KTM 640 LC4 Adventure

KTM 640 LC4 Adventure


Expansionskurs

Sie fährt sich wie eine KTM. Man setzt sich drauf - und denkt an die Wüste. Digitaler Tacho, analoger Drehzahlmesser, oranges Windschild, knackiger Magura-Lenker, drehfreudiger Motor, hohe Sitzbank, das einzige was fehlt, sind Stollenreifen und die Freiheit einer Vollgasetappe auf einer Wüstenpiste Tunesiens. Glaubt man. Bis man das erste Mal in die Eisen steigt und die mächtige 48-Millimeter USD-Gabel für eine KTM erstaunlich weit nachgibt. Doppelscheibenbremse, aha, hätte man sich denken können, dass das Teil ganz ordentlich verzögert. Doppelscheibenbremse?

Wir stellen uns auf der Hausstrecke den ansässigen Knieschleifern und halten fest: Die 640 Adventure macht auf der griffigen Asphaltstraße keine schlechte Figur. Die Reifen (Metzeler Enduro 3) halten erstaunlich, und wenn man die Bremse erst einmal kennen gelernt hat, kann man am Kurveneingang souverän Meter gut machen. Der LC4-Motor, ein alter Bekannter, ist spritziger geworden und hängt ab 2.500 Umdrehungen ruckfrei am Gas, der Gleichdruck-Vergaser macht’s möglich, das Drehmoment wächst kontinuierlich an, die Kraftentfaltung ist extrem linear. Bei der Optimierung der Zündkurve haben die Ingenieure ganze Arbeit geleistet, und mit ein paar Teilen aus dem Zubehörkatalog lässt sich noch weitere Leistung generieren. Der Kupplungskorb wurde verstärkt, das Getriebe flutscht und an der Kreuzung ist der Leerlauf rasch gefunden.

Zweisamkeit

Das Federbein ist auf der straffen Seite und offenbar auch für Fahrten mit Gepäck und Beifahrer ausgelegt, die Gabel erlaubt ermüdungsfreies Fahren selbst über die Distanz von mehreren hundert Kilometern. Die Ergonomie ist überzeugend. Der Fahrer hat ausreichend Bewegungsfreiheit, das einzige, was stört, ist der Gepäckträger, aber das auch nur bei harter Beschleunigung und weiten Sprüngen im Gelände. Haha! Für den Beifahrer ist genügend Platz vorhanden, und wenn der Beifahrer zu Hause bleibt, kann die Gepäckrolle mit Zelt, Schlafsack, Isomatte und Benzinkocher dank der durchdachten Befestigungsmöglichkeiten stressfrei und auch frühmorgens verzurrt werden. Die Armaturen sind aufgeräumt und übersichtlich, es gibt eine Kühlwasseranzeige, eine Uhr und zwei Tageskilometerzähler, in der Mitte des Cockpits prangt eine 12-Volt-Bordsteckdose, sehr praktisch für GPS, Rasierapparat und Mobiltelefonladekabel. Man könnte auch Heizgriffe ...

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Ready to race?

Nein. Wir möchten mit diesem Motorrad keine Rallye fahren. Zweifelsohne wird die 640 LC4 Adventure vom Hauch der Dakar umweht, der Name ist Programm. Aber unter Rennbedingungen kommt es in der Wüste oft zu Unvorhersehbarem, plötzliche Steinkanten, steil abfallende Queds und hinterhältig abreißende Dünen bringen die Gabel der Adventure an ihre Grenzen. Für solche Überraschungen ist sie schlichtweg zu weich. Auf der Straße hingegen kann man mit der 640 Adventure durchaus reüssieren, auf der Hausstrecke ist man verwirrt und auf der Autobahn gehört die linke Spur uns, der Reisekomfort lässt dank Fahrwerk und Windschild keine Wünsche offen. Respekt. Bei der 640 Adventure ist KTM dem selbst auferlegten Credo „Ready to race“ also nicht treu geblieben. Und: Wir sind froh darüber. Weil, Hand aufs Herz, die Wahrheit sieht so aus, dass wir mit dem Motorrad in die Arbeit fahren, am Sonntagnachmittag einen Ausflug in die nahen Berge machen und, wenn wir zu den glücklichen Menschen zählen, uns einmal im Jahr mit der Motorradpartie in die Südtiroler Berge auf Urlaub begeben. Ein Motorrad muss ein Freund im zweirädrigen Alltag sein und kein Motorrad kann das gesamte Spektrum des Motorradfahrens abdecken. Alles in einem geht nicht. Da bleibt das Rennmotorrad auf der Strecke, und wir vermissen es gar nicht.

KTM zollt der allgemeinen Stimmung gebührende Aufmerksamkeit - und verfolgt zugleich einen strikten Expansionskurs. Ende April hat dieses Denken mit einer neuen Unternehmensanleihe ein lautes Zeichen von sich gegeben. 90 Millionen Euro will man von den Anlegern lukrieren. KTM-Vorstand Rudolf Knünz: „Mit dieser Anleihe werden wir unsere Finanzierungsstruktur verbessern, das Händlernetz ausbauen und die Entwicklung von Straßenmaschinen vorantreiben.“ In Mattighofen geht man den logischen Weg. Die Zukunft des Zweirades liegt auf der Straße, nicht im Gelände, der Kunde verlangt nach grundsoliden Motorrädern, mit denen man hin und wieder die Sau rauslassen kann. Die Zeit der reinen Luxusgeschöpfe ist vorbei, und ungebrochen boomt der Markt der Reiseenduros. Mit dem Relaunch der KTM 640 Adventure hat KTM einen wichtigen Schritt in eine wünschenswerte Richtung gemacht. Die Modellpflege beschert der 640er ein gelungenes, dankbar unauffälliges Design, das an die 950er erinnert und doch eigenständig geblieben ist, zudem gibt es nette Features wie die formschöne Alu-Fußrastenanlage, breite Fußrasten, den Edelstahl-Endtopf, den klappbaren Fußbremshebel, eine Kühlwasseranzeige, Goldflitter in der Lackierung sowie endlich auch einen versperrbaren Tankdeckel.

Evolution orange

Die Duke war der Anfang, die Supermotos waren die Fortsetzung, die 950 Adventure war eine Zwischenstufe, und der Ausflug in die 125er-Klasse der Moto GP ist die Gegenwart des orangen Weges auf die Straße. Die 640 LC4 Adventure stellt nicht den Anspruch auf sportliche Vollkommenheit, sondern glänzt mit Alltags-, Straßen- und Reisetauglichkeit. Die Reifendimension mit 21 Zoll vorne und 18 Zoll hinten eröffnet ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Die kleine Reiseenduro von KTM ist das Missing Link der orangen Evolutionsgeschichte. Sie reiht sich zwanglos ein in die Familie der Honda Africa Twin und der Yamaha Tenere. Zwar ist sie im oberen Preissegment angesiedelt, aber ein wahrlich überzeugendes Gesamtpaket. Das einzig störende Element ist der auf der Straße unnötig hohe Schwerpunkt. Die Massen könnten einfach weiter unten sein, auf Asphalt und im leichten Gelände ist die Bodenfreiheit und Sitzhöhe einer handfesten Enduro kein Thema. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja im nächsten Jahr eine niedrigere Variante der KTM 640 Adventure. Fünf Zentimeter würden reichen, und als Zweitfarbe wünschen wir uns British Racing Green, bitteschön.

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Text & Fotos: Karin Mairitsch

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