Kawasaki ZX-9R

Kawasaki ZX-9R


Sie ist geheilt!

Während andere immer kompromissloser auf Sportlichkeit setzen, geht Kawasaki mit der ZX-9R einen anderen Weg.

Im internen japanischen Supersport-Duell der prestigeträchtigen Big-Bikes ging die Kawasaki ZX-9R in den letzten Jahren fast ein wenig unter. Zuerst definierte Honda mit der Fireblade den sportlichen Bigblock-Reihenvierer über ein konkurrenzlos niedriges Gewicht neu, dann überraschte Yamaha mit der unerwartet kompakten und leistungsstarken R1. Honda konterte mit einer aufgerüsteten Fireblade, und der Überflieger der Saison 2001 war die Suzuki GSX-R 1000, nochmals stärker als die R1 und trotzdem besser beherrschbar.

Wieder Schrittmacher?

Werden die Modelle aufgezählt, welche die Entwicklung der Supersport-Big-Bikes prägten, so wird mit der GPz 900 R Mitte der 80er letztmals eine Kawasaki erwähnt. Nicht dass Kawasaki in diesem Segment seither keine bemerkenswerten Maschinen mehr gebaut hätte. Doch Schrittmacher bei den großen Donnerbolzen, einst die Domäne der Grünen, sind heute andere. Übermächtige Konkurrenz? So hat denn im Jahre 2002 die neue Kawasaki ZX-9R Ninja die undankbare Aufgabe, sich neben den sensationellen Marschflugkörpern, deren Namen in aller Munde sind, zu brillieren und um Aufmerksamkeit zu buhlen. Dürfte nicht ganz einfach werden. Dabei haben sie sich wirklich am Riemen gerissen bei Kawasaki und emsig an der 9er gearbeitet. Der Rahmen, der im begründeten Verdacht stand, durch Resonanzschwingungen im Lenkkopfbereich beim harten Bremsen auf der Rennstrecke Gabelflattern zu verursachen, wurde durch eine Neukonstruktion ersetzt. Bei diesem neuen Rahmen wurde eine zweite Verschraubung der bisher schon vorhandenen Verschraubung vorgenommen. Zusammen mit einem verstärkten Lenkkopfbereich soll das die Steifigkeit im vorderen Teil des Rahmens wesentlich erhöhen. Dank eines Oberzuges ebenfalls steifer gebaut, ist die neue Schwinge. Gabel und Federbein wurden entsprechend dem steiferen Chassis neu abgestimmt, wobei die Kinematik der Umlenkhebelei aufs hintere Federbein geändert wurde. Für mehr Steifigkeit im Fahrwerk wurden zudem die Durchmesser der Radachsen erhöht, und die Maulweite der hinteren Felge wuchs auf sechs Zoll. Mit anderen Worten: Der 900er Kawa neuesten Jahrgangs wurde nicht nur, aber auch, ein schlankeres Heck ohne die grässlichen Beifahrer-Haltegriffe verpasst. Konsequenterweise ist im Lieferumfang eine Kunststoff-Abdeckung enthalten, einfach zu montieren an Stelle des Sozius-Sitzbrötchens. Unter dieser Abdeckung ist Platz für eine eng zusammengerollte Regenkombi. Am Motor finden wir neue Fallstromvergaser mit Semi-Flachschiebern, die Kurbelwelle ist für mehr Drehmoment im unteren Bereich nun 10 Prozent schwerer, und neu hat auch die 900er- Kawasaki eine Auspuffanlage (teilweise) aus Titan.

Fahrversuch

Wir fuhren die neue ZX-9R im winterlichen Norditalien, wo die Temperaturen zwar wärmer, aber trotzdem nicht so ganz ideal waren, um ein Supersport-Motorrad zu fahren. Da wurde der gute Windschutz für Oberkörper und Beine umso dankbarer zur Kenntnis genommen. Überhaupt könnte man diese Kawasaki ob dem guten Windschutz und Kniewinkel schon bald als Sporttourer bezeichnen, doch das würden wir uns nie getrauen, wurde dieses Kunstwort doch als Bezeichnung für Sportmotorräder mit schlecht liegendem Fahrwerk erfunden. Die Zeit der ZXR-Folterbänke ist jedenfalls vorbei, lediglich einen schmaleren Knieschluss würde sich der Landstrassen - Eilfahrer noch wünschen. In dieses Bild des potenten Landstrassen-Sportmotorrades passt auch die kleine Digital-Zeituhr im Drehzahlmesser und der Analog-Tacho.

Sie flattert nicht mehr!

Natürlich versuchten wir durch Zielbremsungen wiederholt, das viel besprochene Gabelflattern zu provozieren, was uns aber nicht gelang. Wir konnten uns bei dieser Gelegenheit immerhin vom tadellosen Funktionieren der neuen Vorderbremse mit nun 320 statt 310 mm Scheibendurchmesser und Vier- statt Sechskolbenzangen überzeugen. Und auch die hintere Bremse wurde bei zweifelhaften Straßenverhältnissen wegen der guten Dosierbarkeit gerne benutzt. Die Federelemente sind ein guter Kompromiss und für ein Sportmotorrad erstaunlich komfortabel, ohne dass darunter die Straßenlage leiden würde. Das Handling geht angesichts der 190er-Walze auf dem Hinterrad in Ordnung. Die Stärke der Kawa ist das sichere Grundgefühl, welches auch auf welligem Belag verbreitet wird. Kickback konnten wir nur in ganz harmlosen Ansätzen feststellen. Aufnahmen für die nachträgliche Montage eines Lenkungsdämpfers sind zwar da, und wir sind dankbar dafür, doch auf der Landstrasse dürfte der Lenkungsberuhiger nicht nötig sein.

Er rupft noch immer

Der Motor ist weitgehend der gleiche geblieben, auf den neuesten Modelljahrgang gibts eine neue Vergaserbatterie und eine schwerere Kurbelwelle. Es handelt sich um eine konventionelle Konstruktion mit den drei Motor-Hauptwellen auf einer Ebene. Der damit im Zusammenhang stehende Radstand von 1417 mm ist für ein Sportmotorrad dieser Tage eher lang, doch sitzen dadurch auch größer gewachsene Fahrer auf der 9er Ninja einigermaßen komfortabel. Der Vierzylinder fiel einerseits durch ein mustergültig zu schaltendes Getriebe auf, selbst bei kaltem Motor ließ sich der erste Gang fast geräuschlos einlegen. Andererseits fiel im mittleren Bereich, etwa zwischen 6.000 und 9.000 U/min bei Aussentemperaturen unter zehn Grad, eine harte Gasannahme auf, nachdem der Motor im Stadtverkehr mit herrlich feiner Gasannahme geglänzt hatte. Auch im oberen Drehzahlbereich ließ sich der Lastwechsel ohne den gefürchteten Ruck im Antriebsstrang bewerkstelligen. Der Motor schiebt unheimlich kraftvoll vorwärts. Und selbst wenn es Sportmaschinen mit noch mehr Power zu kaufen gibt, kann man sich schwer vorstellen, dass jemand auf Landstrasse oder Autobahn noch mehr Leistung benötigt, als sie die Kawa ZX 9R sie bereitstellt. Im Falle der 9er Ninja erfreut einen nicht nur die pure Power, sondern auch die schöne Charakteristik, der satte Druck, der sich bis auf die erwähnte Einschränkung gut dosieren und gezielt einsetzen lässt - auch oder gerade abseits der Rennstrecke.

Text: Rolf Lüthi

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