustfördernd es ist, im dritten Gang einen ganzen Berg hinaufräubern zu können, ohne das Gefühl zu haben, der Bock schiebe zu wenig druckvoll an. Sie ahnen nicht, wie es sich anfühlt, wenn sich mickrige 1320 mm Radstand, ein uriger 92-PS-V2-Hammer, lockere 175 Kilogramm Trockengewicht und eine breite Dirt-Track-Segelstange vereinen. Soll ich es Ihnen verraten? Also: Es fühlt sich einfach geil an. Jawoll: Geil ist genau das richtige Wort. Auch wenn die ganz braven Leser das jetzt mal wieder masslos übertrieben finden. Es ist geil!

BuellXB9S_stoppie

Das einfache Rezept zum Glück

Das Rezept, mit dem der Töff-Enthusiast Eric Buell seinen charakterstarken Kreationen XB-9R Firebolt (für Sportfahrer) und XB-9S Lightning (für Spassfahrer) so viel Fun-Potential einhaucht, ist eigentlich simpel: Man lässt weg, was es nicht braucht. Vor allem Gewicht. Und man zentriert die Massen im Zentrum. So ist der Alu-Rahmen zugleich Rückgrat und Benzintank, der Motor schwingungsentkoppelt aufgehängt und doch tragendes Bauteil, die Aluschwinge auch Öltank, der Aluguss-Instrumententräger auch Verkleidungs- und Lampenhalter. Eine einzelne, riesige Bremsscheibe spart ebenso Gewicht wie die sehr filigranen Räder, die so dünne Speichen haben können, weil die felgenfixierte Bremsscheibe viel weniger Kraft auf die Speichen wuchtet als herkömmliche, im Radzentrum befindliche Bremsscheiben.Die Fahrwerksgeometrie ist extrem. Kurzer Radstand, noch kürzerer Nachlauf, steiler Lenkkopfwinkel. Das, die vorderrad-lastige Gesichtsverteilung und der tiefliegende Gesamtschwerpunkt machen den Töff sehr handlich und agil. Allerdings hat die radikale Geometrie auch ihre Tücken. Das voll einstellbare Fahrwerk reagiert schon auf kleine Änderungen an der Dämpfungs- und Vorspannungs-Einstellung der USD-Gabel und des Zentralfederbeins sehr sensibel.

BuellXB9S_burnout

Wer zu viel am falschen Rädchen dreht, kann aus einem harmonisch-komfortablen, aber doch sportlich-straffen, ultra-handlichen Töff einen sich beim Bremsen aufstellenden, unwillig einlenkenden, feedback-losen Bock machen. Es empfiehlt sich, die mehrere Seiten umfassenden Hinweise zur Fahrwerks-Abstimmung in der Bedienungsanleitung eingehend zu studieren und mit feiner Hand an den Einstellschrauben der Federungselemente zu hantieren. Die Unterschiede zwischen der Firebolt und der Lightning sind nicht riesig. Die schmucke Halbschale der XB-9R wich einer Mini-Cockpitblende über zwei Rundscheinwerfern, welche übrigens die Nacht gut erhellen. Toll: Im Gegensatz zu so manch anderem Naked-Bike liegt die Verkleidung ganz eng an, nirgends sind wirre Kabelstränge zu sehen, alles ist harmonisch verpackt und sehr schön verarbeitet.

Anstelle der tiefen Lenkerstummel der R gibt es auf der S einen breiten Lenker, die Fussrasten wurden neu geformt, sodass sich trotz ihrer Befestigung an den unveränderten Rastenplatten der R eine merklich tiefere Position ergibt. «Die Schräglagenfreiheit ist etwa vier Grad geringer als bei der R», erklärt uns der Buell-Techniker. Trotzdem hat keiner der Journalisten den Töff zum Streifen gebracht. Zumindest nicht, ohne selbst auch am Asphalt zu streifen; und zwar nicht bloss mit dem Knieschleifer oder der Stiefelspitze; Sie verstehen schon -Zusammen mit der geänderten Sitzbank ergibt sich eine aufrechte, für so kleine Menschen wie mich (1,69 Meter)  perfekte Sitzposition.Übrigens: Die Sitzbank ist auch in einer 27 mm niedrigeren Ausführung erhältlich, was eine damenfreundliche Sitzhöhe von 738 mm ergibt! Über den breiten Lenker hat man die Buell XB-9S bestens im Griff. Die Kurve anpeilen, einlenken und mit sauberem Strich ums Eck fegen, dass der Gummi wimmert; kein Problem! Egal, ob im klassischen Stil mit den Knien am Tank oder im rennmässigen Hang-Off: Die Buell fährt immer eine saubere Linie.

Die vordere Bremse beisst vehement, ist gut dosierbar. Das hintere Pendant gibt sich eher holzig und wenig bissig. Auch die Schaltung arbeitet eher knorrig und will mit Nachdruck bedient werden. «Eine Buell braucht schon 3000 Kilometer bis sie sich weich schalten lässt», entschuldigt der Buell-Techniker. «Dafür hält es richtig was aus», fügt er grinsend hinzu, als ein Kollege im Wheelie abfährt und dabei gnadenlos die unteren drei Gänge durchdrescht.

BuellXB9S_front

Hauptsache, das Kind hat Spass!

Ja, ja. Sie macht halt Spass, die Buell XB-9S. Irgendwie kann man mit diesem Töff nicht so richtig normal fahren. Ständig ertappt man sich bei kleinen Dummheiten wie Wheelies, Stoppies oder Burnouts. Auch ist man irgendwie geneigt, auszuprobieren, wie mit einem Supermotard-Töff mit leicht in den Schlupfbereich überbremstem Hinterrad einzulenken. Einige XB-9S-Tester wurden dabei ertappt, wie sie erfolgreich versuchten, zwischen den zahlreichen Kurven noch ein paar Extra-Schlenker einzubauen.Die Buell XB-9S ist ein Töff für verwöhnte Minimalisten.Für Minimalisten, weil sie konsequent verzichten müssen: Auf viel Gepäck, weil auf der Mini-Rückbank kaum ein Rucksack Platz hat. Auf Windschutz. Auf mehr als 92 PS. Auf ein nähmaschinenartig feines Getriebe. Auf zerrfreie Bilder in den vibrierenden Spiegeln. Auf ABS, auf Griffheizung, auf LED-Rückleuchten. Auf Soziustauglichkeit und auf das Prestige des 160-PS-Bändigers.

Für Verwöhnte, weil die Buell XB-9S so viel Laune macht. Weil sie so tolle Bremsen, ein so leichtfüssiges Handling, eine gute Verarbeitung und diesen drehmomentstarken V2-Gummiband-Triebsatz hat, der so herrlich urige Vibrationen aussendet, die nie lästig werden und einen doch immer fühlen lassen, dass man auf einem Töff sitzt. Kenner wissen: Beim Töffahren geht es um Fun. Um Leidenschaft. Um das Kribbeln im Bauch. Es geht um den Spass am Leben. Der Weg ist das Ziel und ihr Töff wird zuallervorderst von Ihrem persönlichen Drang nach Freiheit, Abenteuer und Vergnügen angetrieben. Probieren Sie es mal aus. Gehen Sie auf die Jagd. Nach fetten, runden Kurven! 

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Text: Jörg Wissmann

Fotos: Buenos Dias