Moto Guzzi 1200 Sport

Moto Guzzi 1200 Sport


Stiernacken

Aus dem werkseigenen Baukasten stellt Moto Guzzi eine muskelbepackte Sport 1200 zusammen. Wobei der Beiname Sport, in Verbindung mit der Präsentation auf einer Rennstrecke vielleicht eine irreführende Erwartungshaltung weckt.

Sport-Flaggschiff

Die Sonne steht hoch am Himmel und radiert die letzten Beweise des nächtlichen Unwetters nach und nach aus. So ist mittlerweile immerhin die Ideallinie auf dem vertrackten Kurs von Franciacorta nahe Mailand abgetrocknet. Und auch die Moto Guzzi Sport 1200 fühlt sich von Kurve zu Kurve besser an, was durch gelegentliches Knarzen von Knieschleifern oder Angstnippeln auf dem groben Asphalt bewiesen wird. Alles wird gut, wie man nach kleineren und größeren Rückschlägen zu sagen pflegt, und das betrifft nicht nur diese Pressevorstellung im Besonderen sondern die Traditionsmarke vom Comer See ganz allgemein: Seit der Piaggio-Konzern den Hersteller mit dem Adler-Emblem Anfang 2005 unter seine Fittiche genommen hat, überraschen die Italiener mit einer wahren Flut neuer Modelle: Seit dieser Zeit erfreuen Klassiker wie die Breva, moderne Naked Bikes vom Schlage der Griso und die legendäre California die Freunde großvolumiger Vau-Motoren, erst Mitte letzten Jahres stieß der Tourer Norge hinzu.

Und jetzt ergänzt ein schlicht „1200 Sport“ getauftes sportliches Naked Bike die Palette. Um dem selbst ernannten Anspruch als Sport-Flaggschiff der Guzzi-Modellpalette gerecht zu werden, zeigt sich der Antrieb aufgepeppt. Startnummernfelder auf der Bikini-Lampenverkleidung und dem Höcker künden vom gestiegenen Anspruch. Doch der Auftritt auf der kleinen Rennstrecke von Franciacorta macht schnell klar, dass dieses Motorrad eher ein großer, kräftiger Allrounder mit typisch luftgekühltem Vau-Zwo für die Straße und nicht die Rennstrecke ist.

Landstraßen-Gene

Das ist nicht weiter verwunderlich, denn für die Zutaten der Sport bedienten sich die Entwickler im gut gefüllten Regal des Hauses – nur das ebenso Zeit wie Kosten sparende Baukastensystem erlaubt einem vergleichsweise kleinen Unternehmen wie Moto Guzzi diese hohe Schlagzahl bei den Neumodellen. So liegen die Gene dieses Motorrads auf der Landstraße, schließlich standen das Naked Bike Breva 1100 und der Tourer Norge Pate für die Sport: Als gute Guzzi-Tradition bildet ein längs eingebauter, luftgekühlter 90-Grad-Vau mit Kardanantrieb das Herzstück der Sport. Der 1151 Kubikzentimeter große Vau stammt aus der Norge, mit gleicher Verdichtung von 9,8:1 und identischem Zylinderkopf samt der neuen Doppelzündung. Unterschiede sind geänderte Steuerzeiten und ein überarbeiteter Luftfilter, eine neue Airbox und ein mächtiger Einzelschalldämpfer, die für freiere Atmung bei hohen Drehzahlen sorgen – klar, dass bei diesen Maßnahmen auch die Motorsteuerung angepasst werden musste.

relative Sportlichkeit

Das hubraumstarke Charakterstück überzeugt mit tiefem Pulsieren und einer kräftigen Auspuffnote. Die klassische Technik mit untenliegender Nockenwelle, Stoßstangen und zwei Ventilen bringt es jedoch auf unter Supersportlern vergleichsweise bescheidene 93 PS. Damit relativieren sich ungeachtet des Namens die sportiven Ambitionen der Sport. Außerdem leistet sich der Vau eine leichte Drehmomentschwäche um 4.000 Touren und kräftige Lastwechselschläge aus dem Kardanstrang, die im Fahrbetrieb stören. Auch satte 248 Kilo Fahrzeuggewicht sind der Dynamik nicht gerade zuträglich. Für die Pfunde ist natürlich dieses Monument von Motor verantwortlich, aber auch das weitgehend unveränderte Chassis des Klassikers Breva 1100, in dem der Vau steckt. Das Gewicht spürt man im Stand und den engen Erste-Gang-Schikanen, ansonsten kann die ausgewogene Fahrwerksgeometrie die Kilos wirkungsvoll überspielen. Für den Rennstreckeneinsatz sind die Federelemente in der Grundabstimmung zu soft ausgelegt. So taucht trotz leichter Überarbeitung die Gabel beim Anbremsen der Kehren sehr tief ein, und das Heck gerät schnell ins Pumpen. Etwas besser wird’s nach umfangreichen Einstellarbeiten, die nicht zuletzt wegen der hydraulischen Federvorspannungsverstellung des Federbeins im Handumdrehen erledigt sind.

Gutes Handling

Doch die Guzzi gehört nicht auf die Rennstrecke, trotz Präsentation in Franciacorta – sie besitzt andere Qualitäten, beispielsweise den hohen Erlebniswert. Auf einem kurzen Landstraßenritt nach der Testsession erfreut sie mit einem ausgewogenen und komfortablen Fahrverhalten, das sie nicht zuletzt den sensiblen Federelementen verdankt. Gutes Handling ermöglicht der breite und hohe Rohrlenker, allerdings zwingt er in eine nach vorn gestreckte, auf Dauer angestrengte Haltung. Dass die 1200er mehr Tourensport als Rennstrecke im Sinn hat, verdeutlichen der durchaus passable Windschutz, langstreckentaugliche 23 Liter im Tank und die gute Rücksicht in den Spiegeln. Ein optionales Koffersystem und die ab Frühjahr erhältliche Version mit ABS weisen in die richtige, allroundige Richtung – der sportlichen Lampenverkleidung und brachialen Wave-Bremsscheiben zum Trotz.

Text: Thilo Kozik
Fotos: Werk

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