Harley Davidson XR 1200

Harley Davidson XR 1200


Zwei Paukenschläge für ein Halleluja

Think big! Eine bisher gut funktionierende Devise der Amis. Die Sache mit dem „Downsizing“ in jeglicher Lebenslage dagegen will sich erst noch in den USA rum sprechen und durchsetzen. Die XR1200 ist jedenfalls von Harley Davidson nur für den Europäischen Markt an den Start gebracht worden.

Dieses Eisen steht dennoch für die alt hergebrachten Werte von hubraumstarken Krafträdern in Heavy-Metal-Ausführung. Das rockt noch so richtig, da ist noch der ganze Headbanger gefragt. Obwohl die dem Flat Track Racer XR 750 nachempfundene Sportster mitten im Stadtbild von Wipperfürth schon nahezu zierlich wirkt. Sogar neben all den Reisbrennern, die sich da zum Saisonstart vor dem beliebten Hanse-Café versammelt haben. Hier wird noch offen und hemmungslos zur Schau gestellt, was die Gashand und das Gemüt bewegt und belebt. Und da kommt der intensiv-orange Body mit der schwungvollen Krawallanlage als Doppelrohr-Ensemble gerade recht. Dass der Evolution-Motor in Gummi gelagert seinem Fahrer die richtig harte Gangart ersparen will, sieht man diesem puristischen Kraftrad auf den ersten Blick nicht an. Zu stark vermittelt das lässig auf dem langen Seitenständer lehnende Eisen das Flat-Track-Racing-Feeling vergangener Tage. Denn genau in dieser Fraktion dominierten die Amis von jeher über die Nippon-Front. Kein Wunder bei der Agilität des berühmten Ovalrenners als Vorbild für diese Sportster. 

Berührt – nicht geschüttelt!

Dieser muskulöse V2-Zweiventiler als Kraftmeier spannt unter der Gashand seinen Bizeps wie Kaliforniens Gouverneur Arnie Schwarzenegger zu seinen besten Terminator-Zeiten. Ohne sich lange bitten zu lassen, holt der Muskelmann bereits tief aus der Hüfte zum gezielten Schwinger aus. Aber eh klar, bei 7.000 U/min ist das Drehzahlziel der 91 PS schon ultimativ erreicht, die 100 Nm fallen bereits bei 3.700 U/min per Zahnriemen übers Hinterrad her. Da spielt sich die Blaskapelle bekanntlich schon sehr viel früher aus dem Orchestergraben heraus in die Herzen des Auditoriums, während die Japaner erst bei dünner Luft in Höhenlagen zum Gegenschlag am Trommelfell ausholen können. Quasi der Vorschlaghammer versus Samurai-Klinge. Okay, die Masse von 260 kg Lebendgewicht am Ami-Eisen verspricht erstmal alles andere als Agilität wie die der magersüchtigen Windgesichter aus dem Okzident. Aber auf der Landstraße, erst recht bei der Bergwertung, zählt vor allem eins: Durchschlagkraft! Wenn du Schwung nehmen willst für die Hochsauerlandstraße oder im Bergischen mal richtig zeigen magst, wo der Hammer in diesem stärksten luftgekühlten Harley-V2 hängt (mit ganz neuer Fallstromtechnik, auf geradem Weg von oben angesaugtem Gemisch, in Kansas City in Missouri gebaut), dann darf das Ami-Eisen seine sportliche Note rauslassen. Wohlgemerkt: Solch eine Harley lässt sich natürlich nicht mit den Attitüden von Supersportlern vergleichen, wenn hier von Sportlichkeit geredet wird. Die Challenge liegt vielmehr im Beschleunigungsmodus der Spezies „Wuchtbrumme“. Da schenkt die bislang sportlichste aller Sportster-Modelle dem vermeintlichen Gegner nichts. Über alle Gefechtssituationen erhaben bringt das Fahrwerk aus wuchtiger Leichtmetallguss-Schwinge und verwindungssteifer 43er-Upside-Down-Gabel von Showa auch so schnell nichts aus der Ruhe. Selbst die kräftig zupackende Nissin-Dreischeiben-Bremsanlage (Doppelscheibe mit Vierkolbenzange vorn) bringst du da trotz des eher mächtigen Körpervolumens nicht ins Schwitzen, wenn es wieder talwärts mit dem 1200er Metal-Hammer geht.

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Wuchtig – nicht protzig!

Dabei reitest Du auf dem Kamm der Drehmomentwelle selbst ohne Grund, damit dich auch die Schallwelle aus sonoren Bässen so richtig zu packen und mitzureißen vermag. Denn da könnte der Wumms für Ohr und Magengrube weitaus kraftvoller rüber kommen als wahrscheinlich jeder Verkehrsminister im „Schweig-feig-still“ - Europa erlauben würde. Dafür gibt’s weitaus mehr Schräglagenfreiheit an der XR als bei den Vorgängern und Mitstreitern im Sportster-Segment. Hier bringst du die Angstnippel wie beispielsweise an der Nightster nicht so flott zum Reiben am Asphalt. Kurventüchtig lässt sich der Ami auf den serienmäßig montierten Dunlop Sportmax Qualifier D209F nicht zweimal ums Eck bitten. Da muss auch nicht seelenruhig extra auf Materialabrieb hingearbeitet werden. Der Ami spricht beim kraftvollen V2-Reiten über Land vom „Cruisen“. Aber hier, beim „European Way of Riding“ - und sogar im nasskalten Regen wie so häufig in diesem Lenz - lässt es sich mit der XR 1200 wunderbar entspannt durchs Land „schlenzen“. Mit einer Art von gelassener Sportlichkeit, mit der nur diese Sportster sich bis tief ins Gemüt hinein zu fahren vermag. Für Extreme Sport eh viel zu schade:-)

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Text: Sabine Welte

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