Buell 1125 R 2009

Buell 1125 R 2009


Zum Trödeln zu schade

Grob brutal, wie das Gas erst am Griff fest hängt und dann nach vorn die Fuhre heftig reißt Ein Novum: Noch nie habe ich ein Moped als „Fuhre“ bezeichnet. Hier passt es. Erst behäbig im Gasannahmeverhalten, dann reißt es die Fuhre wie eine Furie nach vorn. „COLD!“ schreit es mir im Display entgegen.

Ja und? Muss der Hammer trotzdem gleich erst dreimal hintereinander ausgehen, obwohl ich ihn doch gerade liebevoll anwärmen will? Na gut, dann muss das Triebwerk erst per Gasgriff leicht angetriggert werden, okay, das weiß ich jetzt schon mal. Erst drängte sich ja schon der Verdacht auf, ob ich da zunächst einen Choke hätte ziehen müssen *kicher*, damit der Apparat von Anfang an am Leben bleibt… Ansonsten, das großformatige Display gibt großartig Auskünfte über alle möglichen Bewusstseinzustände, großflächig wie ein Instrumentenbrett am Buick. Typisch amerikanisch. Da muss ich nicht mal meine Lesebrille für aufsetzen, um zu erkennen, wie viel Gräder das draußen wie drinnen hat. Fehlt nur eine Ganganzeige, ja, wo ist denn die? Da muss ich erst das Handbuch noch mal zu Rate ziehen, aber das schenke ich mir jetzt. Schließlich erscheinen gerade die Temperaturen oberhalb von „COLD“, dann kann es ja endlich losgehen. Zunächst wirkt das Boot groß, schwer, behäbig. Mag an den riesigen Luftfängen hängen da neben den Gabelrohren. Okay, schon hat das Krad seinen Namen weg: Dumbo, der fliegende Buellen-Elephant. Und tatsächlich, beim Cruisen, was doch auch typisch amerikanisch ist, wirkt Dumbo völlig unterfordert, beinahe lustlos, nimmt nur erst widerwillig den Gasbefehl zur Kenntnis und stürmt dann unvermittelt nach vorn.

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Wilde Welten

Ja stimmt ja, das ist zwar vom guten noch gar nicht so alten Erik Buell erfunden worden, dieses Eisen aus East Troy. Aber der Reaktor stammt in diesem Fall aus europäischer, kooperierender Hand, will sagen: Für das wassergekühlte Triebwerk zeichnet Rotax aus Österreich verantwortlich. Spritzig wie Luis Trenker auf der Alm in seinen besten Jahren, wenn der Redestrom nicht versiegen will und immer weiter unterhaltsam bleibt. Aber Obacht: bei der fest zu packenden Perimeter-Bremse (375 mm-Einzelscheibe mit Abstützung direkt am Felgenbett) mit dem unwirschen Acht-Kolben-Bremssattel (ZTL2, „Zero Torsional Load“ der zweiten Generation) auf der rechten Seite des Vorderrades, heißt es: nicht! zu grobmotorisch zugepackt! Da solltest du nur dran gehen, wenn du das auch wirklich willst. Nur nichts Falsches gesagt, Herr Burgfrieden! Sonst zieht dich das vehement in die Stoppie-Position. Aber nun verschreckt weiter im Gondelgang mag die Buell mit dem „R“ im Nachnamen eigentlich nicht so gern rumzockeln. Da wird sie unwirsch in den unteren Drehzahlen, quasi bis fast nach 4.000 U/min rauf stoppelt sie ungnädig durch die Straßenschluchten und den Alltags-Modus, nimmt gar die Wasserpumpe als dritte Ausgleichswelle her wegen weil der kurzen Einbaulänge des V2 mit dem engen Zylinderwinkel von 72 Grad. Soll hohen Drehzahlen Härte nehmen, die den V2 der sportlichen Generationen so hart angehangen werden. Schließlich: 1125 Kubik werden aus 103 mm Bohrung bei 67,5 mm Hub hergenommen. Und: Verdichtung 12,3:1 ist auch keine Ansage für Motivsockenträger. Da zeigt die Datenwaage mit knapp 150 PS bei um die 10.000 U/min auf. Mächtige 111 Nm zeigen bei 8.000 auf. Und bei 10.500 ist beim Rotax eh elektronisch geregeltes Finale angesagt.

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Gewalt im Wald

Also ran und okay, die drögen Knifften sind verdrückt, jetzt geht’s an die fetten Buletten fressen. Rauf auf die zweispurige Teststrecke im Bergischen, da, wo sowieso fast nichts los ist an lauen Montagabendstunden. In Ermangelung einer Rennstrecke muss der glatte, breite Asphaltstreifen für den „higher Speed-Check“ herhalten. Und da zeigt die Buellige plötzlich die Flieger-Qualitäten – von wegen Dumbo… ordentlich Feuer unter den Fliegerohren und jetzt reißt es dich eher wie Fury nach vorn, der teufelschwarze Mustanghengst. Vergessen das trödelige Fahrverhalten, die leichte Aversion basiert nur auf Nicht-Nutzen der „racigen“ Kapazitäten. Feuer frei den geöffneten Drosselklappen. Das wird unmittelbar klar bei dem verschlankten V2-Triebwerk, wenn Dumbo freie Flugbahn und den Marschbefehl dazu erhält. Und der grobe Schornstein unterm Fahrwerk lässt ungehemmt die Big Band raus – von Schönheit und Leisetretern hat keiner hier was gesagt. Da ist der schwarze Bad Boy so was von bei der Sache, die digitale Anzeige schwappt im Nu auf die 200 km/h zu. Yeah! Hat sich gelohnt, die nachtschwarze Lederkombi passend zum Krad überzustreifen. Lieb war gestern! Heute regiert die Macht der Fortbewegung! Da stellen sich auch nicht die Showa-Elemente für Dämpfung noch Federung verschränkt im Wege und dagegen. Ein Fahrwerk, das man gar nicht bemerkt, ist also ein beachtlich gutes. Klar, die Jungs haben schon vorher die Feineinstellung anhand des Bodymaß-Index und der Körperwaage vorgenommen. Der Einstellmöglichkeiten gibt’s gar viele, die sind ganz geschmeidig dem Handbuch zu entnehmen und damit gar kein Hexenwerk. Einzig behäbig wirkt die optische Masse in engen Kurven, wenn der Körperbau doch heftig am Lenkimpuls hebelt für die gar enge Zirkelei. Da steht der Dumbo gerade für seinen gedachten Aufbau, der mit dem „R“ recht unmissverständlich einhergeht. Rennen, nicht rumstoppeln, so will der Buellen-Elephant verstanden und ins freie Feld geschickt werden. Nicht weniger. Wenn doch mehr geht. Aber glücklich wird er nirgendwo, solange es nur zum Brötchenholen geht!

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Text: Sabine Welte, Fotos: agnomic/welte