MZ 1000 SF

MZ 1000 SF


Zweier-Reihe

MZ will aus dem ostalgischen Eck heraus – und ist mit dem neuen 1000-Kubik-Streetfighter MZ 1000 SF auf dem besten Weg dazu. Die Marke hat mehr zu bieten als man (hierzulande) glauben möchte.

Stinkende Zweitakter

„MZ? Die gibt es noch? Sind die nicht in Konkurs gegangen? Oder machen die noch immer diese stinkenden Zweitakter? Ha?“ ... Also langsam. Ja, es gibt MZ noch. Ja, sie sind in Konkurs gegangen. Im Jahr Sechs nach der deutschen Wende war das. Die ehemals Ostdeutschen kaptitulierten vor dem Kapitalismus und ließen sich vom malaiischen Hong Leong-Konzern übernehmen.

Und, nein, jetzt machen sie keine stinkenden Zweitakter mehr. Jetzt produziert MZ erfolgreich 125er-Viertakt-Mopeds und hat zwei 660er-Modelle im Programm, die einen betagten Yamaha-Einzylinder-Motor im Herzen tragen, der in Bälde nicht mehr die EU-Abgasnormen erfüllen wird. Naja.

Aber dann!

Dann gibt es noch die andere Liga bei MZ, nämlich jene der 1000-Kubik-Viertakt-Zweizylinder. Und die ist interessant! Denn die Marke MZ will weiter, will den Ruf der kommunistischen Motorradschmiede endgültig loswerden; ordentliche, ehrliche, erdige Motorräder bauen und in der bizyklen Erwachsenenwelt akzeptiert werden. Die 150-köpfige Belegschaft in Zschopau ist nicht nur hochmotiviert, sie ist komplett infiziert, lebt, liebt und atmet MZ. Der aus München stammende 36-jährige Geschäftsführer Christoph Baumgärnter drückt es so aus: „MZ ist mein Leben!“ Und wir glauben ihm. Im Jahr 2000 hat uns MZ auf der Intermot den Mund wässrig gemacht (oder es doch zumindest versucht), hat einen 1000er-Sportler mit neuen Ecken und Kanten vorgestellt - und sich dann drei lange Jahre Zeit gelassen, bis die erste MZ 1000 S beim Händler stand. Ein interessantes Motorrad, das der deutschen Motorradschmiede den Weg in die Liga der Ernstzunehmenden eröffnet hat und nun in der unverkleideten Version der 1000 SF seine Fortsetzung findet.

Unkonventionell, klar

Der Zweizylinder-Reihenmotor ist eine Eigenentwicklung von MZ. Für das unkonventionelle Konzept hat man sich bewusst entschieden, nicht zuletzt aus der Überlegung heraus, dass man den Motor relativ einfach halbieren, und einen Einzylinder daraus machen kann (siehe oben: Die Tage der 660er-Luftpumpe sind gezählt). Da ist also einiges in der Pipeline in Sachsen. Aber geben wir lieber in der Gegenwart Gas! Die Leistung des Twins ist beeindruckend: Satte 113 Pferde werden ans Hinterrad geschickt, von der Abstimmungsschwäche der ersten S-Modelle im unteren Drehzahlbereich und bei der Gasannahme ist bei der SF nichts mehr zu spüren. Die neue Abstimmung des Motormanagements und geänderte Nockenwellen-Steuerzeiten brachten dem Reaktor Manieren bei ohne ihm seinen Charakter zu nehmen. Unter 2.500 Umdrehungen gibt er sich zwar recht ruppig, aber seien wir doch ehrlich, es handelt sich hier nicht um einen weichgespülten Vierzylinder, sondern ein Litertier mit zwei großen Fäusten. Das darf ruhig swingen! Ab 3.000 schiebt die MZ dann in jedem Gang mit Nachdruck an, erreicht ihr Leistungsmaximum bei 9.000 und brüllt bei 9.500 wie ein schlecht gelaunter Tenor in den Begrenzer. Der Soundtrack dazu ist eigenständig, hämmernd-hart, und näher an dem eines Vierzylinders als am Twin. Das gut abgestufte Sechsgang-Kassettengetriebe funktioniert auf hohem Niveau einwandfrei, lässt sich problemlos durchladen und selbst der Leerlauf versteckt sich nie in den Tiefen der Gangräder.

Ostdeutsche Unerschütterlichkeit

Der großzügig dimensionierte Chrom-Molybdänrahmen der SF bildet das unerschütterliche Rückgrat des exzellenten MZ-Fahrwerks. Einer doppelläufigen Schrotflinte gleich schießt er mattgrau links und rechts am Motor vorbei, der Heckrahmen ist angeschraubt. Im Lenkkopf dreht sich eine 43er Marzocchi USD-Gabel, die für europäische Straßenverhältnisse gut, für Rennfahrer ein wenig zu soft abgestimmt ist. Aber nichts, was man nicht mit etwas zäherem Gabelöl in den Griff bekommen würde. Unterstützt wird das einfache Handling vom breiten Superbike-Lenker und bester konifizierter Alu-Hardware, super fein. In Kombination mit den recht hohen Fußrasten ergibt sich eine entspannte Attacke-Haltung, wie geschaffen für die Landstraßen-Jagd. Kongeniale Partner der Vorderhand sind das voll einstellbare Sachs-Federbein mit hydraulischer Federvorspannung sowie die bis auf eine Naht sehr schön geschweißte Cantilever-Aluschwinge. Den liebevollen Feinschliff der MZ 1000 SF bemerkt man im Detail. Am freizügig zur Schau gestellten Motor werden Kühlerverkleidung und Bugspoiler durch genietete Alubleche geformt. Der Unwissende vermutet Bastelwerk, der Kenner weiß um Formsprache a lá Road Racing. Im positiven Sinne typisch ostdeutsch ist die praxisorientierte Konstruktion. So lässt sich der Zylinderkopf auch ohne Motorausbau abnehmen und ein Kerzenwechsel geht in Minutenschnelle über die (Hebe)-Bühne. Viel aerodynamische Arbeit steckt in der smarten Minischeibe des reichlich weit vorstehenden insektoiden Scheinwerfers. Sie hält dank intelligenter, zweigeteilter Führung des Luftstroms den Fahrtwind bis zur beachtlichen Geschwindigkeit von 180 Stundenkilometern in absolut erträglichen Grenzen. Und das Tempo kann man lange halten, denn der extragroße 25-Liter-Tank ermöglicht TDI-gleiche Reichweiten.

Fazit

Es heißt umdenken in Deutschland. In der MZ 1000 SF findet nicht nur der Twin-Fan ein exzellentes Motorrad mit edlen Komponenten, hochwertiger, intelligenter Verarbeitung und viel Liebe zum Detail, und das zu einem erstaunlichen Preis. Dass auf dem Tank „MZ“ steht will man mit all den Gespenstern der Vergangenheit im Kopf gar nicht glauben. Die Arbeit an diesem Vorurteil wird der härteste Job für die Zschopauer. Aber sie haben das richtige Rüstzeug dafür.