Harley Sportster XL 1200 N

Harley Sportster XL 1200 N


N wie Nightster – Feel Free

Jeder Gangwechsel wie ein Eisenhammerschlag auf eine leere Blechmilchkanne… „die wollen das so, die echten Harleyristen“

Was wie die Diskriminierung einer ganzen Volksgruppe klingt, soll angeblich auf einer seriös-wissenschaftlichen Umfrage basieren. Aha! Jedenfalls will mir das ein Karohemdträger an der Bever-Talsperre verklickern, nachdem er die spontane Schilderung meines Sinneseindrucks vernommen hat. Obwohl, mutet durchaus glaubhaft an, was der BMW-Freak – muss der gerade sagen, grins - da von sich gibt. Denn was eine „richtige“ Harley auch heute noch in Zeiten von Wasserstoff-Antriebskonzepten und lange vor den neuerdings wassergekühlten Harleys mit ketzerischem Porsche-Engineering ausmacht, ist das in ihr pulsierende, das urtümliche Leben. Ja, diese Nightster lebt! Wie eben das Original der rauhen Altvorderen. Wie anders erklärt es sich sonst, dass der ganze, so hager wirkende Körper in dieser apart blauen Lackierung sofort beim Druck auf den E-Starter ungeduldig auf dem langen Seitenständer-Latschen zappelt wie ein am Anbinde-Haken zerrender Mustang, der endlich die endlose Weite der freien Prärie durch die weit geöffneten Nüstern atmen will?

Aufbruch

An dieser Stelle muss ich jetzt mal offen und ehrlich zugeben: Das ist die erste Harley in meinem Leben! Ja doch, das allererste Mal, dass ich solch ein amerikanisches Reiteisen aus Milwaukee, ein Motorrad mit so viel Historie, so viel Mystik, mit all der Aura und dem Esprit aus über einem vollen, geschichtsträchtigen Jahrhundert besteigen werde. Irgendwie komme ich mir vor wie in einem alten John Wayne-Film, wenn die wilden Kerle auf ihre noch wilderen Mustangs aufspringen und mit einem „Yippiehyaijeajei“ auf und davon reiten, dem malerischen Sonnenuntergang und der verlockenden Freiheit entgegen. Wow! Peitschenknall und Zügel los! Rosinante, oder besser: Hildegard, sagen Sie jetzt nichts! Oder doch: Gemächlich wummert das extrem lange, über 2.100 mm messende Krad, nach dem ersten „Schlag auf die Milchkanne“ durch das gammelige Holztor meiner Hofeinfahrt, da lange ich mit dem Stiefel nach dem echt schlecht – weil ungeübt, ich geb’s ja zu – zu erreichenden Seitenständer. Aber sicher, weich und bequem sitze ich da tief im Sattel, das langt bestimmt für eine längere Tour ohne Pein am Hintern. Nur, der schmale Tank lässt wiederum nichts Gutes für die Reichweite erahnen. Doch dazu kommen wir dann später noch. Erst mal lugt das 19-Zoll-mächtige Vorderrad von Hildegard neugierig zur Straße raus.

Harley Sportster XL 1200 Nightster Bild 7

Zeitensprung

Was bietet sich in Bayerns Landeshauptstadt besseres an einem Samstagnachmittag an, als die schnieke Nightster dem Münchner Adel auf der Leopoldstraße, am Siegestor und hernach zum Kaffee im Hofgarten vorzuführen? Bei Kammermusik, lauem Lüftchen und sogar unter den Augen der gestrengen Ordnungshüter, früher genannt „Sheriffs“… da wird sogar die Kellnerin unter den Arkaden schwach und posiert mit der Harley zwischen barockem Gestühl. Noch von der brausenden Anfahrt knistert das erhitzte Eisen auf dem weißen Kies im Südteil des Englischen Gartens, da kommt die Exekutive gleich in Zwei-Mann-Stärke daher. Und lässt sich im anregenden Gespräch alle relevanten Daten zur neuen Sportster XL1200N preisgeben. Auf preußisch, selbstverständlich. Mit Münchner Unterstützung, zum Glück. Und was interessiert das gestandene Mannsbild mit dem Revolver freundlich an der Seite gegürtet am meisten? Natürlich, die Leistung. Okay, da lässt sich bei einem derartigen V-Twin jetzt nicht wirklich Staat machen noch beim Quartett ein preisverdächtiger Stich, eh klar. Aber die 67 PS sind bei 5.700 U/min und anstehenden 98 Nm im Dreitausender Bereich bestens angelegt. Schließlich ist dieses gediegen angedachte Reiteisen nicht für den Racetrack auf die traditionellen Speichenräder gestellt worden. Da braucht’s dann auch nicht mehr als eine 292 mm Scheibe vorn zur Reduktion von Geschwindigkeit, die hinten sowieso ergiebiger bei selbigem Durchmesser eingesetzt wird. „Harleys bremst man hinten“, schwebt mir da der mahnende Satz von Lupo im Hirn – der muss es wissen, fährt schließlich seit Menschen Gedenken seine „Late Shovelhead“ aus Baujahr 1958 und nahezu seitdem auch aus eigener Mannes-Kraft auf den eigenen zwei Rädern, zu den einschlägigen Treffpunkten oder auch quer durchs gesamte Sauerland von seinem Dorsten aus. Der wäre auch beim Anblick dieser Nightster zumindest milde gestimmt und käme gleich wieder mit seinem Lieblings-Satz zu mir rüber: „Wenn du einmal eine Harley gefahren hast, willste deine Joghurtbecher gar nicht mehr. Glück auf!“

Harley Sportster XL 1200 Nightster Bild 1

Freisein

Ja, aber, die stählerne Hildegard – ihr seht schon, das Mädchen wächst einem schnell ans Herz – bringt trotz ihres relativ dürren Aussehens und den lichten Faltenbälgen an den schmalen Gabelrohren stolze 259 Kilo vollgetankt auf die Waage. Wie sollte sich das auf längeren Strecken und im kurvenreichen Gebirge ausgehen? Erstmal: mit dem hohen Lenker lässt es sich tatsächlich akkurat durch noch so enge Kurven steuern, stelle ich mit Erstaunen im Münchner Umland fest. Da macht es eine Freude, die für solche Fahrzeuge charakteristisch geringe Schräglagen-Freiheit auszunutzen, um die hervorstehenden Angstnippel gepflegt und für nachfolgende Vollverkleidete spektakulär und geziemendlich anzuschleifen, dass es nur so kreischt am Bitumen. „Yippiehyaijeajei!“ Nebenbei darf diese Sportster mit einer Novität aufwarten: Die Nightster kommt des nächtens ganz ohne Rücklicht aus, denn wie in den USA schon immer erlaubt, darf sie hier gleichzeitig in den Rücklichtern bremsen, blinken und die Nacht zum Tag machen...:-D

Harley Sportster XL 1200 Nightster Bild 11

Take Five

Aber dann: auf dem schnellen Weg über die Autobahn hat die Gute bereits ihren Highspeed-Test hinter sich gebracht. Hast du erstmal alle fünf Gänge auf die Spitze getrieben, kommst du ab 160 km/h nur noch ganz allmählich dem Höhepunkt entgegen, der sich so bei 185 km/h abspielt. Aber da magst Du schon länger nicht mehr wirklich am Kabel ziehen. Schließlich, für nur „volle Lotte“ ist die Hildegard eh viel zu schade. Und führt eher zu argem Schwund der paar Gallönchen, wo doch eh nur gefühlt zehn Liter in das knapp geschnittene Gefäß gedrückt werden können. In Wirklichkeit sind’s 12,5, okay. Da heißt es bei längeren Touren dann doch öfter mal zum Zichten- und Sprit-Einwerfen anhalten. Das brauchst Du eh, wegen der eher spartanisch gehaltenen Federung an der Nightster, so hart nehmen dich die wenig ergiebigen Federbeine am Heck auf löchrigem Fahrbahnbelag ran. Das ist eben nichts für wirkliche Weicheier. Oder Prinzessinnen auf der Erbse. Auch die Gabeldämpfung bringt keine Linderung. Wenn du schon das wahre Leben spüren willst, dann auch in voller Härte. Wie bei den Altvorderen. Ein Blick auf den Luftprüfer bestätigt zwar einen etwas zu geringen Reifen-Luftdruck bei den speziell für die Sportster zugelassenen Dunlops, aber mehr Bar als 2,5 hinten und 2,1 vorn machen nicht mehr Sinn. Was soll’s, schieb Dir einfach `nen Kaugummi lässig ins Gebiss, das federt dann schon genug zwischen den Zahnreihen. Und bringt dir auch noch die lässige Coolness zum seligen Grinsen, das dir diese urwüchsige Harley per se ins Gesicht treibt. Ganz frei und ungezwungen. Genauso ist diese Sportster gemeint. Sei so frei!

Text: Sabine Welte
Fotos: Welte/Agnomic

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