Ducati 999

Ducati 999


Die neue Königin

Ducati 999 «REDvolution» - die konsequente Weiterentwicklung eines fast perfekten Superbikes zur vorläufigen Vollendung.

Die Superbike-WM - das ist, wenn Ducati gewinnt. 192 Siege, neun Fahrer- und zehn Marken-WM-Titel hat die italienische Marke seit den Anfängen der Superbike-WM anno 1988 bis Mitte Juli 2002 erobert - mehr, als alle Konkurrenten zusammen! Wir erinnern uns an das erste Ducati-Superbike, die Ducati 851. Mit ihr eroberte Raymond Roche 1990 den ersten Superbike-WM-Titel für die Bologneser Firma. Danach folgten acht weitere Titel durch Doug Polen (1991 und '92) mit der wunderschönen 888, gefolgt von „King Carl“ Fogarty, der 1994/ '95 im Sattel der 916 und 1998/ '99 mit der 996 insgesamt vier Titel eroberte. 1996 war es Troy Corser, der den Titel für Ducati sicherte und letztes Jahr hieß der Weltmeister Troy Bayliss, der auch dieses Jahr auf der 998 die WM dominiert und 2003 mit der Ducati Desmosedici in der MotoGP-Klasse gegen Valentino Rossi und Co fighten soll.

Die Ducati-Diven

Und obwohl schon die Ducati 851 und auch die 888 Ducati unvergessliche Motorrad-Legenden bleiben, waren und sind es doch vor allem die Ducati 916 und ihre optisch nur sehr geringfügig modifizierten Nachfolgerinnen 996 und 998 mit dem genialen Testastretta-Motor, die den Weltruf der Marke heute begründen. Gezeichnet von der Meisterhand des genialen Motorrad-Konstrukteurs und Designers Massimo Tamburini, der so unvergleichliche Schönheiten schuf wie die Ducati Monster, die MV-Agusta-Modelle F4S und Brutale sowie die Raptoren von Cagiva. Es war somit keine leichte Aufgabe für Ducati-Chefdesigner Pierre Terblanche, ein neues Motorrad zu zeichnen, das nicht nur funktional besser sondern überdies auch mindestens so hübsch anzuschauen ist wie die 916er-Baureihe. „Ich hatte mehr als nur eine schlaflose Nacht. Alleine den Tank habe ich mindestens 15 Mal neu gestaltet“, erinnert sich Terblanche.

Ducati 999 Bild 9

Herz und Schmerz

Das Ergebnis polarisiert die Gemüter. Wer die neue Ducati 999 zum ersten Mal erblickt, denkt zunächst, der gebbürtige Südafrikaner habe versagt. Bei näherer Betrachtung und intensiver Beschäftigung mit der jüngsten italienischen Diva wird er aber feststellen müssen, dass zwar viele Designelemente der 916er-Reihe verloren gingen, mindestens ebenso viele Teile aus deren Erbmasse aber unverändert oder nur minimal modifiziert übernommen wurden. Zudem sind einige Anlagen der MV Agusta hinzugekommen, mindestens ebenso viele Teile wurden neu konstruiert (siehe Kasten) und in wunderschöne Formen gegossen. Die neue Ducati 999 ist ein optischer Schmelzkuchen aus Ducati 916, MV Agusta F4S und den Design-Ikonen Ducati MHR sowie Ducati Multistrada, gepaart mit renntauglicher Funktionalität, abgestimmt mit einem Hauch marketingplanerischer Vernunftstrategie, das Ganze getaucht in Ferrari-Rot. Herrlich!

Bessere Aerodynamik

Oberste Entwicklungsziele für Terblanche und die Truppe um Test-Leiter Andrea Forni waren: Mehr Topspeed, leichteres Handling, mehr Möglichkeiten zur individuellen Abstimmung auf die Bedürfnisse verschiedener Fahrer auf unterschiedlichen Strecken. Gleichzeitig standen im Lastenheft aber auch die Punkte: Mehr Komfort für den Alltag, höhere Service-Freundlichkeit. Da die Aerodynamik der Ducati 998 mit einem cw-Wert von 0,298 bereits außerordentlich gut war, blieb Terblanche nur ein Weg: „Wir haben den Piloten 15 mm tiefer platziert, die Front flacher und schmaler gemacht, den Rahmen im hinteren Bereich 20 mm schmäler gestaltet, ein noch schlankeres Heck erfunden“, erklärt er. „Außerdem haben wir seitliche Deflektoren entwickelt, die den Luftstrom an den Flanken glätten, bremsende Turbulenzen vermeiden. Wie beim MotoGP-Bike wurde der Verschalungskiel extrem weit nach hinten gezogen. Der Seitenständer ist integriert.“ Nebeneffekt der Kur: Große wie kleine Piloten sitzen angenehmer, weil die Lenkerstummel nun relativ zum Sitz höher liegen. Die extrem schlanke Taille der 999, welche zugleich einen herrlichen Blick auf den hinteren Zylinder erlaubt, macht es kleinen Fahrern einfacher, die 999 im Stand zu balancieren. Große Menschen sitzen klar komfortabler, der Windschutz ist für alle besser. Auch die einstellbaren Fußrasten sowie die in Längsrichtung in drei Positionen verstellbare Tank-Sitzbank-Einheit der Monoposto-Version sind genial. Wie bisher sind überdies der Lenkkopfwinkel und damit der Nachlauf, die Heckhöhe, Handbrems- und Kupplungshebel und selbstverständlich die Gabel und das Zentralfederbein einstellbar. Wer auf diesem Bike nicht seine persönlich optimale Sitzposition und seine bevorzugte Fahrwerksabstimmung findet, muss ein wirklich gröberes Problem haben.

Ducati 999 Bild 2

Die Schwinge wirkt Wunder

Hauptvorteil der neuen Ducati 999 gegenüber der 998 ist, neben der besseren Sitzergonomie, vor allem die 15 mm längere, klar steifere, allerdings nur wenig leichtere Alu-Zweiarmschwinge. Dank ihr wuchs der Radstand um 10 mm, lastet mehr statisches Gewicht auf dem Vorderrad (50,7 Prozent). Die längere Schwinge unterbindet größere dynamische Gewichtsverteilungen beim harten Bremsen und Beschleunigen – der Fahrer spürt deutlich, dass die 999 im Vergleich zur 998 in der Bremszone und beim Herausbeschleunigen aus engen Kehren wesentlich ruhiger liegt. Selbst beim Hochschalten in der ultraschnellen Dreifach-Linkskurve in Misano, welche einen mit mehr als 220 km/h auf die Gegengerade hinausfeuert, bleibt die Ducati vollkommen ruhig auf der angepeilten Linie. Ein Lenkungsdämpfer unterbindet jeglichen Ansatz zu Lenkerschlagen vorbildlich. Zudem gibt sich die 999 bei den schnellen Schräglagenwechseln in den Schikanen der Rennstrecke von Misano/I deutlich agiler als die 998. Inwieweit dies an den für den Test aufgezogenen, bekannt handlingfreundlichen Michelin Pilot Sport (vorne in der neuen Cup-Mischung) liegt, muss ein Test mit anderen Reifen klären. Ohnehin überzeugten die rein auf den Straßeneinsatz ausgelegten Michelin Piolot Sport in Misano auf der drehmomentstarken 999 nicht unbedingt; viel zu früh waren ihre Haftungsgrenzen erreicht. Frappierend ist die Veränderung des Handlings, wenn die Tank-Sitz-Einheit verschoben wird, was wir exklusiv am zweiten Testtag ausprobieren konnten. Zwar fühlt sich die Sitzposition in allen drei Positionen nur marginal anders an. Doch mit ganz vorne platziertem Sitz ist die Ducati spürbar handlicher, auf der Bremse dafür etwas nervöser. Mit ganz nach hinten gerutschtem Sitz scheint die Stabilität grenzenlos, das Handling wird im Gegenzug merklich zäher.

Ducati 999 Bild 4

Die bereits aus der 998 und der 996 R bekannten Brembo-Vierkolben-Zangen mit vier Einzelbelägen sind in ihrer Wirksamkeit über alle Zweifel erhaben. Dosierbarkeit und Feedback haben dank der nun serienmäßig verbauten 18-mm-Radialpumpe sogar nochmals gewonnen. Auch die hydraulische Kupplung ist nun mit weniger Handkraft und zudem bestens dosierbar zu betätigen. Ein großer Wermutstropfen ist der eher dezente Sound, welcher aus dem sehr voluminösen Endschalldämpfer tönt. Wir hoffen sehr, dass die von Termingioni bereits vorbereitete Sportanlage wieder wahrhaft glorreichen Ducati-Sound bringt. Zudem heizt der mit zwei ungeregelten Katalysatoren ausgerüstete Auspuff die Kunststoffteile des Höckers so extrem auf, dass man sich daran die Hände verbrennt! Auf diesem Motorrad kann definitiv kein Gepäck am Heck mitgeführt werden. Auch die Sitzgelegenheit für die Sozia wird recht warm - aber sie ist ohnedies in so luftiger Höhe angesiedelt, dass nur sehr leidensfähige Damen hier freiwillig längere Zeit Platz nehmen werden.

Alltagstauglichkeit?

Erfreulich: Die Polyellipsoid-Scheinwerfer liefern gutes Licht, die Rückspiegel mit den integrierten Blinkern bieten eine verzerrungsfreie, wenngleich durch die Ellbogen eingeschränkte Sicht nach hinten. Das superleichte Cockpit informiert umfangreich, leider sind aber bei Sonneneinstrahlung die Kontrollleuchten fast nicht zu erkennen. Und wenn wir schon am Mäkeln sind: Die Kettenspanner sehen zwar wirklich toll aus, doch, wie bei den Bemühungen der Mechaniker vor Ort zu sehen war: Es gibt in punkto Bedienbarkeit sicher bessere Lösungen. Aber eben: Alltagstauglichkeit stand nicht zuoberst im Lastenheft. Und für die Piste ist die 999 bestens gerüstet. So können die Spiegel und die über einen Zentralstecker mit der Bordelektronik verbundene Einheit aus Heckleuchte und Blinkern rasch abgenommen werden.

999 S, 999 R und Multistrada

Wie von der 998 wird es auch von der 999 eine mit Öhlins-Federungskomponenten, Öhlins-Lenkungsdämpfer sowie einem 136-PS-Motor ausgerüstete S-Version geben. Für 2003 ist eine etwa 140 PS starke R-Variante angedacht, welche die Basis für die WM-Bikes des Ducati-Corse-Werksteams sein wird. Bereits jetzt bietet Ducati zahlreiche Karbon- und Magnesiumteile sowie eine 999-Bekleidungslinie von Dainese an. Die ersten Ducati 999 sind, wenn Ihr liebe Leser(innen) dieses Heft in Händen haltet, bereits in den Ducati-Stores ausgestellt. Das auf der Intermot vorgestellte, auf dem Fahrwerk der 999 basierende Funbike Ducati Multistrada (siehe Biker Szene 11/2001) wird ab Frühjahr 2003 lieferbar sein.

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Text: Jörg Wissmann
Fotos: Stefano Gadda, Alessio Barbanti