MV Agusta F4 1000 S

MV Agusta F4 1000 S


Schnelle Diva

177 PS stark, 192 kg leicht und 301 km/h schnell. Die MV Agusta F4 1000 S ist konsequent auf Höchstleistung getrimmt. Und sie macht höllisch viel Spaß – selbst, wenn der dichte Mailänder Nebel die Piste in eine Rutschbahn verwandelt.

Ein Mythos

MV Agusta – das ist auch eine Legende, ein Mythos, eine Verpflichtung. Ein Name, der untrennbar verbunden ist mit WM-Titeln, Rennsport, gesperrten Pisten und adrenalinschwangeren Beschleunigungsorgien. So weit, so gut.

Schönheitsfehler

Allerdings krankte die jüngere Geschichte der Traditionsmarke unter einem Schönheitsfehler. Einem winzigen Haken, der allerdings wie ein böser Stachel fies ins Fleisch der MV-Agusta-Obrigkeit stach: Der 750-ccm-Motor wurde von manchem Kunden und vor allem von der Fachpresse als etwas zu schwächlich gerügt. Die Konsequenz war klar: mehr Power muss her. Wie so oft bei den Italienern hat es etwas gedauert, dafür kann sich das Resultat sehen lassen. Optisch quasi unverändert strahlt die MV Agusta F4 1000 S ungleich heller als ihre – obwohl die Ältere – kleine Schwester. 166 PS sind ein Wort. 166 PS stehen als Ansage mächtig im Raum, wenn sich die Diskussion am Biker-Stammtisch oder in der Boxengasse um die potente Supersportler-1-Liter-Liga dreht. Völlig diskussionsfrei: 301 km/h Spitze. Das schafft kein Japaner – sind ja alle auf 299 km/h runtergeregelt. Die Italiener nehmen es mit der politische Korrektheit gottlob noch immer eher etwas lockerer.

Italienische Feinarbeit

Dasselbe gilt allerdings leider auch allzu oft für ihre Hingabe an die tägliche Arbeit, für die Exaktheit ihres Handelns. Nicht so bei der MV Agusta-Truppe! Blitzsauber verarbeitet präsentiert sich mein Testexemplar der neuen F4 1000 S. Da passt jedes Spaltmaß, da überzeugt jede Schweißnaht, da ist jedes Kabel sauber verlegt. Und es gibt für das Kind im Manne jede Menge Schönheiten, hunderte Details, an denen man sich ergötzen kann. Schön: Dank einstellbarer Fußrasten und Lenkerstummel finden kleine wie große Piloten die persönlich-ideale Sitzposition. Klar, dass auch die Federungskomponenten, Heckhöhe und Schwingendrehpunkt variabel sind – schließlich muss ja immer für jede Piste und jede Wetterlage die richtige Einstellung ausgetüftelt werden können. Man sollte sich allerdings, wenn man das Ganze ernsthaft betreiben will, ein Notizbuch in die Kombi stecken, in dem man alle Klicks und Drehs und Markers aufnotieren kann. Merken kann sich die angesichts der Vielfalt der Schräubchen, Rädchen und Mütterchen nämlich kein Mensch. Einprägen sollte man sich dafür den Einstandspreis von immerhin 20.000 Euro, die der freundliche MV Agusta-Händler für die F4 1000 S verlangt. Vor allem, wenn – wie beim Test – gemeiner Nebel die Teststrecke glitschig macht wie die Haut eines frisch gefangenen Aals, die MV-Agusta-Ingenieure aber echte Action und vollen Einsatz sehen wollen! Ohne die zuvorkommende Hilfe der Pirelli-Crew, die uns flugs super-griffige Regenrenngummis aufzog, hätten wir uns alle bis auf die Knochen blamiert! An dieser Stelle: heißer Dank dem Ingenieur, der die Schnellverschluss-Klemmen an die Gabel konstruierte und dem Finanz-Verantwortlichen, der diese Verschwendung im Lastenheft belassen hat – mille grazie!

Ab auf die Piste

So gerüstet geht’s locker-flockig und guten Mutes, begleitet vom heiseren Fauchen des Vierzylinders, raus auf die Piste. Dort zaubert die MV Agusta schwarze Striche auf den Asphalt und ein breites Grinsen ins Gesicht des Fahrers, trompetet unbekümmert laut aus den vier Endrohren, kreischt aus der Airbox ins Ohr des Fahrers, dass es eine Freude ist. Das ist pure Emotion, reine Fahrfreude, begeisternde Technik in Formvollendung. Das Fahrwerk arbeitet superb, das Handling ist flink, die Neutralität in Schräglage so gut wie die Stabilität beim harten Anbremsen. Und der Motor schiebt aus jeder Drehzahl kräftig genug vorwärts. Nur emotionsfreie Erbsenzähler mäkeln nach einigen flotten Runden über Unzulänglichkeiten wie die im wahrsten Sinne des Wortes „rücksichtslosen“ Spiegel oder den riesigen Wendekreis. Auch beim Rangieren zwischen Lenker und Tank geklemmte Finger, ein von der Auspuffanlage übel aufgeheizter Hintern, die für den Alltagsgebrauch klar zu harte Federung, die anstrengend gebückte Sitzposition und die bisweilen ruppige Gasannahme sind keinesfalls wegdiskutierbar. Doch stören tut das alles wirklich nur im Alltag. Auf der Piste passt alles super. Und genau da gehört die potente und wunderschöne italienische Diva hin. Für Bundesstraßen und Citystau gibt’s besseres und billigeres Motorradmaterial. Für Sprünge, freiwillige Stürze oder gar 180-Grad-Kehren auf losem Untergrund ist jede MV Agusta indes definitiv zu schade. Ob Howard wirklich weiß, was er seiner Stunt-SPR angetan hat? Lest selbst im folgendem Interview.