Kawasaki Mean Streak VN 1500

Kawasaki Mean Streak VN 1500


Mitten ins Herz?

Mean Streak - das heißt soviel wie «Böser Blitz». Beim Test hat es geregnet - hat uns deswegen auch der Blitz getroffen?

Am frühen Morgen ersäuft das beschauliche Dorf Safenwil im Kanton Aargau im Regen. Tiefschwarze Wolken drücken meine Stimmung. Die ganze Nacht schon schüttete es wie aus Kübeln. «Danke, lieber Petrus! Nett, dass Du unseren Test mit der neuen Kawasaki VN 1500 Mean Streak nicht mal mit wenigstens trockenen Strassen unterstützen willst!», schimpfe ich stumm in mich hinein. Kurz darauf kommt auch noch Wind auf. Er muss es gehört haben! Schön behütet und trocken stehen die ersten beiden Mean Streak der Schweiz in der Halle des Generalimporteurs Fibag. Was mir an diesem bleiern-grauen Morgen auffällt: Das Design der Kawasaki passt zum Wetter! Wie jetzt? Sie verstehen nicht, was mich an diesem wirklich hübschen Bike an Regen erinnert? Ganz einfach: Während draußen Milliarden Regentropfen zu Boden stürzen, ergötze ich mich an den weichen, wie Wasser strömenden Formen der Mean Streak. Wie herrlich muss dieser Traum von einem Motorrad in der Sonne funkeln? Chrom, so weit das Auge reicht! Kawasaki hat mit dem bei Cruiser-Fans beliebtesten Metall nicht gegeizt - auch wenn es, so ergibt der Grifftest, manchmal nur Kunststoff ist, der glänzt. Aber Plastik ist halt billiger und obendrein hilft er noch Gewicht zu sparen.

Lust auf mehr

Am Zündschloss, welches gegen den Fahrer zeigt, kann man bei eingeschalteter Zündung den Schlüssel abziehen. Wieder in der Off-Position, arretiert das geschwungene Teil. Dann muss der Schlüssel erneut hineingesteckt und gedreht werden. Ein wirksamer Schutz davor, ihn stecken zu lassen. Aber am Anfang sicher etwas gewöhnungsbedürftig. Beim Druck auf den Startknopf nimmt das überarbeitete 1.470-ccm-Triebwerk willig den Dienst auf, überrascht mit sonorem, tiefem Sound. Ja! So muss ein Cruiser-V2-Hammer tönen! Und auch die in der modernen Chopper-Welt schon ausgestorben geglaubten Vibrationen kommen hier ganz schön mächtig, bei Standgas zittern Tacho und Drehzahlmesser im Takt des Motors. Meine düstere Stimmung ist verschwunden. Ich bekomme Lust auf mehr - ich will Motorrad fahren! In mir scheint die Sonne, was interessiert da das Wetter? Klonk; der erste Gang ist drin. Die einstellbare Kupplung ist selbst mit dicken Handschuhen gut zu bedienen. Langsam kommt die Fuhre in Fahrt. Der V2 hämmert, Kraft wird frei. Ungestüm drücken mich die fast eineinhalb Liter Hubraum nach vorne. Ohne Ruckeln oder Zuckeln dreht der Motor hoch, die Tachonadel strebt hurtig und gleichmäßig nach oben. Es ist wirklich selten, dass ein serienmäßiger Cruiser einen solch elastischen Motor besitzt.

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Zur erfreulichen Drehorgel passt das lang gestreckte Fahrwerk, welches dank des enormen Radstands von 1.705 mm bis hinauf zu jenen Tempi, deren Genuss uns der Gesetzgeber weder zutraut noch erlaubt, mit tadellosem Geradeauslauf aufwartet. Wenn mit einem Cruiser Fahrleistungen jenseits der 180 km/h möglich sind und über Motor und Rahmen jubilierend berichtet werden kann, erwartet man natürlich von den übrigen Bestandteilen dasselbe. Zum Beispiel von der Federung. Hier werden die Cruiser-Ansprüche noch übertroffen. Die sportlich-straff abgestimmte 43-mm Upside-Down-Gabel taucht auch beim starken Bremsen nicht zu stark ein. Trotz ihrer Härte verliert der Fahrer nie den Draht zur Strasse. Ebenso gut arbeiten die hinteren Federbeine: Sie werden ihrem Aussehen nach Sportlichkeit gerecht, sind dazu per Handrädchen ohne Werkzeug in der Federbasis einstellbar. Die Federung lässt - in Verbindung mit dem zumindest für den Fahrer angenehm weich gepolsterten Sattel - keine Wünsche offen. Wer hinten sitzen muss, hat keine Freude! Der Sozius-Sitzbalken ist nur als abfallendes Ende des Fahrerthrons gestaltet und viel zu dünn gepolstert. Hoffen wir, dass Kawasaki oder der Zubehörhandel rasch einen Sozius-Sattel anbietet, der punkto Styling und Komfort zum restlichen Motorrad passt! Bei den Bremsen setzt die japanische Zweiradschmiede wie bei der Federung auf Sportlichkeit. In die beiden vorderen, halbschwimmend gelagerten 320er-Scheiben verbeißen sich Sechskolben-Zangen mit unterschiedlichen Kolbendurchmessern. Zwei Finger am einstellbaren Bremshebel reichen, Dosierbarkeit und Biss sind prima. Die hintere 300-mm-Scheibe mit Zweikolben-Zange benötigt ein wenig Druck, dann ist ihre Wirkung ebenfalls bestens.

Zwei kleine Details

Ich bin vom Gesamteindruck der VN 1500 Mean Streak also positiv überrascht. Nur zwei Details stören mich: Erstens die grausigen Schweißnähte unter dem Lenkkopf, die nach einer (möglichst verchromten) Abdeckung verlangen. Das zweite Detail ist das unpräzise Zündschloss, an dem ich ein paar Mal ein bisschen zu weit gedreht habe, weshalb die Zündung nicht eingeschaltet war. Stärkeres Einrasten wäre gut. Mittlerweile hat der Regen aufgehört, die Fahrbahn trocknet ab. Ich schmettere die Mean Streak vehementer in die Kurven. Handlichkeit und Stabilität sind für einen so schweren, langen Cruiser vorbildlich. Kurz darauf stelle ich das Motorrad wieder bei der Fibag ab. Viel Arbeit für die Crew: Das Motorrad ist über und über mit eingetrocknetem Dreck bekleistert. Mein Blick schweift noch einmal über die gelungenen Formen, den schönen Klarglas-Scheinwerfer und das geschwungene hintere Schutzblech mit der ovalen, eingelassenen Rückleuchte. Auf dem Heimweg lausche ich dem AC/DC-Hit «Mean Streak». Obwohl der Himmel noch immer grau, dunkel und verhangen ist, fühle ich mich gelb - fröhlich und frei!

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Text: Dominique Lambert

Fotos: Waldemar Da Rin

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